Online-Onanie

Güzin Kar über eine spezielle Ersatzbefriedigung.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Keystone

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Früher hiess es, Essen sei der Sex der Alten. Man stellte sich zahn- und zukunftslose Faltenwürfe vor, die mehr Magen als Pläne hatten, und sich deshalb alles, was man sich an potenziellen Gefühlsauslösern vorstellen konnte, einverleibten: Muskelfleisch, Innereien, frisches Mark und Bein, alles gekauft statt gejagt und bezirzt und in gebissfreundlichen Stücken serviert.

Unter «Vergine» stellten sich die greisen Teller-Erotomanen keine unberührten Menschen mehr vor, sondern Olivenöl, vielleicht auch, weil Jungfrauen mit Beginn des 3. Jahrtausends ins Groschenartikeldepot für jenseitsbewusste Terroristen kamen, wo sie von selbigen palettenweise à?72 Stück ergattert werden können.

Heute geilt sich keiner über vierzig mehr an Essen auf, nicht so richtig jedenfalls. Denn seit in jeder lottrigen WG promidiniert, testgekocht, tischgesittet und mit Fleur de Sel nachgesalzen wird, ist Essen so etwas wie ein Swinger Club in Opfikon-Glattbrugg. Da ist die Anflugschneise über einem die grössere Attraktion. Ein neues Hobby für die Generation Ü muss her – ich verzichte wohlweislich auf eine Zahlenangabe, da man bekanntlich immer so alt ist, wie man sich fühlt, und ich bin sicher, dass sich die meisten Menschen heute Üer fühlen, als sie biologisch sind –, und es muss möglichst eines sein, das nicht zu viel Kraft oder Anstrengung erfordert.

Dabei zeichnet sich eine spezielle Beschäftigung als neue Ersatzbefriedigung ab: das Verlinken von Artikeln, die die eigene Meinung widerspiegeln. Im Gegensatz zu Golf oder Yoga muss man für die Online-Onanie nicht einmal vor die Haustür treten, sondern kann beim Morgenkaffee alle – gratis! – verfügbaren Nachrichtenportale im Schnelldurchlauf auf Brauchbares hin absuchen. Wichtig ist, dass der verlinkte Text ausschliesslich zur Untermalung der eigenen Haltung benutzt wird, denn die Absicht ist kein Flirt mit ungewissem Ausgang, sondern die schnelle Entladung. Oder noch weniger.

Im Regelfall wird die Tagespresse als eine Art neurologischer Test zum Auslösen von Impulsen benutzt, um sich der lebenswichtigen Funktionen zu vergewissern. Und die lebenswichtigste Funktion ist Rechthaben. Besonders geeignet sind deshalb Texte von Alice Schwarzer, Hamed Abdel-Samad oder von irgendeinem von irgendetwas Betroffenen, der «die Gesellschaft wachrütteln» will und zufällig genau so denkt wie man selbst, gänzlich humorbefreite Menschen also, die auch immer so schreiben und dreinschauen, als wäre die Welt nur deshalb nicht längst verloren, weil sie sie in Interviews unermüdlich davor retten.

Den ausgewählten Text braucht man nur noch mit ein paar Sätzen aus dem Baukasten zu garnieren. Manchmal reicht ein «Genau meine Meinung!», aber wenn es deutlicher zur Sache gehen soll, darf es auch mal ein «Wer jetzt noch die Augen vor den Tatsachen verschliesst, dem ist nicht mehr zu helfen!!!!» sein.

Und nie vergessen, den Vorrat an Ausrufezeichen aufzufüllen. Was tut aber ein Selbstbespiegler, der, sagen wir, einen gescheiten Artikel über schmarotzende Flüchtlinge verlinkt hat, dessen Autor sich dummerweise als Holocaustleugner herausstellt? Er schmettert: «Was der sonst schreibt, ist seine Sache, aber hier sagt er die Wahrheit!!!» So hat der Onanist recht und ist erst noch tolerant. Ein doppelter Genuss. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 29.01.2016, 12:57 Uhr)

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