Kultur

Linus Schöpfer
Redaktor Kultur


Radio Vollmond

Aktualisiert am 28.11.2012 46 Kommentare

Jahresende ist Horoskopzeit, und auch DRS 3 deutelt wieder munter mit. Der Sender behauptet, Astrologie gehöre zum Service public – ohne schlüssige Erklärung.

1/5 Teil des Service public? Astrologin Kissling alias Madame Etoile.
Madameetoile.ch

   

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Das Ableiten von Schicksalen und Charakteren aus Himmelskörperkonstellationen hält sich – obschon wissenschaftlich haltlos – hartnäckig; Horoskope als metaphysische Placebos sind beliebt. Einen besonders prominenten Platz räumt dieser speziellen «Form des Aberglaubens» (Einstein) ausgerechnet das sonst auf Nüchternheit und Faktentreue so bedachte und stolze Schweizer Radio DRS ein.

Zweimal in der Woche präsentiert Monica Kissling alias Madame Etoile auf DRS 3 ihre Aussichten. Am Montag wars mal wieder so weit: Schon in der ersten Wochenhälfte gebe es eine «ganze Serie machtvoller Konstellationen, unter anderem mit dem Vollmond vom Mittwoch», sagte Kissling. Darum «werden wir von ungewohnt starken Emotionen überwältigt – vielleicht haben wir auch eine plötzliche Erkenntnis...»

Dem unbedarften Hörer drängen sich unweigerlich ein paar Fragen auf. Zumal: Was soll das alles bedeuten? Wer sind «wir»? Wie genau soll diese kollektive emotionale Überwältigung vonstattengehen? Und von welcher Form von «Erkenntnis» ist hier die Rede?

Als eine Art «Wetterbericht» sei ihre Sendung zu verstehen, erklärt Kissling. «Eine kollektive Einschätzung ist möglich, weil wir alle unter demselben Sternenhimmel leben.» Kissling gibt zu, dass die Astrologie wissenschaftlich nicht fundiert ist, betont aber: «Wie bei der Homöopathie kommt es allein auf die Erfahrungswerte und die seriöse Arbeit der Beteiligten an.»

Paradoxe DRS-Argumentation

Bedenklicher als Kisslings astrologisches Selbstbewusstsein ist, dass die Radiomacher von DRS nicht zu wissen scheinen, mit welchem Recht sie «Madame Etoile» seit Jahren schon im Programm haben.

Kisslings Sendung gehöre zum Service public, erklärt Sprecher Marco Meroni auf Anfrage. «Der in der Konzession für die SRG definierte Leistungsauftrag sieht neben News, Serviceangeboten et cetera auch Unterhaltung vor», sagt Meroni. Astrologie als abgespacetes Entertainment und abseitiges Rundfunkgeraune also? Nein! Denn dank Kissling «erhalten unsere Hörerinnen und Hörer die wichtigsten Informationen rund um die Sterne für die nächsten paar Tage», sagt Meroni. Kissling sei glaubwürdig, geniesse sie doch in der hiesigen Astrologenszene grosses Ansehen.

Eine wirre Argumentation: Einerseits wagen es die Radiomacher nicht, «Madame Etoile» als seriöse Informationssendung einzustufen. Um die Sendung dennoch als Service-public-Format legitimieren zu können, verpasst ihr DRS 3 das Etikett «Unterhaltung». Da dies aber dem Astrologieverständnis von Kissling und ihren Fans widerspricht, bemühen die Verantwortlichen nichtsdestotrotz Begriffe wie «Glaubwürdigkeit» und «Information». Astrologiegegnern soll der Eindruck eines etwas kruden, halbironischen Psychotalks vermittelt werden, Astrologieanhänger anderseits sollen «Madame Etoile» als Sternen-«Meteo» schätzen können.

Und so geht montags und samstags merkwürdigerweise und weiterhin kurz vor zehn über dem Gärtchen des Service public – der Vollmond auf.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.11.2012, 12:49 Uhr

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46 Kommentare

Roberto Binswanger

28.11.2012, 13:08 Uhr
Melden 256 Empfehlung 47

Und dafür bezahlen wir Konzessionsgebühren, Frau Kissling macht's wohl nicht gratis. Antworten


Jan Holler

28.11.2012, 13:35 Uhr
Melden 184 Empfehlung 34

Hier wedelt doch der Schwanz mit dem Hund: Alles, was DRS3 bringt ist Service Public, darum auch dieser seichte Hokuspokus der selbsternannten Sternendeuter/innen.
Geld hat SRF anscheinend in Hülle und Fülle für solchen Unsinn. Fragt sich nur, warum sie dauernd mehr Gebühren wollen.
Aber auch hier gilt wie so oft: Der Ausschalter ist der beste Knopf.
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