Nichts ist ohne Alternative – auch nicht der Kapitalismus

Es stehe kein anderer Weg zur Verfügung als die Marktwirtschaft und die Globalisierung, heisst es. Das ist blosse Ideologie, meint der Schriftsteller Lukas Bärfuss.

Mord und Vertreibung sind nicht kompliziert: Flüchtlinge im Kongo, wo das grösste Massaker seit dem Zweiten Weltkrieg stattfindet.

Mord und Vertreibung sind nicht kompliziert: Flüchtlinge im Kongo, wo das grösste Massaker seit dem Zweiten Weltkrieg stattfindet.

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Über den Begriff «Freiheit» nachzudenken, dazu öffentlich und in Gegenwart eines Autors wie Déo Namujimbo, der in seiner Heimat Kongo verfolgt und mit dem Tod bedroht wird, muss einen Schweizer Schriftsteller in Verlegenheit stürzen, und das hat einen bestimmten Grund.

Vor zwanzig Jahren befand sich Friedrich Dürrenmatt in einer vergleichbaren Situation, als er seine berühmteste Rede hielt, die Rede zur Verleihung des Gottlieb-Duttweiler-Preises an den tschechischen Schriftsteller und Staatspräsidenten Vaclav Havel. Bei jener Gelegenheit formulierte Dürrenmatt eine Metapher, die die Diskussion über Freiheit und den Zustand dieses Landes auf Jahre hinaus prägen sollte – die Metapher von der Schweiz als Gefängnis, in dem die Insassen gleichzeitig ihre eigenen Wärter sind.

Eine Metapher, die zum Problem geworden ist, einerlei, ob man sie befürwortet oder ablehnt. Das Problem ist die Unverschämtheit, sich als Schweizer ein hübsches Sinnbild auszudenken und sich damit mit einem Menschen auf dieselbe Stufe zu stellen, dem diese Freiheit keine gute oder schlechte Metapher war, sondern ein gestohlenes Menschenrecht. Der Fette hat sich beim Hungernden nicht über Appetitlosigkeit zu beklagen.

Was heisst das also? Muss, wer in diesem Land lebt, in Demut und Dankbarkeit das Haupt senken und über diesen Begriff schweigen?

Vaclav Havels Resignation

Vielleicht ist es uns heute möglich, die Havel-Rede als das zu betrachten, was sie mittlerweile geworden ist: historisch. Vielleicht gelingt es uns so, mit dieser Rede in ein Gespräch zu kommen, ohne uns angegriffen zu fühlen und ohne sie verteidigen zu müssen.

Dann fällt uns vielleicht zuerst der resignative Ton der Rede auf. Dürrenmatt beschreibt die geschichtliche Entwicklung der vergangenen fünfzig Jahre als eine einzige Abfolge von Katastrophen – und beschwört damit, ohne sie ausdrücklich zu benennen, schon die kommende herauf.

Als Zeugen, wie aussichtslos die gegenwärtige Situation sei, ruft er Vaclav Havel persönlich auf und zitiert ausführlich aus dessen 1978 geschriebenem Essay mit dem Titel: «Versuch, in der Wahrheit zu leben.» Zwanzig Jahre nach Dürrenmatts Rede, mehr als dreissig nach Havels Essay lohnt es sich, dieses Zitat wieder zu lesen.

Joch des Kommunismus wurde durch das des Kapitalismus ersetzt

Havel schreibt: «Es sieht nicht so aus, als ob die traditionellen Demokratien ein Rezept zu bieten hätten, wie man sich grundsätzlich der Eigenbewegung der technischen Zivilisation, der Industrie- und der Konsumgesellschaft widersetzen könnte. Auch sie befinden sich in ihrem Schlepptau und sind ihr gegenüber ratlos. Nur ist die Art, wie sie den Menschen manipulieren, unendlich feiner und raffinierter als die brutale Art des posttotalitären Systems. Aber (...) diese ganzen komplizierten Strukturen der versteckt manipulierenden und expansiven Zentren der Kumulation des Kapitals, dieses allgegenwärtige Diktat des Konsums, der Produktion, der Werbung, des Kommerzes, der Konsumkultur, diese ganze Informationsflut – all dies, schon so oft analysiert und beschrieben, kann man wahrhaftig nur schwer als eine Perspektive, als einen Weg betrachten, auf dem der Mensch wieder zu sich selber finde.»

Erstaunlich: Havel beklagt schon damals, zu Beginn der Neunzigerjahre, das allgegenwärtige Diktat des Konsums. Er litt an der Informationsflut, die doch, verglichen mit heute, nichts anderes als ein Rinnsal gewesen sein kann. Und es erfüllte ihn mit Überdruss, wie oft diese Systeme analysiert worden seien, ohne dass sich dadurch etwas geändert habe. Und all dies, obwohl sich der moderne Kapitalismus gerade erst in die Startblöcke zu seinem weltumspannenden Stafettenlauf begeben hatte.

Von einer Befreiung ist in diesen Zeilen nichts zu spüren. Hier spricht einer, dem das Joch des Kommunismus durch jenes des Kapitalismus ersetzt wurde. Und es ist offensichtlich, wie wenig Havel die kommende Entwicklung infrage stellt. Der Weg, den wir gehen müssen, scheint vorgegeben, nicht aus freier Wahl, sondern weil kein anderer zur Verfügung steht.

Wo bleibt unsere Freiheit?

Die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen, gerade in diesem Land, der Schweiz, in den vergangenen zwanzig Jahren waren heftig – es war, im Guten wie im Schlechten, keine friedliche Zeit. Doch jenseits aller gesellschaftlichen Konflikte gab und gibt es eine Übereinkunft, die jeder gesellschaftliche Akteur akzeptieren muss: das Einverständnis, dass gewisse Entwicklungen ohne Alternativen seien.

So sei die Globalisierung ohne Alternative, weil die freie Marktwirtschaft ohne Alternative ist. Und deshalb ist die Rettung der maroden Banken ohne Alternative. Und daraus folgt dann unter anderem: Der 50-Milliarden-Kredit zur Rettung der UBS ist ohne Alternative. Aber was ohne Alternative ist, bedarf auch keiner Diskussion.

Doch wo bleibt denn da unsere Freiheit? Oder ist diese Frage unanständig? Aber steht nicht in der Präambel der Bundesverfassung, dass nur frei sei, wer seine Freiheit auch nutze?

Im Teufelskreis des Machens

Freiheit, so, wie sie heute meistens definiert wird, ist selten ein Instrument der praktischen Vernunft, keine Befähigung zum Handeln. Sie gleicht einem quasi religiösen Prinzip, einem Ideal, das durch sich selbst gut ist, nicht durch die Folgen, die wir damit realisieren. Sie rechtfertigt die Beschädigung des modernen Wirtschaftssubjekts, dient als moralische Begründung für den flexiblen, den verbogenen Menschen. Das ist der Common Sense, auch wenn es nur selten so deutlich formuliert wird, wie kürzlich in einem Leitartikel der «Neuen Zürcher Zeitung»: «Wenn wir hingegen dem‹Chaos› (damit ist die freie Marktwirtschaft gemeint, der Autor) mit Einzelmassnahmen begegnen, wenn wir es überwinden und beherrschen wollen, begeben wir uns in einen Teufelskreis des Interventionismus und des Machens. Wir beschädigen die Funktionstüchtigkeit der Marktwirtschaft, ohne ihre unvermeidbare Volatilität, die konjunkturellen Einbrüche und Umbrüche, die Arbeitslosigkeit, die Preisausschläge, die Spekulation und vieles mehr auch nur annähernd in den Griff zu bekommen.»

Die Freiheit dient also der Funktionstüchtigkeit der Marktwirtschaft. Die negativen Folgen sind unangenehm, aber unvermeidlich. Aber was meint man genau, wenn man «unvermeidbare Volatilität» sagt, was meint man mit «vieles mehr»? Meint man damit die Ausbeutung des Ostkongo, meint man damit die zwei Millionen Toten, die dort in den letzten Jahren der Ausbeutung der Rohstoffe geopfert wurden und immer noch werden – und zwar, weil niemand die Funktionstüchtigkeit der freien Marktwirtschaft gefährden will? Oder ist die Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko eine solche Unvermeidlichkeit? Meint «unvermeidliche Volatilität» auch den Beinahe-Kollaps Griechenlands und Irlands – doch nur eine Folge davon, dass niemand den befreiten transnationalen Geldströmen Dämme zu bauen bereit war?

Nicht anfassen!

Was wir als Credo der freien Marktwirtschaft verinnerlicht haben, ist nichts anderes als das Ende der Aufklärung, das Ende jenes geistesgeschichtlichen Projekts vom «Ausgang der Menschheit aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit». Es ist das Ende jener Idee der Freiheit, die Immanuel Kant in der «Kritik der praktischen Vernunft» definiert hat und die Grundlage jeder freiheitlichen Verfassung ist: Freiheit bedeutet, tun zu können, was man tun soll.

Nichts ist ohne Alternative, ausser der eigene Tod – und auch dies nur nach dem Stand der heutigen Forschung. Nichts ist unvermeidbar, und wer die Fatalität beschwört, der will sich damit der Verantwortung entziehen. Zur Begründung für die Unmöglichkeit zur Veränderung wird behauptet, die Systeme seien zu komplex geworden. Fass bloss nichts an, du machst es sonst kaputt!

Doch das Problem ist nicht die Komplexität der modernen Demokratien. Die Motive der Ausbeutung sind nicht kompliziert. Gier ist nicht kompliziert, Verschwendung ist nicht kompliziert, Gleichgültigkeit ist nicht kompliziert. Mord und Vertreibung sind nicht kompliziert. Im Gegenteil: Sie bezeichnen die grösstmögliche Vereinfachung der menschlichen Existenz – die Reduktion auf Gewinn und Verlust. Genauso wenig komplex ist unsere eigene Verstrickung, zum Beispiel in jenes Morden im Kongo, dem grössten Massaker seit dem Zweiten Weltkrieg. Unsere Interessen liegen offen zutage.

Die Aufklärung retten

Kompliziert ist alleine die Verwirrung, in die uns diese Mitverantwortung führt. Kompliziert ist, dass wir einsehen, wie ungerecht der Wohlstand verteilt ist und dass wir gleichzeitig kaum bereit sind, etwas daran zu ändern. Kompliziert ist, dass wir unsere eigene Verantwortung abschieben auf ein System. Kompliziert ist, dass wir glauben, Freiheit besitzen zu können.

Der Mensch ist Bürger zweier Welten, jener, die ist, und der anderen, die sein könnte. Und wenn wir die Aufklärung retten wollen, das Erbe, das uns gegeben ist, das andere vor uns erkämpft haben, dann haben wir der Macht des Faktischen den Entwurf der Möglichkeiten gegenüberzustellen. Wir brauchen dafür unter anderem Zeitungen, die mehr sind als Investitionsobjekte. Wir brauchen Gespräche über Grenzen hinweg, die mehr wollen als die Vergewisserung der eigenen Privilegien. Wir brauchen Schulen, die in unseren Kindern mehr sehen als menschlichen Rohstoff. Wir brauchen eine Literatur, eine Kunst, von der wir mehr erwarten können als die zeitweilige Ablenkung von den Zumutungen des Alltags. Wir brauchen mehr von dem Bewusstein, dass meine augenblickliche Freiheit nur das Gefängnis beschreibt, dem ich noch nicht entflohen bin. Denn frei können wir nicht sein, aber wir können uns befreien.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 18.11.2010, 08:18 Uhr)

Lukas Bärfuss, 38, lebt als Schriftsteller in Zürich. Er schreibt Theaterstücke («Die sexuellen Neurosen unserer Eltern», «Der Bus», «Malaga») und Prosa, zuletzt den Roman «Hundert Tage» über die Verstrickung der Schweiz in den Völkermord in Ruanda. Der vorliegende Text ist eine Rede, die Bärfuss am 15. November, dem «Writers-in-Prison-Day», im Literaturhaus Zürich gehalten hat, im Beisein des Journalisten Déo Namujimbo,der über die Ausbeutung des Kongo berichtete und deshalb mit dem Tode bedroht wird. Der «Writers-in-Prison-Day» erinnert alljährlich an Schriftsteller, die wegen ihrer Ansichten oder Schriften verfolgt werden.

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