«Nicht nur in der SVP gibt es Vorbehalte gegen gut ausgebildete Einwanderer»
Von Mirjam Comtesse. Aktualisiert am 10.10.2011 18 Kommentare
Zur Person
Peter Schneider lädt zum Interview zu sich in seine psychoanalytische Praxis in Zürich. Die Wände sind vollgestellt mit Büchern. Geboren ist Peter Schneider 1957 im Ruhrgebiet. Er studierte Philosophie, Germanistik – und auch ein wenig Psychologie – in Bochum, Münster und Zürich.
In Zürich, wo er seit 30 Jahren wohnt, liess er sich zum Psychoanalytiker ausbilden. Schneider arbeitet auch als Satiriker und Kolumnist. Auf DRS3 präsentiert er «Die andere Presseschau», für die «SonntagsZeitung» schreibt er eine Kolumne, im «Tages-Anzeiger» und «Bund» beantwortet er jede Woche Leserfragen. Gerade ist die dritte Sammlung seiner Antworten unter dem Titel «Frühchinesisch» erschienen. Am Mittwoch, 19.Oktober, um 20 Uhr wird der Autor das Buch in der Thalia-Buchhandlung in Bern vorstellen. Neben seinen humoristischen Werken hat Peter Schneider auch zahlreiche wissenschaftliche Beiträge zur Psychoanalyse publiziert. Er lehrt als Privatdozent für Psychoanalyse an der Universität Bremen und als Dozent an der Uni Zürich. Schneider ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn.
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Herr Schneider, Sie äussern sich häufig zu politischen Themen. Kann man mit Blick auf Ihre Beiträge und Kolumnen davon ausgehen, dass Sie keine rechten Parteien wählen?
Peter Schneider: Ja, kann man. Bei diesen Wahlen habe ich – für einmal unverändert – die SP-Liste eingeworfen.
Das sagen Sie so offen?
Ich bin weit entfernt davon, ein SP-Parteigänger zu sein. Dafür gehen mir einzelne Exponenten und deren Lieblingsthemen zu sehr auf den Geist. Und als Parteigänger müsste ich zu viele Widersprüche ausblenden. Aber die SP ist die Partei, die in der jetzigen zweiten Finanzkrise das Problem in den Mittelpunkt rückt, dass die immer extremere Vermögensverteilung die Gesellschaft desintegriert und die Politik entpolitisiert.
Dann machen Sie zumindest indirekt Parteipolitik.
Meine Kritik verläuft nicht entlang von Parteigrenzen. In gesellschaftlichen Fragen bin ich erzliberal. Ich bin gegen einen Erzieherstaat. Aber für ein staatliches Engagement in Dingen, welche das Gemeinwohl betreffen. Und dazu zähle ich eine Regulierung der Finanzwirtschaft. Wahrscheinlich fände ich damit auch Zustimmung beim linken FDP-Flügel. Aber wenn ich den FDP-Wahlslogan «Aus Liebe zur Schweiz» sehe, dann denke ich, dass solcher unpolitischer Patriotismus an unseren aktuellen Problemen vorbeizielt.
Sie bemängeln immer wieder, dass viele Parteien Ressentiments schüren. Wie empfinden Sie den aktuellen Wahlkampf?
Er war bisher verhalten. Von der Kampagne der SVP gegen die Massenzuwanderung einmal abgesehen. Die ist zum Kotzen. Man darf bei diesen Diskussionen allerdings nicht vergessen, dass es nicht nur in der SVP Antiintellektualismus gibt und Vorbehalte gegen gut ausgebildete europäische Einwanderer. Ich weiss nicht, wie viel klammheimliche Zustimmung für die Kampagne gegen deutsche Professoren vor zwei Jahren es auch in sonst eher linken akademischen Kreisen gegeben hat.
Aus Angst vor möglicher Konkurrenz?
Zum Beispiel. Die Debatte um eine Masseneinwanderung könnte nun sogar einen Ökodreh finden. Die Mischung aus Volkspädagogik, Überfremdungsangst und Ökoglauben könnte eine gefährlicheMischung abgeben.
Politik, Religion, Anstandsfragen: Kein Thema ist vor Ihnen sicher. Woher kommt das Bedürfnis, zu allem Stellung zu nehmen?
Einerseits werde ich zu den verschiedensten Themen angefragt. Und da ich ein verbindlicher Mensch bin, fällt es mir schwer, Nein zu sagen. Andererseits greife ich gerne in die gesellschaftlichen Diskussionen ein. Ich sehe meine Beiträge als politische Interventionen.
Sie haben mit der Journalistin Andrea Schafroth das Erziehungsbuch «Cool Down» geschrieben. War das auch eine politische Intervention?
Ja, denn das Buch handelt nicht in erster Linie davon, wie man seine Kinder erziehen soll. Es ist vielmehr eine Kritik an einer bestimmten politischen Auffassung von Erziehung. Etwa daran, dass man der Erziehung plötzlich eine Art Fünfjahresplan aufhalsen will.
Wie meinen Sie das?
Man verlangt von der Erziehung einen kontrollierten Input mit einem kontrollierten Output: Was die Eltern tun oder nicht tun, soll sich direkt auf das Kind auswirken. Was man ebenfalls nur noch lächerlich finden kann: dass man in einer Gesellschaft, die vom Einzelnen bis zum Zerreissen Flexibilität im Arbeitsleben abverlangt, in der Familie in einem grotesken Masse fixe Rituale wie etwa das gemeinsame Mittagessen fordert.
Woher kommt das?
Das sind Komplementärbewegungen. In der Wirtschaft predigt man den freien Markt, das Zurückbuchstabieren des Staates auf allen möglichen Gebieten. Dafür darf die maximale Regulierung in der Erziehung fröhliche Urstände feiern. Man kann auch sagen: Der Familie wird aufgehalst, was der schlanke Staat unter keinen Umständen tun soll.
Dabei sind es doch vor allem bürgerliche Kreise, die gemeinsame Rituale in der Familie wollen.
Das ist ja das unfreiwillig Komische, Anachronistische und Absurde. Wenn man nun statt von Kuschelpädagogik von der Kuschelökonomie ohne Regulierungen und voller Laissez-faire redete, dann würden gewisse Leute aufjaulen. Man macht hier eine Kehrtwendung, die – wenn sie nicht so reaktionär wäre – eigentlich die Karikatur des real existierenden habenden Sozialismus sein könnte.
Und bei solchen Widersprüchen überkommt Sie das Bedürfnis, sich einzuschalten?
Ja, das sind Diskussionen, denen man sich nicht entziehen kann, solange man noch Zeitungen liest. Gewisse Aussagen nerven mich derart, dass ich meine Klappe nicht halten kann.
In Ihrer Radiosatire «Die andere Presseschau» kritisieren Sie die vielen unbedarften Texte in den Zeitungen. Finden Sie Radio und Fernsehen so viel besser?
Radio höre ich nicht, und im Fernsehen schaue ich fast nur Filme. Zeitungen dagegen habe ich immer zur Hand. Es gibt Dinge, die sind genug schwierig zu verstehen. Und gute Journalisten schaffen es, komplexe Zusammenhänge – etwa wirtschaftliche – auch in grösseren Zusammenhängen zu erklären. Da finde ich es eine sträfliche Vernachlässigung, den knappen Platz mit völlig irrelevanten Nachrichten zu füllen. Ich bin kein Feind von Unterhaltung, und ich finde Tierbildli auch wahnsinnig niedlich. Aber bei vielen Artikeln frage ich mich, ob dafür wirklich unschuldige Bäume sterben müssen.
Vielleicht wollen die Journalisten ihre Leser nicht mit zu komplizierten Texten überfordern.
Von jedem Schüler erwartet man, dass er sich ab und zu durch einen Text arbeitet, den er nicht auf Anhieb versteht. Jemand, der abstimmt, sollte sich auch mal mit einem schwierigeren Sachverhalt auseinandersetzen.
Sie scheuen nicht vor deutlichen Worten zurück. Ecken Sie damit an?
Kaum. Die äusserste Aufregung gab es mal, als ich Erwin Kessler und Brigitte Bardot als durchgeknallte Tierschutzfanatiker bezeichnet habe. Das gab Leserbriefkampagnen. Aber dezidiert bin ich weniger in meiner Meinung, sondern in meiner Ambivalenz. Die Kehrseite gehört bei mir immer dazu. Meistens bin ich höchstens zu 60 Prozent dezidiert.
Und wenn Sie mal eine böse Reaktion erhalten, macht Ihnen das etwas aus, oder stört Sie das gar nicht?
Das macht mir viel aus. Weil ich die hoffnungsvolle Illusion habe, dass ich andere argumentativ überzeugen kann. Oder dass sie versuchen, mir argumentativ zu erklären, wieso sie meine Meinung blöd finden. Aber dass einige Leute blindwütig auf ein Stichwort reagieren und nur darauf warten, ihr verqueres Zeug abzusondern, das deprimiert mich immer wieder. Das kriege ich leider nicht weg.
Auch wenn Sie sich öffentlich gern äussern, privat weiss man sehr wenig von Ihnen. Wieso dieser Widerspruch?
Ich wüsste nicht, welches Interesse es an mir gäbe. Ich glaube, dass es kein unglaublich breites Publikum interessiert, wie ich wohne oder wie ich barfuss auf dem Sofa sitze. Vor Jahren war ich immerhin mal mit in der «Schweizer Illustrierten». Allerdings nicht barfuss und auch bloss mit Fotos meiner Praxis.
Gibt es Themen, zu denen Sie nie etwas sagen würden?
Sport, weil ich davon nichts verstehe. Und wahrscheinlich noch ein paar mehr.
Ihre Kolumnen im «Tages-Anzeiger» und «Bund» sind getränkt von Ironie. Ist die Ironie Ihre Methode, um mit dem Schrecken der Welt umzugehen?
Ja, aber vor allem fände ich mich selbst unerträglich, wenn ich immer ganz eins mit mir wäre. Mich dünkt es doch angenehmer, wenn mir zu jedem Argument – auch meinen eigenen – gleich ein Gegenargument einfällt.
Und wie schaffen Sie es dann, letzten Endes doch eine klare Meinung zu haben?
Man darf vor lauter Ambivalenz nicht nur noch Pirouetten drehen. Es gibt den Moment der Entscheidung. So ist es auch beim Abstimmen. Manchmal stimmt man mit «Ja. Ausrufezeichen», manchmal mit «Ja, aber». Ich finde es deshalb gut, wenn man auf eine Entscheidung zurückkommen kann. Die Wiederholung einer Abstimmung ist also nicht unbedingt Zwängerei. Für das Frauenstimmrecht brauchte es schliesslich auch mehrere Anläufe.
Sie haben einmal in einem Interview gesagt, Humor sei der ironische Bruder der Melancholie. Sind Sie also ein melancholischer Mensch?
Ja. Die Melancholie liegt mir eher als die Fröhlichkeit. Als Club-Med-Animator wäre ich unbrauchbar.
Obwohl Sie früher mal in Paris Tango unterrichtet haben.
Schon als Kind ist mir diese Musik immer sehr eingefahren. Als der Tango in den 80er-Jahren populär wurde, habe ich dann Unterricht genommen und später selber unterrichtet.
Tanzen Sie heute noch?
Nein. Ausser es bietet sich die Gelegenheit. Ich tanze übrigens gar nicht schlecht
Wöchentliche Kolumnen, eine tägliche Radiosendung, die Arbeit als Psychoanalytiker: Sie arbeiten wahnsinnig viel. Macht Ihnen das so viel Spass, oder flüchten Sie vor etwas?
Weder noch. Es wird ja seltsamerweise nie in Erwähnung gezogen, dass man arbeitet, weil man Geld verdienen muss. Nur bei den Working Poor anerkennt man diese Tatsache. Wer sich nur schon knapp oberhalb dieser Stufe befindet, muss erklären, dass er entweder arbeitssüchtig ist oder dass es ihm wahnsinnig viel Freude macht. Ich mag, was ich tue, ich arbeite also nicht wie ein Galeerensträfling, aber eben auch nicht wie ein Grossgrundbesitzer, den das Grossgrundbesitzen nicht genügend ausfüllt. Mein Angebot an alle, die dieses Interview lesen: Wer mir zehn Millionen schenkt, kann sicher sein, dass ich ab sofort nicht mehr arbeiten werde. Mindestens ein paar Jahre lang. (Berner Zeitung)
Erstellt: 10.10.2011, 14:03 Uhr
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In Bayern haben die Deutschen dort schon Probleme damit, wenn ein Deutscher aus dem Deutschen Norden ihren Leuten eine gute Stelle wegschnappt. Wahrlich, es ist nicht nur die SVP, welche Vorbehalte kennt wegen gut ausgebildeten Ausländern. In D ist das Ganze noch viel schlimmer Antworten
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