Kultur

Rechte Geier und linke Ratten

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 12.05.2010 1 Kommentar

Weil Hitler und Stalin sie gebrauchten, war sie lange verpönt. Im Zuge der Finanzkrise ist die animalische Rhetorik nun wieder salonfähig geworden.

Sie sind zurückgekehrt:«Die Geier, welche sich über den Leib jener Gesellschaften hermachen, von denen aus sie in alle Welt geschickt wurden.»

Sie sind zurückgekehrt:«Die Geier, welche sich über den Leib jener Gesellschaften hermachen, von denen aus sie in alle Welt geschickt wurden.»
Bild: Keystone

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Die Angriffe von Spekulanten auf den Euro glichen dem «Verhalten von Wolfsrudeln». Das hat Schwedens Finanzminister gerade gesagt (TA von vorgestern). Schon wieder ein Tiervergleich – die Finanzkrise bewirkt ein Comeback der politischen Zoologie.

Belege dafür gibt es aus den letzten Monaten und Jahren viele: ArboniaForster-Chef Edgar Oehler nennt fremde Finanzinvestoren «Heuschrecken». Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann beruhigt, niemand wolle einen «Raubtierkapitalismus». Und in der linken deutschen Zeitung «Junge Welt» steht zu lesen: «Die Geier des Kapitals sind zurückgekehrt und machen sich über den Leib jener Gesellschaften her, von denen aus sie in alle Welt geschickt wurden.»

Die animalische Rhetorik

Dabei waren Tieranspielungen in der öffentlichen Rede lange verpönt. Zu eng sind sie verknüpft mit totalitären Ideologien. Der Kommunist Lenin bezeichnete alles und jeden ausserhalb der Arbeiterklasse als «Parasiten». Und der Faschist Hitler schimpfte die Juden eine «Rotte von Ratten»; das Echo dieser Barbarei erklang, als 1978 der bayrische Rechtspolitiker Franz Josef Strauss Intellektuelle als «Ratten und Schmeissfliegen» diffamierte.

Die Linke protestierte jeweils laut, ihr Programm war schliesslich die Humanisierung der Welt. Sie war noch vor wenigen Jahren empört, als die SVP Sozialdemokraten als Ratten abbildete und für ihre Ausschaffungsinitiative mit dem Sujet des schwarzen Schafs warb; das sei erniedrigend und rassistisch. Neuerdings, da es um überforsche Kapitalisten geht, ist dieselbe Linke unzimperlich. Tabubrecher war Franz Müntefering; vor fünf Jahren trat er als Chef der SPD die «Heuschreckendebatte» los, indem er über Investoren sagte, sie «fallen über Unternehmen her, grasen sie ab und ziehen weiter».

Die animalische Rhetorik hat inzwischen die politische Mitte erobert – und die Regierungen: «Wenn wir diese Rudel nicht stoppen, werden sie die schwächeren Länder zerreissen», hat der schwedische Finanzminister nachgeschoben. Das ist so überaus dramatisch formuliert, als folge gleich der Abschussbefehl. Doch vergessen wir nicht: Die gesichtslosen, die anonymen Kapitalisten sind letztlich eben keine Wölfe, sondern – Menschen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.05.2010, 13:38 Uhr

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1 Kommentar

Urs Stotz

14.05.2010, 02:52 Uhr
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Dies animalische Rhetorik ist einfach nur schweinisch. Antworten



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