«Ob die Schweiz Juden aufnahm, spielte für die Deutschen keine zentrale Rolle»

Historiker Hans Ulrich Jost über den zweifelhaften Bundesrat von Steiger, Bücklinge gegenüber den Nazis und seinen Ärger über die aktuelle Zahlenklauberei.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Jost, die Rolle des BGB-Bundesrats Eduard von Steiger im Zweiten Weltkrieg ist umstritten. Wie stark hat er als Justizminister die Schweizer Flüchtlingspolitik tatsächlich beeinflusst?
Von Steiger versuchte oft, heikle Entscheide auf andere abzuwälzen. Entscheide, die er im Nachhinein unterstützte. So hielt er es auch in der Flüchtlingspolitik. Im Sommer 1942 ging er in die Ferien und überliess die Grenzschliessung dem Chef der Fremdenpolizei, Heinrich Rothmund. Von Steiger scheute die offene Konfrontation, es gibt meines Wissens kein einziges Beispiel einer kraftvollen Intervention seinerseits. Er war als Führungspersönlichkeit ebenso mittelmässig wie als Intellektueller. Nach dem Krieg versuchte er, seine Politik der Kriegszeit reinzuwaschen.

Woran zeigte sich das?
Im «Bericht Ludwig», in der die Flüchtlingspolitik 1957 erstmals aufgearbeitet wurde, bestand von Steiger auf einem Nachwort, das seine Arbeit rechtfertigte. Auffällig ist weiterhin, dass im Dossier, das von Steiger nach seinem Bundesratsaustritt dem Bundesarchiv übergeben hat, offenbar heikles Material aus dem Weltkrieg fehlt – Briefe, in denen sich von Steiger mit dem Umgang mit den Juden beschäftigte.

Sie schildern von Steiger als Opportunisten. Wer war denn im Zweiten Weltkrieg in der Schweizer Flüchtlingspolitik federführend?
Da ist sicherlich Rothmund zu nennen. Auch gab es in von Steigers Amt erklärte Antisemiten wie etwa den Adjunkt Max Ruth, der der Überzeugung gewesen war, dass sich Ostjuden nicht in die Schweizer Gesellschaft einzugliedern vermöchten. Leute wie Ruth trieben die repressive Politik an, Steiger begünstigte sie.

Paul Ehinger, der den Eintrag zu von Steiger im Bundesratslexikon verfasst hat, schätzt ihn komplett anders ein. Von Steiger habe einen exzellenten Charakter gehabt und mit seinen Entscheiden «gerungen».
Ich glaube eher, dass von Steiger oft nicht recht wusste, was er wollte. Charakter- und willensstark war er aber nicht – viel eher bauernschlau, manchmal auch autoritär.

Unterschied sich von Steigers Haltung in der Flüchtlingspolitik von jener seiner Bundesratskollegen?
Nicht grundsätzlich. Auch die übrigen Bundesräte befürworteten die Grenzschliessung. Am ehesten kritisch eingestellt war der Freisinnige Stampfli, der die Schliessung mehr aus Statsräson denn aus Überzeugung mittrug.

Inwieweit machte sich von Steigers aristokratische Herkunft, seine Zugehörigkeit zu den Berner Burgern, bemerkbar?
Von Steiger war kein lupenreiner Demokrat. Wie viele Burger trauerte er noch immer dem Ancien Régime nach. Er absolvierte eine Burgerkarriere nach klassischem Muster: Verbindungsstudent in einer rechten Verbindung, Advokat, Grossrat.

Was ist von den Gerüchten zu halten, dass von Steiger nur dank Hilfe der Nazis Bundesrat geworden ist?
Wenig. Unstrittig ist, dass Markus Feldmann, von Steigers parteiinterner Konkurrent bei der Bundesratswahl 1940, bei den Nazis unbeliebt war. Das zeigen Äusserungen aus der deutschen Botschaft. Feldmann, der anfänglich mit der NSDAP sympathisierte, kritisierte Hitler ab 1938 deutlich und öffentlich, während sich von Steiger zurückhielt. Daraus eine Protegierung von Steigers durch die Nazis abzuleiten, halte ich allerdings für fraglich.

Ehinger vertritt die These, dass die Grenzschliessung als Zeichen gegenüber den Nazis nötig war. «Die Nazis durften nicht provoziert werden», meint er.
Das sehe ich nicht so. Die Nazis waren ja froh, wenn die Juden abhauten. Das zeigt sich auch in einem Votum Rothmunds, der sinngemäss sagte, man müsse aufpassen, dass die Deutschen ihre Juden nicht in die Schweiz abschöben. Ob die Schweiz Juden aufnahm oder nicht, spielte für die Deutschen keine zentrale Rolle. Die Nazis dachten ja in viel grösseren Dimensionen, sie strebten die «Endlösung» an.

Letzte Woche behauptete der Nazi-Jäger Serge Klarsfeld, die Schweiz habe weit weniger Juden abgewiesen als bisher angenommen. Was sagen Sie dazu?
Diese Zahlenklauberei ist peinlich. Es ist so oder so grauenhaft, ob nun 100 oder 1000 oder 300 oder 3000 Juden in den Tod geschickt wurden. Die genaue Zahl wird im Übrigen nie vollständig zu klären sein – aus einem einfachen Grund: Anfang der 1950er wurden die entsprechenden Dokumente vernichtet.

Wusste von Steiger davon?
Das weiss ich nicht.

Der Bergier-Bericht steht derzeit wieder vermehrt im Fokus. Was sind seine Verdienste, was seine Defizite?
Hier wurde, in 25 Bänden, eine unheimlich grosse Materialmenge zusammengetragen. Viele urteilen über die Berichte, aber kaum jemand hat diese tatsächlich gelesen. Die Konklusion des Berichts von Jean-François Bergier ist sehr vorsichtig, sehr ausgewogen und auch sehr gerecht. Kritik ist manchmal bei der Methode angebracht; man merkt den Berichten zuweilen den Zeitdruck an, unter dem die Ersteller standen. Unglücklich ist sicherlich die Titelwahl: «Die Schweiz und das Dritte Reich». Viele Leute fühlten sich durch diesen Titel unnötigerweise provoziert, da sie ja tatsächlich nichts wussten über die im Bericht dargestellten wirtschaftlichen und politischen Verflechtungen.

Welche Aspekte der Schweizer Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg sind heute noch zu wenig beleuchtet? Wo ist eine Nachforschung wünschenswert?
Die zentralen Bereiche wurden untersucht. Es gibt aber Detailfragen, die noch offen sind. So zum Beispiel die Frage der Flüchtlingsfinanzierung: Viele Juden, denen die Flucht in die Schweiz gelang, wurden von der Schweiz nicht finanziell unterstützt. Dafür sprangen dann die hiesigen Juden-Organisationen ein. Von Steiger unterschlug nach dem Krieg geflissentlich die Tatsache, dass deshalb die jüdischen Flüchtlinge den Schweizer Staat praktisch nichts gekostet hatten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 12.02.2013, 14:37 Uhr)

Hans Ulrich Jost (*1940) war bis 2005 Professor für Zeit- und Schweizer Geschichte an der Universität Lausanne. Jost beschäftigt sich seit Jahrzehnten kritisch mit den Geschichtsmythen der Schweiz des Zweiten Weltkriegs.

Eduard von Steiger (1881–1962) war ein Spitzenpolitiker der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB, Vorgängerpartei der SVP) und amtierte von 1940 bis 1951 als Vorsteher des Justiz- und Polizeidepartements.

Schweizer Asylpolitik im Zweiten Weltkrieg

Dokumente, die belegen, dass der Bundesrat bereits Mitte 1942 Kenntnis von Massenmorden an Juden hatte, lösten eine schweizweite Debatte aus. Die bisherige Berichterstattung von Tagesanzeiger.ch/Newsnet zur neu lancierten Weltkriegsdebatte:

«Das Boot war nicht voll»
Ein Interview mit Historiker Sacha Zala, der die Dokumente aus dem Jahr 1942 als Leiter der Berner Forschungsgruppe Dodis veröffentlichte.

Der Rorschacher Brief
Die Geschichte einer Mädchenklasse, die 1942 gegen die Flüchtlingspolitik des Bundesrats aufbegehrte.

«Von diesen Mädchen bin ich beeindruckt»
Lokalhistoriker Otmar Elsener spricht im Videointerview über die Rorschacher Klasse.

«Er war sich bewusst, dass die Nazis nicht provoziert werden durften»
Der konservative Historiker Paul Ehinger verteidigt BGB-Bundesrat Eduard von Steiger.

Forderung der Juso

Die Juso Schweiz fordern das Emmentaler Städtchen Langnau auf, Eduard von Steiger das Ehrenbürgerrecht abzuerkennen, weil er «für den Tod von Tausenden von Menschen verantwortlich» sei. Von Steiger hatte im August 1942 die Schliessung der Schweizer Grenze angeordnet. Während des Weltkriegs wurden laut Bergier-Bericht circa 20'000 Flüchtlinge abgewiesen.

Zivilcourage: 1942 empörten sich Schülerinnen aus Rorschach gegen die Flüchtlingspolitik der Schweiz. (Video: Jan Derrer)

Artikel zum Thema

22 Mädchen gegen einen Bundesrat

Hintergrund Rosmarie De Lucca war eine der Rorschacher Schülerinnen, die sich 1942 in einem Brief über die Zurückweisung von Juden an der Grenze entsetzten. Heute ist sie 85 – und nicht weniger empört. Mehr...

Bundesrat wusste seit 1942 von den Naziverbrechen

Bislang unveröffentlichte Dokumente zeigen: Der Bundesrat wusste seit 1942 von den Massenmorden der Nazis – und verschärfte trotzdem die Flüchtlingspolitik. Mehr...

«Das Boot war nicht voll»

Interview Gestern präsentierte Sacha Zala Dokumente zur Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg. Heute spricht der Historiker über den dunklen August 1942, grosszügige Tessiner und einen hysterischen Bundesrat. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Werbung

Die Welt in Bildern

Panzerparade in Weissrussland: In der Nähe der weissrussischen Stadt Minsk probt das Militär den Auftritt am Tag der Unabhängigkeit am 3. Juli. (31. Mai 2016)
(Bild: Sergei Grits (AP, Keystone)) Mehr...