Radio-Kritik: 100 Fragen, 98 Antworten
Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 30.12.2009 45 Kommentare
Anzahl Fahrstunden unbekannt: Roger Köppel.
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Ganz neu ist die Idee der 100 Fragen nicht. Moritz von Uslar stellte vor zehn Jahren für das Magazin der «Süddeutschen» allerlei Prominenten 100 ungewöhnliche Fragen, die diese so schnell wie möglich beantworten mussten. Zum Beispiel, welche Art der Verhütung Angela Merkel wählt (sie liess die Frage unbeantwortet).
Auch «Weltwoche»-Chef Roger Köppel sollte mit frechen Fragen eingedeckt werden, wobei diese zu Beginn eher aufmüpfig daherkamen. Etwa ob man bei Köppels zu Hause die Schuhe ausziehe (Ja) oder ob er Angst habe, dick zu werden (Hat jeder Mann über 40). Überraschender wurde es jeweils, als Moderator Dominic Dillier Köppel konkret nach Namen fragte. Der intelligenteste Schweizer? (Dürrenmatt). Der gescheiteste Mensch weltweit? (Ronald Reagan).
Der gescheiteste Schweizer
Die Radio-Variante von Moritz von Uslars Interview bezeichnete DRS 3 als «Experiment». Aus offensichtlichen Gründen: Während sich der Printjournalist nicht um die Gesprächszeit scheren muss, ist der «Focus» auf 60 Minuten beschränkt. Abzüglich der eingespielten Songs sind das ungefähr 27 Sekunden Antwortzeit pro Frage. Weil Köppels erste Antworten wie aus dem Maschinengewehr geschossen kamen, musste Dillier auch prompt zu ausführlicheren Antworten mahnen. Am Ende ging die Rechnung jedoch auf - Respekt für das Timing des Moderators.
Dass man Köppel für das Experiment gewählt hat, war ein cleverer Entscheid. Der Journalist ist schnellzüngig und vor allem gibt es kaum einen Bereich, in dem er sich nicht befähigt fühlt, Auskunft zu geben. Egal, ob Politik, Geschichte, Wirtschaft oder Kultur. Der gescheiteste Schweizer für die einen, ein Universal-Plagöri für andere. So erfuhren wir welche Köppels «Lieblingsschlacht» ist (Actium), wen er für den grössten Schweizer Depp hält (Grünen-Nationalrat Jo Lang) und ob er Joggen oder Nordic Walking bevorzugt (Joggen).
Fahrlehrling Köppel
Natürlich ist ein Vergleich mit von Uslar nicht fair, nicht nur des unterschiedlichen Mediums wegen. Die überlegene Geistesgegenwart dieses Interviewers, das brutale Stakkato der Fragen sind legendär. Trotzdem hätte man sich gestern weniger Fragen gewünscht, die offensichtlich das Klischee des neoliberalen Hardliners bestätigen wollten. Zumal Köppel solche Fragen geschickt mit Phrasen parierte, die er wöchentlich in seinen Editorials drischt (Souverän respektieren, Minarettverbot umsetzen etc.).
Interessant wurde es stets, wenn nicht nach dem Erwarteten, dem angeblich Wichtigen, und dem Aktuellen gefragt wurde. Etwa, wer bei den Köppels nachts aufsteht, wenn das Baby schreit (beide). Oder ob er sich gerne beim reden höre (ja, bei guten Auftritten). Bezeichnenderweise waren es solche harmlosen Fragen, die einem den Menschen Roger Köppel näherbrachten und einen ahnen liessen, wie er tickt. Auch eine der einzigen zwei Fragen, die er unbeantwortet liess, stammte aus dieser Kategorie: Wie viele Unterrichtsstunden beim Fahrlehrling Köppel eingeplant sind. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 30.12.2009, 12:02 Uhr
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