«Personelle Verbandelungen sind normal»
Interview Michèle Binswanger. Aktualisiert am 12.04.2011 42 Kommentare
Alles Mauschelei? Signet der Schweizer Hitparade auf DRS 3.
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Die Wettbewerbskommission nimmt grosse Schweizer Musikfirmen unter die Lupe, welche im Verdacht stehen, gegen das Kartellgesetz zu verstossen. Unter anderem ist dabei auch die von der Firma Media Control erstellte Hitparade ein Thema, die von eben diesen Firmen zu ihren Gunsten manipuliert werden soll.
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Die «NZZ am Sonntag» hat mit ihrem Artikel zu Mauscheleien bei der Hitparade für Wirbel gesorgt: Was sagen Sie zu den Vorwürfen, dass Sie ihre Hörer täuschen?
Wir vertrauen der Firma Media Control, welche die Charts erhebt. Ich persönlich gehe davon aus, dass von Täuschung von unserer Seite keine Rede sein kann, aber zunächst warten wir nun die Ergebnisse dieser Untersuchung ab.
Ist das nicht etwas naiv? Der Geschäftsführer der Firma Media Control sass zuvor bei Warner Music Schweiz in der Geschäftsleitung – macht Sie das nicht misstrauisch?
Wir befinden uns im permanenten Austausch mit Media Control und dem Interesseverband der Musikindustrie IFPI. Wir pochen immer wieder darauf, dass wir das Chartsreglement einsehen dürfen und dass da Transparenz herrscht. Die angesprochene Verbandelung kommt daher, dass wir in einem kleinen Land leben, da gibt es zuweilen personelle Verstrickungen.
Aber Verbandelung ist Verbandelung. IFPI ist zudem die Interessenvertretung der Major-Label – besteht da nicht die Gefahr, dass diese die Charts zu ihren Gunsten manipulieren?
Die IFPI ist der Dachverband der Musikindustrie und vertritt auch kleine, unabhängige Firmen, also nicht nur multinational agierende Labels.
Sie haben von Transparenz gesprochen – in Deutschland ist das Chartsreglement öffentlich – wäre das nicht auch in der Schweiz möglich?
In den Gesprächen mit Media Control oder mit der IFPI haben wir immer wieder deutlich gemacht, dass wir Transparenz wünschen. Die IFPI befürchtet allerdings, dass eine Offenlegung des Chartreglements eine Anleitung zur Manipulation der Charts ist.
DRS3 zahlt Media Control Geld für die Ausstrahlungsrechte der Charts – Sie hätten also ein Druckmittel. Wieso setzen Sie das nicht ein?
Der Prozess für eine Veröffentlichung des Chart-Reglements ist gemäss IFPI im Gange. Gleich damit zu drohen, die Charts zu kippen wäre vor dem Hintergrund der langen Partnerschaft ein nicht adäquater Schritt.
Das klingt sehr defensiv – in welchem Boot sitzen Sie denn?
Wir führen laufend Gespräche, bei denen wir seit je den Wunsch nach Transparenz äussern. Wir warten zunächst die Voruntersuchungen ab und sind gespannt auf das Resultat. Wir sitzen ganz eindeutig im Boot unserer Hörer und nicht in dem der Musikindustrie.
Haben ihre Forderungen denn Gewicht?
Wir sind sicher ein wichtiger Partner für die IFPI, die Hitparade gibt es ja seit über 40 Jahren.
Der Musikblog 78s fordert zum Boykott der Hitparade auf und hat bereits über 500 Unterschriften gesammelt. Was halten Sie davon?
Wir haben das zur Kenntnis genommen, aber das ist für mich der falsche Weg. Ich gehe davon aus, dass es keine grobe Verletzungen des Wettbewerbs gab. Die Hitparade ist eine der am meisten gehörten Sendungen und ich glaube nicht, dass wir den Hörern einen Gefallen tun, wenn wir im Moment auf die Ausstrahlung verzichten.
In der Schweizer Musikszene mault man schon lange darüber, dass die Hitparade eine Farce sei. DRS 3 setzt sich immer wieder für Schweizer Musik ein - finden Sie es in Ordnung, wenn nur Schweizer Acts, die von Multis promotet werden, in die Charts kommen?
Ein Gegenbeispiel dafür ist etwa Sophie Hunger, die auch ohne Major-Label den Sprung in die Charts und auf die Nummer eins geschafft hat. Wäre so etwas nicht möglich, dann hätte die Hitparade bei uns tatsächlich nichts mehr verloren. Und natürlich stellen wir auch Forderungen an die IFPI, zum Beispiel, dass veränderten Marktbedingungen durch neue Verkaufskanäle Rechnung getragen werden muss.
Wenn sich die Vorwürfe als wahr herausstellen würden, welche Konsequenzen würden Sie ziehen?
Sobald die Resultate vorliegen, werden wir sie eingehend prüfen.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 12.04.2011, 15:37 Uhr
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42 Kommentare
Schweizer Musik? Ich kann Baschi, A. Stern, Göllä etc. nicht mehr hören.
Eigentlich lebt die Musik von der Abwechslung. Und über die Jahrzehnte hat sich auch genug Musik angesammelt. Sie wird nur leider von den prominenten Radiostationen nicht /mehr) gespielt.
Fünf mal am Tag A. Stern auf dem gleichen Sender gleicht Gehirnwäsche/Folter und ist ein Verstoss gegen die Genfer Konvention.
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Hier kommen die Mechanismen der Unterhaltungsindustrie zum Vorschein: man orientiert sich am Meistgehörten. Kulturliebhaber wollen hingegen keine Quote, sondern Qualität. Ohnehin spielt in einem seriösen Kulturverständnis die Nische und die Innovation eine wichtige Rolle. Nicht das Massenprodukt steht im Vordergrund, sondern die Individualität und das Anders-Sein des Kunstwerks bzw. des Künstlers. Antworten
Aber, aber! Hitparaden sind Unterhaltung - mehr nicht. Und in der Tendenz sicher zutreffend, wenn auch nie das Abbild der Verkaufs-Wahrheit. Aber wer erwartet das schon? Immerhin spielen DRS3 und Virus soviel Schweizer Musik wie kein anderes Radio in der Schweiz. Und auch keine Zeitung kann hier mithalten, oder? Und hören nicht täglich über eine Million zu? Not my taste - aber schlimm ist anders. Antworten
Das Interview erklärt sich selbst. Wir wünschen, möchten, fordern... Das sagt alles. Weitere Diskussionen erübrigen sich. Der Kultur-Betrieb (gilt auch für Basel) läuft ohnehin nur auf der Basis von Vitamin B. Weiss ich aus eigener Erfahrung. Also nicht aufregen. Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Ein Vollblut-Künstler macht auch ohne diese gesteuerten Charts weiter. Antworten
Hitparaden sind wie Preisverleihungen reine Marketing-Massnahmen oder auf deutsch Absatzwirtschaftsmassnahmen. Diese Art der Selbst-Inszenierung der Unterhaltungsindustrie produziert gratis redaktionelle Beiträge in allen Medien und schafft Aufmerksamkeit. Hitparaden getürkt? Aber sicher! Blöd ist, wer je anderes glaubte... Antworten
Will mir doch keiner weismachen, dass die Hitparade die meistgekaufte Musik darstellt, zumindest nicht die meistgehörte. Dann müsste ich den Schweizer Hörerinnen definitiv ein schlechtes Zeugnis ausstellen... .
DRS3 ist auf lange Strecken eine Dreckschleuder, die sich zu wenig darum bemüht, echte Pop-Kultur auszustrahlen. Wo bleibt der Auftrag? Ist das der Service Public? Gähn!
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Jeder der sich in der CH Musik Industrie ein wenig auskennt und bei Media Control mal telefonisch nachgefragt hat weiss wie das Reglement funktioniert: Ein Gremium sitzt zusammen, wenn mind. 2 oder 3 Leute in der anwesenden Runde den Vertrieb, den Künstler und oder das Label kennen wird der Hitparaden Einstieg angenommen. Regelement wird nicht subito offengelegt weil es Mafiöse Strukturen hat. Antworten
einerseits argumentiert DRS, sie hätten keinen grund, der IFPI nicht zu trauen. im nächsten satz sagt der DRS-typ dann, die hitparade gehöre zu den meistgehörten sendungen.... so geht das im CH-filz: was geld (oder hörerzahlen) generiert, wird nicht zu kritisch angeschaut. oder wies im volksmund heisst: geld stinkt nicht.
Zum Glück gibt es noch andere SENDER als DRS3, dass nur noch peinlich und wie sich einmal mehr der Verdacht erhärtet, auch fragwürdig ist. Wer in der Musik-Welt tätig ist, wundert sich nicht darüber und muss zudem aufpassen, was er über diesen Sender sagt. Ansonsten werden seine Songs über ein Jahr lang nicht mehr gespielt. (Siehe Züri-West) Antworten
Der Michael Schuler, welcher bei Universal als A + R arbeitet, oder gearbeitet hat? Er sollte den Lauf der Dinge eigentlich bestens kennen, Frau Binswanger. Mann will hier überhaupt keine Transparenz schaffen, er weicht nur aus. Seine nichts sagenden Antworten sind beweis genug. Antworten
Natürlich will Michael Schuler keine Transparenz.
Das zeigt sich nur schon in der unkommentierten Aussage, dass die IFPI alle Labels vertritt, das mag gemäss Eigendefinition so sein, aber es werden faktisch klar die Interessen der Major-Labels wahrgenommen.
Auch die Aussage, Interessenskonflikte lassen sich wegen der Grösse des Landes nicht vermeiden sollten alle Warnlampen aufleuchten lassen.
Die getürkten Charts sind ja noch vergleichsweise harmlos, aber anderswo schneidet die Schweiz wirklich schlecht ab mit ihrer personell verbandelten Interpretation von Demokratie. Daher: Reglement offenlegen, damit wird nämlich auch offensichtlich, wer die Charts bisher manipuliert hat. Antworten
Das Geschäftsmodell funktioniert wie folgt: Grosse Labels machen untereinander aus wer in die Charts kommt. Die Verteilungen der Einnahmen (Künstler, vertrieb, Produktion etc) folgt immer nach den gleichen Schlüsseln. Kleinere Labels mit evtl. anderen Verteilschlüsseln für Künstler, Produktion, Management werden damit vom Markt ausgeschlossen + damit auch ihre Künstler. Wettbewerbsverzerrung! Antworten
Es ist nicht verwunderlich, das Miraculix am Kessel der Hitparadenmacher steht. Jemand muss den Zaubertrank ja kochen. Je nach Sachlage, Diskussionszeitpunkt oder einer Nachricht aus den Medien kann man dann jeweils urteilen, wer der Übertäter ist. Entweder derjenige, der die Hitparade generiert und füttert, oder jener, der sich jeweils aufs Neue daran orientiert. Antworten
@ Patrick Häberli: Sie irren! Volksmusik und Schlager generieren viel höhere Verkauszahlen als Rock/Pop. Was Andrea Berg, Helene Fischer, die Flippers und Andere verkaufen, lässt manchen etablierten Hitparaden-Star vor Neid erblassen.
Das stimmt jetzt nicht. Pop/Rock ist definitiv das verkaufsstärkste Marktsegment, dazu die Gruppe der 16-25-Jährigen die wichtigste Marktgruppe.
Ein weiterer Punkt im Trauerspiel der Musikvervielfältigungsindustrie. Nicht nur der Künstler wird mit Spottverträgen kleingehalten, auch der Konsument wird beim Preis und nun auch bei der Hitparade betrogen. Aber am Umsatzückgang sind nur die bösen illegalen Downloads (nach schweizer Gesetz sind Downloads _nicht_ illegal) schuld
Wann geht denn endlich diese Mafia selbst den Bach runter?
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Die Schweizer Musikszene ist ohnehin ein Trauerspiel. Wenn deine Musik nicht einem der drei Standartschnittmuster entspricht, kannst du vergessen irgend etwas zu erreichen. Egal ob rfv, Radio oder Hitparade. Entweder du machst genau das gleiche wie alle andern und spielst damit eine Art Erfolgs-Lotto, oder du kannst von Vornherein jegliche Hoffnung aufgeben. Antworten
Das stimmt exakt! Kreativität und Ideenreichtum wird in der Schweizer Musikindustrie viel zu wenig belohnt. Wenn du nicht auf der "Massenschiene" bist, wirds schwierig... M4Music (Demotape Clinic) bspw. finde ich eine gelungene Plattform, da kann es jeder versuchen und alle haben die gleichen Chancen!
Die Schweizer Hitparade ist doch seit Jahrzehnten, seit es eine offizielle Hitparade gibt, manipuliert. Das ist kein Geheimnis mehr. Weshalb soll es heute anders sein? Schliesslich gehts um viel Geld.
Andererseits, wer sich an der Hitparade als Verkaufsratgeber orientiert, verdient es wahrscheinlich, dass er als Käufer über den Tisch gezogen wird.
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Das Problem ist doch nicht, dass sich die Leute an der Hitparade orientieren, sondern die Radiosender. Solange die Mainstream-Sender nur Hitparadenmusik spielen, kennen viele Leute gar nichts anderes. Nicht jeder betrachtet Musik als Hobby und investiert viel Zeit in die Suche nach interessanten neuen Künstlern.
Lieber Hr. Preisser + Hr. Trüssel,
Sie müssen das ganze aus einem anderen Kontext sehen (siehe andere Kommentare). Die Tracks aus der "Hitparade"/Charts werden zur Vermarktung auf und ab gespielt(Rezept: Bum Bum-Beat + Auffällige Sternchen, damits ja beim Konsumvolk ankommt), auf jedem erdenklichen Medium und dies weil die Majorlabels davon(bei welchen die Musiker unter Vertrag stehen)profitieren.
Herr Tschan, Ihre Antwort? Und die der 27 Daumen hoch???
Wen interessiert die "offizielle" Schweizer Hitparade? In einer Zeit in der fast jeder seine eigene Hitparade auf seinem Blog publiziert, ist jeder seines eigenen Glückes Schmied. Das gilt für die Musiker wie für die Zuhörer. Ausserdem wird gute Musik auf der ganzen Welt produziert. Was davon in Europa den Weg in die Radios und somit in die "Hitparade" findet ist nur ein ganz kleiner Bruchteil. Antworten
DRS3 präsentiert jeden Sonntag nachmittag während mehrerer Stunden die Hitparade der IFPI. Gerade von einem öffentlichen Radiosender könnte man erwarten, dass er nur für saubere Produkte Werbung macht. Da scheint bei der IFPI allerhand Zweifel zu bestehen. Was sagt unser gebührenfinanzierter Radiosender dazu?
Würde ich argumentieren wie Sie, müsste ich fragen, wen interessiert Ihre Meinung?
Wenn Wirz behaupten kann, die IFPI würde nach geheimen Kriterien die Hitparade erstellen, warum sagt uns der Journalist nicht, ob dies eine zulässige Aussage sei? Denn dieses müsste ja belegbar sein. Wenn es nicht belegbar ist, warum nicht? Wenn die Labels keine Verkäufe mitteilen, dann besteht natürlich ganz automatisch der Verdacht, es sei eine Klüngelei. Jedenfalls: Don't believe the hype. Antworten
Das Podiumsgespräch am Festival m4music, das Markus Ullrich erwähnt, kann nachgehört werden unter: http://www.m4music.ch/audio.67.0.html
@ Herr Fred Maurer:
im Text steht doch: "Vor zwei Wochen, an der Konferenz des Festivals m4music, sagte Ifpi-Geschäftsführer Beat Högger gegenüber dem «Sonntag»: «Wir haben nichts zu verstecken. Deshalb planen wir das geheime Reglement zu publizieren.»"
Herr Peer, fragen Sie sich lieber mal, wie viel die Suisa selbst abzweigt und wie wenig die KünstlerInnen bekommen ...
Selten schützt sich der Filz in der Schweiz mit so unverfrorenen Regeln "Zwei bis drei der Mitglieder müssen den Antragssteller kennen". Und eine solche undurchsichtige und intransparente Firma will sich dann erdreisten, verletzte Urheberrechte gegen die Nutzer einzuklagen. Wieviel von den SUiSA-Gebühren zweigt eigentlich die IFPI in ihre Taschen ab?

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