Kultur

«Professoren müssen sich über den Verlauf der Debatte nicht wundern»

Interview: Rico Bandle. Aktualisiert am 09.01.2010

Die SVP prangert den «deutschen Filz» an den hiesigen Universitäten an. Der deutsche Prorektor der Uni Zürich, Otfried Jarren, glaubt, dass sich die Professoren die gehässige Debatte zum Teil selbst zuzuschreiben haben.

Kampf per Inserat: Links werfen 200 Professoren der SVP Rassismus vor, rechts kontert die Partei.

Kampf per Inserat: Links werfen 200 Professoren der SVP Rassismus vor, rechts kontert die Partei.

<b>Otfried Jarren</b> ist Professor für Publizistikwissenschaft und Prorektor der Universität Zürich.

Otfried Jarren ist Professor für Publizistikwissenschaft und Prorektor der Universität Zürich. (Bild: UZH)

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Anteil deutscher Professoren nach Fakultät

Wie viel Filz gibt es an der Universität Zürich?
Ausser beim Bodenbelag glaube ich nicht, dass es hier Filz gibt.

Wie erklären Sie sich den starken Anstieg an deutschen Professoren in den letzten fünf Jahren?
Langfristig stellen wir keinen Anstieg fest. Der Anteil von einem Drittel (siehe Tabelle) ist seit langem einigermassen stabil. Nur in einzelnen Fakultäten gab es in letzter Zeit grössere Verschiebungen, zum Beispiel bei den Wirtschaftswissenschaften.

Die Statistik, die die SVP in ihren Inseraten aufführt, zeigt ein anderes Bild. Berufungen laufen über mehrere Jahre. Dass es da in einzelnen Jahren zu Ausschlägen kommt, ist völlig normal. Mittel- und langfristig betrachtet, ist die Datenlage stabil.

Immerhin werden da die letzten vier Jahre abgebildet.
Das ist ein zu kurzer Zeitraum für eine sichere Aussage.

Viele Leute, auch in akademischen Kreisen, sehen das anders. Ist das bloss ein subjektives Empfinden, weil die Zuwanderung aus Deutschland allgemein stark zugenommen hat?
Ja, es handelt sich um ein echtes soziales Phänomen: In der Deutschschweiz kommen immer mehr Leute hinzu, die dieselbe Sprache sprechen und als direkte Konkurrenten auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt wahrgenommen werden. Auf diesen Sachverhalt reagiert die SVP. Mit dem Problem sind auch andere Länder konfrontiert, nur dass in der Schweiz die Zuwanderer den Einheimischen sehr ähnlich sind, da sie fast dieselbe Sprache sprechen, dieselbe Literatur lesen etc. Dass dies für Irritationen sorgen kann, ist nachvollziehbar. Dass die SVP dies aber ausgerechnet an den Professoren festmacht, das finde ich eigenartig und hat viele Berufskollegen aufgeschreckt.

Sie haben das Gegeninserat der Professoren nicht unterschrieben. Weshalb nicht?
Es beinhaltet meiner Ansicht nach schwere Mängel. Man kann der SVP in diesem Falle wohl keinen Rassismus unterstellen, wie das im Inserat gemacht wird. Wenn schon, dann handelt es sich um ein Beispiel von Ausländerfeindlichkeit oder übersteigertem Nationalismus. Wer den Ball mit einem solch zweifelhaften Rassismusvorwurf hochspielt, muss sich nicht wundern, wenn das Thema dann ein solches Gewicht erhält und berechtigterweise zu Verstörung führt.

Die Professoren haben sich also diese zum Teil gehässige Debatte auch selbst zuzuschreiben?
Ja. Einerseits war da der Rassismusvorwurf, andererseits haben einige Exponenten in der weiteren Debatte Ausdrücke gebraucht, die ich nicht für klug und nicht für richtig halte.

Zum Beispiel?
Wenn Arisierung und Helvetisierung in einen Kontext gesetzt werden (siehe Artikel zum Thema). Dies hat ebenso wie der Rassismusvorwurf der SVP leider Auftrieb gegeben. Die Arisierung ist ein rein deutscher Diskurs, der mit der Schweiz – zum Glück für das Land – überhaupt nichts zu tun hat. Auf das erste SVP-Inserat hatte ja gar niemand reagiert. Ohne die Voten der Professoren wäre die Sache im Sand verlaufen.

Um wieder zurück zum Vorwurf der SVP zu kommen: Gibt es eine Obergrenze des Zumutbaren an Professoren aus einem Land?
Wenn man das weiterdenkt, so müsste man Quoten einführen. Das ist natürlich Unsinn. Auch für Schweizer ist der Zugang zu Universitäten im Ausland unbegrenzt offen. Und gerade auch in Deutschland gibt es viele Schweizer Professoren.

Sie kamen 1997 in die Schweiz. Was hat sich seither verändert?
Die Uni ist viel besser geworden, sie gehört zu den Top-Unis in Europa - dazu hat ein buntes Völkchen unterschiedlichster Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beigetragen.

Die Frage war eher, was sich in Bezug auf die Stimmung gegenüber deutschen Professoren verändert hat.
Ich habe nie festgestellt, dass die vielen deutschen Professoren auf irgendeine Weise als Problem wahrgenommen worden wären. Ich bin nun seit zwei Jahren in der Uni-Leitung und mir ist kein Streitfall bekannt, bei dem es explizit um Schweizer gegen Deutsche oder umgekehrt ging.

Aber sehen Sie nicht die Gefahr, dass die Deutschen sich gegenseitig Jobs zuschanzen, wie das die SVP behauptet?
Die SVP behauptet das doch gar nicht.

Sie spricht von Filz, was genau dies bedeutet.
Aber sie hat das nie so formuliert wie Sie jetzt. Ich glaube jedoch nicht, dass der Filzvorwurf trifft. Fachwissenschaftliche Seilschaften gibt es tatsächlich. Natürlich versuche auch ich, meine Nachwuchsleute so gut wie möglich unterzubringen. Aber das hat nichts mit der Nationalität zu tun.

Wenn ein Deutscher kommt, hat er seine Seilschaften doch in Deutschland, ob er das will oder nicht.
Nein, das sehen Sie falsch. Professoren engagieren sich für ihre Fachgebiete. Wie in jedem menschlichen Bereich kämpft man für seine Leute, wenn sie gut sind und weil es um die Sache geht. Jeder Professor kämpft dafür, dass seine Ausrichtung gestärkt wird und sucht eine möglichst gute Person in dem spezifischen Bereich, die Nationalität ist unwichtig.

Die Verlockung ist doch gross, Assistenten einzustellen, die man von früher her kennt.
Ich erlebe das anders. Wir wollen alle die Besten. Denn wenn meine Leute irgendwann angesehene Professoren werden, so steigt auch meine Reputation. Das ist das, was zählt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.01.2010, 17:19 Uhr

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