Pornos: Salonfähige Brutalität

Die amerikanische Soziologin Gail Dines hat ein Buch über die Pornoindustrie geschrieben – und deren Einfluss auf unsere Kultur. Sie gibt sich über die Entwicklung besorgt.

Porno ist chic geworden: Der Besuch einer Sexmesse ist heute für viele nicht mehr anrüchig, sondern normal.

Porno ist chic geworden: Der Besuch einer Sexmesse ist heute für viele nicht mehr anrüchig, sondern normal. Bild: Reuters

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Der aufgeschlossene Mensch hat ja überhaupt kein Problem mit Pornos. Im Gegenteil. Er versteckt sie nicht einmal mehr, wenn die Schwiegereltern zu Besuch kommen, und an Erotikmessen geht er auch ungeniert. Porno ist alltagstauglich geworden, chic sogar, und hat sich in alle Bereiche des Lebens geschlichen. In Musikvideos, in der Mode, in der Kunst, in der Werbung, überall ist Porno, und Darstellerinnen und Darsteller werden von seriösen Zeitungen interviewt.

Verdächtig sind heute vielmehr jene, die etwas dagegen haben. Verklemmt seien die, heisst es dann reflexartig, lustfeindlich, prüde, sexunlustig. Und wenn Frauen Kritik anbringen, sind sie zusätzlich frigide. Gail Dines, Soziologin und Feministin, die sich seit 20 Jahren mit dem Thema beschäftigt, kennt die Vorwürfe zur Genüge. Was sie nicht davon abhielt, ein Buch über eben jene Industrie zu schreiben, die es geschafft hat, salonfähig zu werden.

96 Milliarden Umsatz

In «Pornland – How Porn Has Hijacked Our Sexuality» beschreibt sie die Mechanismen des Geschäfts, das 4,2 Millionen Websites betreibt, jährlich 15 000 neue Filme produziert und weltweit geschätzte 96 Milliarden Dollar umsetzt. Und nicht nur das: Sie entzaubert das Glamour-Image, das die Industrie so erfolgreich aufgebaut hat, und beschreibt vor allem, welche Folgen die Pornoisierung auf Heranwachsende und deren Sexualität hat, seitdem die Filme im Internet problemlos anzuklicken sind.

Wie recht sie damit hat, zeigt der Missbrauchsskandal, der kürzlich Deutschland erschütterte: Da haben in einem Schullager Kinder andere Kinder mit Gegenständen vergewaltigt. Im «Spiegel» sagte die Kölner Kriminalpsychologin Sabine Nowara, dass der kleinste gemeinsame Nenner solcher jungen Täter der Konsum von Pornografie sei – eine von ihr geleitete Untersuchung ergab, dass dessen Einfluss deutlich höher ist als Intelligenzquotient, Milieu oder die Tatsache, selbst Missbrauchsopfer gewesen zu sein.

Zunehmende Brutalität

Tausende Filme hat Dines studiert, seit sie zum Thema Pornografie ihre Dissertation geschrieben hat, und was sie jetzt in höchstem Masse alarmiert, ist die Härte und Gewalttätigkeit des heutigen Durchschnittspornos. Bilder, die noch vor zehn Jahren nur selten zu sehen waren, sind mittlerweile Standard. Doppel- und Dreifachpenetrationen sind normal, Doppelpenetrationen in eine einzige Körperöffnung ebenfalls, den Frauen werden die Penisse so tief in den Mund gedrückt, bis sie zu würgen beginnen, sie werden geschlagen und an den Haaren gerissen, als «Huren» und «Fotzen» beschimpft, als «dreckig» und «versaut». Eine der wenigen Untersuchungen, die es zum Thema gibt, hat vor drei Jahren die 50 populärsten Pornofilme in den USA analysiert: 88 Prozent der Szenen zeigen körperliche und 48 Prozent verbale Gewalt an Frauen.

Die Brutalität kam mit dem Gonzo-Porno, einer neuen Form, die gänzlich auf die oft belächelte Handlung verzichtet (wenn Dines von Pornos spricht, meint sie stets Gonzo-Pornos). Stattdessen wird Penetration an Penetration gezeigt, über 20 oder 30 Minuten lang, Anus und Vagina der Frauen sind danach rot, wund und geschwollen, und die Kamera hält drauf. Selbst Produzenten geben zu, dass die Szenen für die Darstellerinnen gefährlich und schmerzhaft sind, aber ihre Hauptsorge gilt etwas ganz anderem: dass die Grenze des gesetzlich Erlaubten erreicht und eine Steigerung kaum mehr möglich sei, die Kunden aber nach immer noch härteren Szenen verlangen würden. Es geht also um Geld, denn Gonzo-Pornos sind eine der erfolgreichsten und gewinnträchtigsten Sparten der Branche.

Unverhohlene Erniedrigung der Frauen

Dines erwartet keine Romantik in Pornos, aber die unverhohlene Erniedrigung der Frauen macht sie wütend, und erst recht, dass das einfach so hingenommen wird: «Würden Schwarze oder Juden in Filmen reihenweise so behandelt, der Aufschrei wäre riesig. Es käme niemand auf die Idee, von ‹Fantasie› zu sprechen, sondern man würde es klar als das benennen, was es ist: rassistisch oder judenfeindlich.» Noch viel wütender macht sie allerdings die leichte Zugänglichkeit durch das Internet. Entsprechend sehen Buben heute ihren ersten Porno im Durchschnitt mit 11 Jahren – und im Unterschied zu früher handelt es sich dabei um Filme, in denen Frauen regelrecht malträtiert werden.

Das, sagt Dines, kann nicht ohne Folgen bleiben. Wenn junge Männer, bevor sie überhaupt je eine Frau im Arm gehalten haben, schon solche Bilder im Kopf haben, dann prägt das deren Vorstellung von Sexualität genauso wie deren Umgang mit Frauen. So sagt auch die Kölnerin Sabine Nowara: «Sie bekommen bestimmte Körper vorgegaukelt und was man alles tun kann oder muss – aber ihnen fehlt die emotionale Reife, und sie sind damit total überfordert.»

"Porno hat mit Sex nichts zu tun"

Die zahlreichen Studien, Zahlen und Fakten, mit denen Dines ihre Behauptung belegt, sie sind so beelendend wie die Filme, um die es im Buch geht. Der Psychologe Neil Malamuth etwa, Professor an der Universität von Los Angeles und einer der führenden Forscher, der die Effekte des Pornokonsums untersucht, kommt zum Schluss, dass ein Zusammenhang existiert: Männer, die oft jene von Dines kritisierte Art von Pornos schauen, legen deutlich häufiger eine sexuelle Aggression gegenüber Frauen an den Tag als Männer, die das nur kaum oder selten tun. Wobei sich der Einfluss auch in einer falschen Erwartungshaltung äussern kann: Dines zitiert aus Umfragen an Colleges, in denen junge Frauen berichten, wie selbstverständlich Männer ihnen ins Gesicht ejakulieren wollten.

Genauso häufig werde Analsex verlangt oder dass eine Frau in der Bikinizone komplett rasiert sein müsse, andernfalls gälte sie als «abnormal» oder «hässlich». Und die Studentinnen schildern, mit wie viel Unverständnis die Männer auf Ablehnung reagieren würden. Kein Wunder, Pornodarstellerinnen kennen das Wort «nein» nicht, keine Praktik ist ihnen zu schmerzhaft, widerlich oder demütigend; sie sind immer willig. Aber Dines sagt ja eben auch: Porno hat mit Sex so ziemlich gar nichts zu tun.

Zunehmende Hypersexualisierung

Die Folgen der Pornoisierung äussern sich für Frauen aber nicht nur sehr konkret, sondern auch indirekt. Sie sind einer zunehmenden Hypersexualisierung ausgesetzt, denn überall wird suggeriert: sexy gleich gut gleich erfolgreich gleich begehrenswert. Paris Hilton hatte ihren medialen Durchbruch erst, nachdem das heimlich gedrehte Sexvideo ihres Ex-Freundes im Internet anzusehen war, Teenie-Star Miley Cyrus reibt sich lasziv an Strip-Stangen, Rihanna und Britney und wie sie alle heissen machen vor allem mit gewagter Kleidung oder fehlendem Höschen von sich reden, und Katie Price wurde als Boxenluder dank ihrer absurd vergrösserten Brüste zur Millionärin. Dines formuliert das so: «Junge Frauen können sich für zwei Varianten entscheiden: Entweder sie sind sexy, oder sie sind unsichtbar.»

Deshalb widerspricht sie auch vehement jenen Stimmen, die ihr vorwerfen, sie untergrabe mit ihrer Kritik die Selbstbestimmung der Frau. Mitnichten, sagt sie, denn wenn Frauen nur dann als attraktiv gälten, wenn sie möglichst viel Haut zeigten, entsprächen sie einem von Männern definierten Schönheitsideal – mit Selbstbestimmung oder gar Emanzipation habe das herzlich wenig zu tun.

Wegwerfware Frau

Diesbezüglich räumt Dines auch gleich noch mit dem Klischee auf, Pornodarstellerinnen hätten ihr Hobby zum Beruf gemacht, seien, wie es gerne heisst, «naturgeil». Nahezu ausnahmslos handle es sich um schlecht ausgebildete Frauen ohne Perspektive, die sich vom glamourösen Image verführen lassen und aufs grosse Geld hoffen. Die Realität sieht dann ganz anders aus. Pornodarstellerinnen sind Wegwerfware, sie enden nicht in einer Villa in Beverly Hills, sondern irgendwo in einem Bordell in der Provinz, meist krank, drogensüchtig und kaputt. Die bekannteste amerikanische Porno-Darstellerin, Jenna Jameson, schildert detailliert, wie traumatisch sie ihren ersten Dreh erlebt hatte.

Dines ist energisch und nimmt kein Blatt vor den Mund; wer ihr vorwerfen will, als Feministin habe sie grundsätzlich etwas gegen Pornos, der hat angesichts ihrer stringenten Beweisführung einen schweren Stand. Und wenn sie im Vorwort sagt «Da ist ein riesiges menschliches Experiment im Gange. Das Problem ist, dass es nicht im Labor stattfindet», dann erscheint es einem nach der Lektüre keineswegs übertrieben. Es dünkt einen vielmehr bedenklich, dass das Thema kaum jemand zu kümmern scheint.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 05.08.2010, 19:52 Uhr)

Stichworte

Das Buch

Gail Dines: Pornland – How Porn Has Hijacked Our Sexuality. Beacon Press, Boston 2010. 204 S., ca. 30 Fr.

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