Kultur

Per Easyjet in die angesagten Clubs

Von Markus Schneider, Berlin. Aktualisiert am 05.08.2009

Techno als Wirtschaftsfaktor und Wochenenddestination: In Berlin tobt sich eine grosse Szene von Ravern aus, die mit Billigflügen anreisen.

Buch

Tobias Rapp: Lost and Sound. Berlin, Techno und der Easyjetset. Suhrkamp, Frankfurt a. Main 2009. 250 S., ca. 15 Fr.

Beim Kult der Nacht denkt man an Ökonomie zuletzt. Zum endlosen Beat von House und Techno stellt man sich tanzende Körper vor, bunte Drogen und den atemlosen Wahn verrückter Bässe. Wie jede Jugend- oder Subkultur entstand auch die elektronische aus Enthusiasmus, Abenteuergeist und Leibeslust, und sie organisierte dieses Begehren mit dem entschlossenen Willen zur Improvisation. Berlin wiederum geriet auch darum an die Spitze der Bewegung, weil nicht nur die musikalischen Produktionsmittel billig zu haben waren, sondern weil es nach dem Fall der Mauer besonders viel temporär zu nutzendes Brachland und auch sonst alles sehr billig gab.

Club-Hopping per Flugtaxi

Bei der Berliner Club-Topologie, die der «Spiegel»-Redaktor Tobias Rapp in seinem Buch «Lost and Sound» skizziert, lernt man mit den sogenannten Easyjet-Ravern eine weniger deutlich beleuchtete Triebfeder der Berliner Dancefloors kennen. Sie prägen neben den bekannten Schwulen, Hipstern und den Tanzfans aus dem Umland seit einigen Jahren die Berliner Wochenendnächte. Denn das chronisch arme Berlin wurde seit der Öffnung des Flugmarktes auch zur Hauptstadt der Billigflieger, denen sich die beiden Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld, so Rapp, überdurchschnittlich öffneten. Beide zusammen, sind sie nach den logistisch viel bedeutenderen Flughäfen in Frankfurt und München der drittgrösste Flughafen Deutschlands. Allein in Schönefeld explodierte die Zahl der Passagiere von knapp 1,7 Millionen (2003) auf über 6 Millionen (2007).

Im Gegensatz zu vielen Szene-Skeptikern, die um die Exklusivität der Clubs fürchten, freut sich Rapp eher über das internationale Sprachengewirr in den Clubs und das gleichsam europaweite Club-Hopping per Flugtaxi. Denn viele der aus ganz Europa einfliegenden Wochenend-Raver sind keine naiven Besucher, sondern Kenner, die sich in einschlägigen Netzwerken geschmacksdifferenziert über das DJ- und Musikangebot informieren und zugleich das internationale Ausgehansehen der Stadt heben.

Platz für provisorischen Lebensstil

Den Techno als Marketingmotiv entdeckt haben früh auch die Image- und Tourismusexperten der deutschen Hauptstadt – ohne deswegen nun auf umstrittene Hochglanz-Überbauungen zu verzichten, die (wie derzeit am Spreeufer von Berlin-Kreuzberg) etliche angestammte Szene-Zwischennutzer wie die berühmte Bar 25 vertreiben. Von angeblich 400 auf 18'000 ist derweil die Zahl der Billigunterkünfte angewachsen, die sich gern Plattenläden und Internetcafés angliedern. Mittlerweile seien sie sogar günstiger als die Tarife in osteuropäischen Städten wie Prag oder Budapest. Denn mit den touristischen Bedingungen korrespondieren die allgemein ungewöhnlich billigen Lebenshaltungskosten. Diese machen wiederum Berlin seit langem auch als Wohn- und Arbeitsort für Produzenten und DJs attraktiv, die eine pralle Infrastruktur aus Clubs, Labels und billigen Wohnungen für einen provisorischen Lebensstil finden.

Die Easyjets sorgten nicht nur für die breite Zugänglichkeit des ehemaligen Wohlstandsmotivs «Flugreise». Mit den Billigflügen fiel auch das Privileg des jetsettenden Star-DJs – zugunsten eines DJ-Mittelstandes, der von seinem Berliner Standort aus ganz selbstverständlich und kostenschonend in die Clubs der Welt gebucht werden kann – und durch seinen Wohnort sogar an Image gewinnt.

Coolness als Wirtschaftsfaktor: Heute, zitiert Rapp einige Clubbesitzer, kommt kein Club ohne Touristen aus. Das ist eine riskante Abhängigkeit, auch weil bei aller Toleranz die Reputation bedroht ist. Die Strategie klingt nüchtern und vernünftig, wie aus dem Mittelstandsleitfaden: Man sorgt mit Fingerspitzengefühl dafür, dass die Verhältnisse ausgewogen bleiben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.08.2009, 20:44 Uhr

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