Pelz ist für Neandertaler

Der Jahresumsatz der Pelz-Branche beträgt weltweit rund 15 Milliarden Franken – trotz Protesten von Prominenten und Intellektuellen. Weshalb boomt Pelztragen wieder?

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69 Prozent aller Prêt-à-porter-Designer verwendeten für ihre aktuellen Kollektionen Pelz. Das hat die International Fur Trade Federation ausgerechnet und entsprechend stolz verkündet. Natürlich findet die das gut, die ist ja Partei. Die verdient daran. Und zwar eine Menge. 2011/2012 belief sich der weltweite Umsatz der Industrie auf 15,6 Milliarden Dollar – das entspricht einer Zunahme von mehr als einer halben Milliarde im Vergleich zum Jahr davor. Verantwortlich dafür ist in erster Linie der boomende asiatische Markt; mittlerweile werden 35 Prozent des Fellangebots dort verkauft, dann folgen Europa (28 Prozent), Eurasien (Russland, Türkei, Ukraine, Kasachstan) mit 27,7 Prozent und schliesslich Amerika (Nord und Süd) mit etwas mehr als 7 Prozent.

Die Industrie frohlockt also. Der Rubel rollt. Was konkret heisst: Pelz ist wieder chic. Und die Frage ist, weshalb. Nachdem in den Neunzigerjahren die berühmtesten Models unisono verkündet hatten, sie würden lieber frieren als das Fell eines Tieres überziehen, ist er wieder da, der Pelz, wie wenn nichts gewesen wäre. Wie wenn man nicht wüsste um den oft zweifelhaften Ursprung vieler Felle, nicht wüsste um die katastrophalen Zustände auf Zuchtfarmen, nicht wüsste um die grauenvollen Tötungsarten; wem danach ist, kann sich bei Google erkundigen, wie eine Häutung bei lebendigem Leib vor sich geht, es ist, nun ja, schwere Kost. Aber eben: Man muss es halt wissen wollen.

Nicht informiert zu sein, wirkt reichlich dümmlich

Die Ignoranz der Konsumenten, die den Pelzboom erklärt, ist umso verblüffender, als dass es heute auch als chic gilt, ein wie auch immer geartetes Bewusstsein an den Tag zu legen. Firmen, die etwas auf sich halten, werben mit dem nebulösen Begriff Nachhaltigkeit, allenthalben ist von Umweltbewusstsein und Fair Trade die Rede, und sowieso ist mittlerweile fast alles Bio. Man hat heute ein Gewissen, als Firma genauso wie als Konsument, das macht sich gut, man ist schliesslich informiert.

Wer Pelz immer noch für chic hält, wer immer noch meint, Pelz lasse einen reich erscheinen, luxuriös und glamourös, wirkt deshalb reichlich reaktionär. Weil es uninformiert wirkt, und nichts wirkt im Zeitalter der Information so dümmlich wie eben uninformiert zu sein. Erst recht in einer Zeit, in der Intellektuelle wie Iris Radisch, Karen Duve und Jonathan Safran Froer in Büchern Fleischkonsum und Massentierhaltung kritisieren – nicht nur aus ethischen, sondern auch aus ökologischen Gründen, weil es sich dabei um einen Ressourcenverschleiss sondergleichen handelt –, in einer Zeit also, in der es gerade als beispielhaft gilt, zumindest zeitweise kein Fleisch zu essen, wirkt der Kauf eines Pelzproduktes nachgerade rückständig. Denn wenn zunehmend die Frage aufgeworfen wird, ob es richtig sei, Tiere zu töten, damit man sie essen kann, ist es noch viel fragwürdiger, Tiere zu töten, damit man sich ihr Fell umhängen kann.

Das Problem sind nicht unbedingt die Pelzmantelträgerinnen, die immer diesen Hauch der Verzweiflung jener umweht, die gerade von ihrem Mann wegen dessen blutjunger Sekretärin verlassen worden sind, sondern die, die Pelz mitkaufen. Die also die Jacke mit dem Pelzbesatz an der Kapuze genauso gedankenlos, und ohne nach der Herkunft zu fragen, erwerben wie die mit Fell gefütterten Winterstiefel oder die verbrämten Handschuhe. Und genau so, mit diesen scheinbar harmlosen Verzierungen, hat sich die Pelzindustrie zurück ins Spiel gebracht, sozusagen durch die Hintertür.

Die Mode macht die Marie Antoinette

Und die Mode macht dankbar mit. Das liegt auch daran, dass die Branche in ihrem Kern stockkonservativ ist. Ihr Luxusbegriff ist ähnlich reaktionär wie jener der Haute Cuisine, wo Foie gras immer noch als Delikatesse gilt. Vor allem aber lassen sich mit Pelzen die unverschämten Preise rechtfertigen, denn mit der Qualität lässt sich längst nicht mehr argumentieren. Ganz abgesehen davon, dass man mit dem Einsatz von Pelz sehr einfach von der allfällig armseligen Kreativität ablenken kann. Die Mode tut sich damit keinen Gefallen. Sie wirkt so, wie sie nicht sein will: wie eine arrogante, verwöhnte, ignorante Prinzessin, die Mode macht sozusagen die Marie Antoinette. Ausgerechnet eine Branche, die für sich in Anspruch nimmt, Trends zu setzen, eben modern und damit zeitgemäss zu sein, wirkt dadurch ewiggestrig. Denn an Pelz ist überhaupt nichts zeitgemäss. Die Höhlenbewohner trugen Pelz. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 20.09.2013, 11:07 Uhr)

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