«Populisten neigen zu einer grossen Röhre, Intellektuelle zu Wehleidigkeit»
Interview: Rico Bandle. Aktualisiert am 14.09.2010 30 Kommentare
Peter von Matt ist der bekannteste Schweizer Germanist. Von 1976 bis 2002 lehrte er Neuere Deutsche Literatur an der Universität Zürich. Der vielfach ausgezeichnete Autor ist u.a. Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Akademie der Wissenschaften. (Bild: Sabina Bobst)
Ist die Schweiz intellektuellenfeindlich?
Dieses Interview ist der letzte Teil einer Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Serie zur Befindlichkeit der Intellektuellen in der Schweiz. Zu den früheren Beiträgen gehören:
- Artikel: Intellektuelle fühlen sich in der Schweiz zunehmend angefeindet
- Adolf Muschg exklusiv: Ich, der Verräter im eigenen Land
- Schriftsteller Guy Krneta im Interview: «Die SVP benutzt unsere Methoden»
Artikel zum Thema
Intellektuelle und Künstler beklagen, vermehrt angefeindet und beschimpft zu werden. Wird die Schweiz tatsächlich zunehmend intellektuellenfeindlich?
Ich hab da meine Zweifel. Auch Ärzte, Juristen, Naturwissenschaftler sind Intellektuelle.
Beschränken wir uns einmal auf jene, die hierzulande vor allem als Intellektuelle bezeichnet werden: Schriftsteller und Künstler.
Das ist genau das Problem. In der Schweiz glaubt man, Schriftsteller seien von Natur aus das, was man in den USA ‹public intellectuals› nennt, also öffentliche Intellektuelle. Ein Public intellecutal kann aber jeder sein, der sich auf einem gewissen Niveau zu Wort meldet. In der Schweiz haben wir solche Figuren, die immens populär sind, zum Beispiel Franz Hohler oder Peter Bichsel, kleine Nationalheilige. Wenn sich jemand aber polemisch äussert, dann muss er sich nicht wundern, wenn die Reaktionen entsprechend sind.
Die Klagen über die vermehrte Intellektuellenfeindlichkeit kamen alle im Nachhall zur Minarettabstimmung.
Es kann sein, dass sich Künstler seither wieder etwas häufiger zu aktuellen Themen äussern. Das ist gut so. Wenn sie sich häufiger äussern, gibt es auch mehr Reaktionen, das ist normal. Man sollte da nicht empfindlich sein. Die populistischen Politiker neigen zu einer grossen Röhre, die Intellektuellen zu Wehleidigkeit. Das ist eine alte Regel.
Könnte es sein, dass die Intellektuellen heute wenig beliebt sind, da ihre Anti-Blocher-Voten zu vorhersehbar sind?
Auch was Blocher sagt, ist vorhersehbar. Aber natürlich, sobald die altbekannten Parolen geschwungen werden, wird es langweilig. Bei den Intellektuellen ist es im Übrigen nicht anders als bei den Politikern: Es gibt Durchbruchsfiguren, es gibt Mitläufer und es gibt den Mainstream. Irgendwann ermüdet dies – bis wieder jemand kommt und etwas sagt, von dem man denkt: «Endlich sagt das jemand.» Darauf kommt es an.
Die Schweiz als direktdemokratisches Land mag keine Obrigkeiten, auch keine Intellektuellen als moralische Instanzen. Stimmt diese Diagnose?
Mit ist das zu einfach. Der Vergleich mit dem Ausland ist schwierig. Länder wie Frankreich sind zentralistisch, auch was die Intellektuellen anbelangt, die sich alle in Paris scharen und eine entsprechende Bühne haben. In einem föderalistischen Land wie der Schweiz ist dies natürlich anders. Der Groll gegen öffentliche Intellektuelle, die provozieren, kann immer auftauchen, ob in der Schweiz oder im Ausland. Man denke nur an die 50er und 60er Jahre in Deutschland, als die Intellektuellen von der Politik heftigst attackiert und als Pinscher beschimpft wurden.
Mit Intellektuellenkritik gibt man sich volksnah?
Ja. In der Schweiz gibt es berühmte Politiker, die sind Juristen, also Intellektuelle, mit Swimming-Pool an bester Lage, aber sie tun immer so, als wären sie Bauern, die gerade vom Kartoffeln-Ausmachen kommen. Das ist eine Rolle, eine Propagandastrategie. Eine solche Propagandastrategie verfolgen aber auch die Intellektuellen, wenn sie sich als einsame Denker geben, die ungeschützt und von allen verfolgt dastehen. Ob ein Intellektueller etwas taugt, hängt im Grunde bloss davon ab, ob er von Zeit zu Zeit etwas sagt, was sonst niemand sagt. Wenn sie etwas taugen, kommen sie ins Schussfeld. Ins Schussfeld zu geraten, kann aber auch populär machen.
In den Kommentarspalten von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wurde das Thema intensiv diskutiert. Ein Hauptvorwurf an die Intellektuellen ist deren angebliche Schweizfeindlichkeit.
Das war schon immer so, das gehört in national beschwingten Kreisen zur Standardargumentation.
Die Nestbeschmutzer-Debatte ist tatsächlich alt, können Sie etwas über deren Anfänge sagen?
Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gab es Intellektuelle, die zu sagen wagten, es sei nicht alles gut gelaufen in der Schweiz. Ein früher Warner war zum Beispiel der Theologe Karl Barth. Auch Frisch und Dürrenmatt übten Kritik an der Rolle der Schweiz – und wurden dafür sehr scharf attackiert. Im Vergleich zu damals sind die heutigen Anfeindungen ein Kindergarten. Damals nannten sich die Kritiker noch «Nonkonformisten». Sie waren bürgelich-liberale Einzelgänger mit einem Flair für die Sozialdemokratie. Erst nach 1968 wurden sie Teil der organisierten linken Opposition. Mit dem Studentenaufstand kam die Zeit der kollektiven Bewegungen. Niklaus Meienberg gehörte dazu, wenn auch immer mit Vorbehalten.
Frisch und Dürrenmatt hatten einen grossen Teil der Presse gegen sich, der Konflikt zwischen Frisch und der NZZ zum Beispiel ist legendär. Heute nehmen die Medien die Intellektuellen in der Regel in Schutz. Wie kam es dazu?
Die 1968er-Bewegung war sehr breit, deren Protagonisten sind dann in die Medien nachgerückt. So kam es zu einem links-liberalen Konsens in vielen Medien. Positionen, die während des Kalten Kriegs noch isoliert waren, wurden Mainstream. Dagegen opponiert heute die nationalkonservative Bewegung.
Oft wird heute intellektuell mit links-intellektuell gleichgesetzt. Ist dies legitim?
Es hat in der Schweiz immer prononciert linke und prononciert bürgerliche öffentliche Intellektuelle gegeben. Das Links-Rechts-Schema hat dabei aber nie wirklich funktioniert, es war immer auch ein Propagandainstrument und ist es heute verstärkt wieder. Herausragende Intellektuelle wie Karl Schmid, Herbert Lüthy oder Denis de Rougemont sind nicht von diesem Schema her zu erfassen. Es hat im 20. Jahrhundert auch profilierte Intellektuelle mit faschistischen Neigungen gegeben: Céline Benn, Jünger, Hamsun, Ezra Pound... Im 19. Jahrhundert standen die zwei grössten Schweizer Autoren, Keller und Gotthelf, politisch scharf gegeneinander. Entscheidend ist immer die Frage, ob einer unabhängig denkt oder ob er mit seinen Wölfen heult. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 14.09.2010, 10:25 Uhr
Kommentar schreiben
30 Kommentare
Ich habe da meine Zweifel, ob Aerzte, Juristen etc. generell Intelektuelle sind bzw. als solche bezeichnet werden können. Primär sind sie Akademiker, also Promovierte. Die Lebenserfahrung zeigt immer wieder, dass solche auch nur mit Wasser kochen, das heisst, nimmt man ihr Privatleben unter die Lupe, dann kann dieses durchaus auch einem tieferen Niveau entsprechen.(inkl. Angeberei). Antworten
Ich bin auch Ihrer Meinung Herr Brunner. Juristen, Mediziner aber auch andere Akademiker sind wohel eher nicht per se Intelektuelle. Vielmehr können Sie dies AUCH sein, müssen aber nicht. Genausowenig wie jeder Akademiker Intellektueller ist, muss ein Intellektueller einen Universitätsabschluss haben (i.e. Akademiker sein). Genausowenig muss eine Diss. irgendwas intellektuelles an sich haben... Antworten
Kultur
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Grandioses Berg-Erleben.
Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.





