Rhetorik-Serie (6): Die Rhetorik des Bösen
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 24.11.2010 83 Kommentare
Stichworte
Rhetorik ist Macht und als solche kann sie nicht ohne Ethik gedacht werden, das war schon von alters her klar. Die Möglichkeit zum Missbrauch spreche allerdings nicht gegen die Redekunst, meinte Aristoteles, die schliesslich bloss eine Technik und als solche wertneutral sei. Es ist also erst der Einsatz der Rhetorik, ihr Zweck, der die «schwarze» von der «weissen» Rhetorik unterscheidet.
Mittels der Magie der Sprache erringen Potentaten Macht, schaffen Weltreiche oder zerstören sie. Ein hinreichend bekanntes Beispiel für rhetorische Manipulation lieferte beispielsweise Cato der Ältere (234–149 v. Chr.), der seine Reden vor dem römischen Senat mit den Worten zu schliessen pflegte: «Und im Übrigen bin ich der Überzeugung, dass Karthago zerstört werden muss.» Die ständige Wiederholung dieses Satzes tat ihre Wirkung, die Forderung wurde bei den Zuhörern am Ende zur Gewissheit. Karthago wurde denn auch im Dritten Punischen Krieg vollständig zerstört.
Kunst der Massenführung
Das beste Beispiel für die Macht der schwarzen Rhetorik ist und bleibt aber Adolf Hitler. Hitler war ein Niemand, bevor er sein rhetorisches Talent entdeckte. 1919 zählte die nationalsozialistische Partei ganze sieben Mitglieder. Aus demselben Jahr stammt auch folgende Beschreibung Hitlers durch einen Vorgesetzten: ruhig, bescheiden, pflichtbewusst sei Hitler gewesen, ohne jegliches Führungstalent. Hitler selbst bekannte, dass er zu jener Zeit nicht vor zwanzig Leuten hätte sprechen können, ohne in Verlegenheit um die richtigen Wörter zu geraten. Dreizehn Jahre danach war die NSDAP die grösste politische Partei Deutschlands mit Hitler an der Spitze. Später übernahm er den Reichstag und brach den Zweiten Weltkrieg vom Zaun, der zum Tod von 50 Millionen Menschen führte. 1936 schrieb sein Propagandaminister Goebbels: «Hitlers ‹Kunst der Massenführung› ist so einmalig und einzigartig, dass darauf kein Schema und kein Dogma passt. Es wäre absurd zu denken, dass er eine Redner- oder Sprachschule besucht hätte; er ist ein Genie der Redekunst, das ganz eigen gewachsen ist, ohne Zutun von irgendeiner anderen, womöglich gar bewussten Seite.»
Auch Goebbels Aussage ist natürlich Propaganda, denn Hitler hatte sehr wohl einen Rhetorik Trainer. Aber im Gegensatz zu den meisten politischen Führern schrieb Hitler seine Reden selbst, wie Churchill übrigens auch. Und in seiner Autobiografie «Mein Kampf» finden sich auch die Eckdaten zu seiner Theorie der Rhetorik und der Propaganda, zwei Begriffe, die er beinahe synonym gebrauchte. Fundamental für Hitlers Theorie der Rhetorik war der Glaube, dass in Bezug auf Führerschaft das gesprochene Wort dem geschriebenen überlegen sei. Nur durch die Rede könne sich jene Magie entfalten, die das Publikum fessle. Das gesprochene Wort habe Brandkraft, sei eine Zauberfackel, heisst es in «Mein Kampf». Die grosse Masse des Publikums könne nur durch die Macht des gesprochenen Wortes bewegt werden. Seine wichtigsten Mittel dazu waren die Folgenden:
Die Verachtung des Publikums
Hitlers rhetorische Theorie fusst fast gänzlich auf der Verachtung der Massen. Eine Masse sei nicht sehr intelligent und habe ein immenses Potenzial zu vergessen, schreibt er. Das «deutsche Volk», das er verführen und das ihn gross machen sollte, bestehe aus Dickschädeln, Querköpfen und Dummköpfen. Deshalb müsse auch das Angriffsziel einer Rede nicht der Intellekt, sondern die Emotionalität eines Publikums sein. Ein guter Redner passe sich dem Niveau des Publikums an, liefere also möglichst primitive und deutliche Erklärungen für Probleme.
Wiederholung
Auch die brillanteste Propaganda-Technik tauge nichts ohne Wiederholung, schrieb Hitler. Der Redner solle sich auf wenige und einfach Slogans konzentrieren, seine Gedanken langsam aufbauen und das Gesagte immer wieder mit unterschiedlichen Beispielen wiederholen. Gerade weil das Publikum so dumm sei, müsse man es mit den einfachsten Formeln so lange penetrieren, bis auch der Hinterletzte verstehe, was man ihm zu verstehen geben wolle.
Schwarz-Weiss-Denken
Propaganda, so Hitlers Überzeugung, dürfe niemals abwägen, denn ihr Ziel sei nicht die objektive Wahrheitsstudie, die dem Publikum mit akademischer Fairness dann präsentiert werde. Bei der Propaganda gehe es einzig und alleine darum, die eigene Seite stark zu machen. Dazu brauche es konsequentes Schwarz-Weiss Denken. Bei Hitler heisst es also immer alles oder nichts, Liebe oder Hass, richtig oder falsch, Wahrheit oder Lüge.
Feindbilder
Auch bei der Wahl des Gegners müsse sich der Redner entscheiden, so Hitler. Tauchten zu viele Gegner auf, verwirre das die Menschen und es bestehe die Gefahr, dass sie abzuwägen begännen. Es sei notwendig, sich auf einen einzigen Feind zu konzentrieren, um gemeinsam gegen ihn marschieren zu können. Und wenn man verschiedene Feinde habe, müsse man es immer so darstellen, als gehörten sie alle zur selben Kategorie. In Hitlers Fall waren das die Juden und die Kommunisten, die er zur jüdisch-bolschewistischen Bedrohung hinaufstilisierte.
Die grosse Lüge
Hitler war überzeugt, dass der Zweck die Mittel heiligt. Deshalb hielt er auch die Lüge für ein nicht nur probates, sondern auch legitimes Mittel. Auch hier handelte er nach der Maxime: think big. Je grösser die Lüge, desto glaubwürdiger sei sie für die Masse. Denn kleine Lügen erzähle jeder mal, doch die meisten Menschen würden aus Scham davor zurückschrecken, eine grosse Lüge zu erzählen, weshalb sie sich auch nicht vorstellen könnten, dass jemand anders ihnen die infamste aller Lügen mit grosser Geste auftischen würde.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Hitlers rhetorische Rezepte ungebrochen wirksam sind. Einen Feind definieren, die Sachlage vereinfachen, polarisieren, Slogans wiederholen, lügen im grossen Stil – das sind Rezepte, die man heute im politischen Alltag ebenso beobachtet wie in der Werbung. Bleibt die Hoffnung, dass die Masse durch die Geschichte etwas klüger geworden ist. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 24.11.2010, 13:11 Uhr
Kommentar schreiben
83 Kommentare
Mich wundert nur, wie Sie Frau Binswanger noch für den Tagesanzeiger arbeiten können, wenn Sie all das schon so gut zusammenfassen und als "schwarze Rhetorik" bezeichnen. Nichts von all dem was nicht auf die alt-68er, ihren Gang durch die Institutionen und ihre Pressearbeit als Journalisten zuträfe! Antworten
Diese Methode beherrscht auch Links. Erst kürzlich wickelte ich nach etwa 15 Jahren im Keller etwas aus einer BAZ-Zeitung. Ein Foto zeigte den Basler Kantonsförster mit entsetztem Gesicht im Hörnliwald. An den Text dazu betr. Waldsterben und der ganz sicheren düsteren Zukunft kann sich der etwas ältere Leser sicher noch errinnern.Daran errinnert bis Heute auch Tempo 120 auf Autobahnen! Antworten
Kultur
Kultur
Meistgelesen in der Rubrik Kultur
Internet auf dem Fernsehen: Der Trend geht klar in diese Richtung. Werden Sie sich einen Smart TV kaufen?
Ja, auf jeden Fall
Nein, interessiert mich nicht
Erst wenn die Geräte billiger geworden sind
Ich habe schon einen
3308 Stimmen





























































































































