Kultur

«SIND HIER ALLE BESCHEUERT?!?»

Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 09.11.2011 177 Kommentare

Der eine flucht, der andere analysiert. In Online-Foren liegen Diskussion und Denunziation nahe beieinander. Die zehn häufigsten Typen von Online-Kommentatoren.

Mal Frust...

...mal Fassungslosigkeit...

...mal Freude: Online-Foren sind Hochemotionszonen.

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82 Prozent der Schweizer Männer nutzen das Web, bei den Frauen sind es 67 Prozent. Knapp jeder Zehnte ist online, um sich via Blogs oder Kommentarspalten zu aktuellen Themen zu äussern. Dieser Bürger-Input hat positives und negatives Potenzial. Im besten Fall entstehen neue Geschichten und Debatten – im schlechtesten eine Kakophonie von Bosheiten und Beleidigungen.

Nicht zuletzt stellen Online-Foren das Verhältnis zwischen Lesern und Journalisten auf die Probe. Ein Verhältnis, das für beide Seiten mal aufbauend, dann wieder von Verblüffung über die Anmassung der anderen Seite getrübt ist. Was auch an der Frage liegt, wo die Grenzen der freien Online-Meinungsäusserung liegen, respektive wie man diese kontrolliert und reguliert. Durch Angabe des richtigen Namens? Mit einer Gebühr? Wo endet Moderation, wo beginnt Zensur ? Ein ebenso schwieriger wie spannender Lernprozess für alle Beteiligten.

Sicher ist: Wir wollen Sie nicht als Kommentatoren missen. Gerade wegen der Vielfältigkeit der Beiträge, was Fachkenntnis, Stil und Emotionalität angeht. Deshalb, liebe Kommentatorinnen und Kommentatoren, haben wir uns erlaubt, Profile von Ihnen zu erstellen, die zehn häufigsten Arten der Forum-Fauna quasi:

Der Inkonsequente
Er findet den Artikel absolut uninteressant, nichtig und unter seinem Niveau. Er fragt sich, warum so etwas überhaupt geschrieben, gelesen und dann noch kommentiert wird. Diesen Gedankengang hält er aber dann für so wertvoll, dass er ihm in den Kommentarspalten selber Ausdruck verleihen muss. Das klingt dann so: «Eigentlich interessiert mich das Thema schon lange nicht mehr, aber trotzdem finde ich, dass…» Oder: «Ich habe es schon mehrmals geschrieben, wiederhole mich aber gerne…»

Der Moderator
Um ihn ist man als Artikel-Verfasser froh. Uneigennützig versucht er, eine Diskussion, die aus dem Ruder läuft, zu retten. Indem er ermahnt, lobt, ein Bonmot einstreut oder die Runde an das ursprüngliche Thema erinnert. Der Moderator ist so etwas wie der Klassenprimus, was bedeutet, dass er sich seine Position durch regelmässige Postings erarbeiten musste. Er wird denn auch von der Mehrheit akzeptiert und geschätzt.

Der Trompeter
Er und seine Artgenossen machen zwar bloss einen kleinen Prozentsatz der Teilnehmer aus – was man aber durch Hyperaktivität und Lautstärke wettmacht. Weil es (zum Glück!) noch keine Audio-Kommentarfunktionen gibt, erhebt er seine Stimme gerne mittels Caps-Lock-Taste: SIND HIER ALLE BESCHEUERT?!? CALMY-REY GEHÖRT AUSGESCHAFFT. SOFORT!!

Das Opfer
Online-Foren sind naturgemäss Orte der Begegnung. Das macht sie für Opfer und Tröster gleichermassen attraktiv. Im Schutz der Anonymität ergreifen sie jede Gelegenheit, ihre persönliche Leidensgeschichte auszubreiten und jene anzuprangern, die sie für verantwortlich halten. Wo ein Opfer ist, findet sich bald auch ein Tröster, der wortreich seine digitale Betroffenheit und sein aseptisches Mitleid bekundet.

Das Zensuropfer
Nicht zu verwechseln mit dem Opfer (siehe oben) ist das Zensuropfer. Es ist für die Leser nicht sichtbar, weil seine Beiträge nicht freigeschaltet werden können. Das hält das Zensuropfer, das oft eine Mischung aus Trompeter und Fanatiker ist, freilich nicht davon ab, weitere Kommentare zu deponieren. Das klingt dann entweder aggressiv («SCHEISS TAGI-POLIT-BÜRO!») oder naiv («Warum werden meine Kommentare nicht freigeschaltet?»). Reumütige Zensuropfer, die sich für ihre Entgleisungen entschuldigen, sind uns nicht bekannt. Wenn der Redaktor Pech hat, verwandelt sich das Zensuropfer bisweilen in einen Stalker.

Der (Religions-)Fanatiker
Er schafft es, jede Diskussion auf das Thema Religion zu drehen. Und wir meinen wirklich: jede. Auch die Meldung zum Sieger der Vierschanzentournee oder das Interview mit einem Spitzenkoch. Der Fanatiker ist das Pendant zu jenen Typen, die früher mit wildem Blick und einer beschrifteten Holztafel («Jesus rettet euch!») durch die Strassen zogen.

Der Korrektor
Er erleidet ein ähnliches Schicksal wie das Zensuropfer – wird von der Redaktion aber unendlich mehr geschätzt. Denn der Korrektor weist auf formale Fehler im Text hin. Mal ist das ein fehlendes Komma, mal ein falsch geschriebener Name oder das falsche Fussballteam. Freigeschaltet werden solche Kommentare nicht, weil sie nach der Korrektur ja keinen Sinn mehr machen. Dem Korrektor sei an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön ausgesprochen.

Der Verschwörungstheoretiker
Hat es den Verschwörungstheoretiker eigentlich schon vor der Erfindung des Internets gegeben? Sicher ist, dass sich sein Aktionsradius durch die Möglichkeit des Online-Kommentars erheblich potenziert hat. Dass 9/11 und Maya-Kalender langsam abgelutscht sind, kümmert ihn wenig. Nun klopft er auch Lokalmeldungen auf FBI-Machenschaften oder die stalinistische Weltverschwörung ab: Big Brother is watching you! Apropos: Uns ist eine Frau bekannt, die überzeugt ist, dass Tagesanzeiger.ch/Newsnet immer wieder ihren Computer hackt, weil sie per Kommentarspalte die Wahrheit verkündet hat.

Der Besserwisser
Der Besserwisser ist der böse Zwillingsbruder des Moderators. Zwar ähnlich gescheit und redegewandt, wendet er sein Talent ins Zerstörerische. Kommentatoren, die nicht auf seinem Niveau sind, lässt er seine Verachtung spüren («Besuchen Sie zuerst einen Rechtschreibekurs»). Kontrahenten schreibt er direkt an («@keller: Erklären Sie mir das!»). Sein Lieblingsfeind aber ist der Artikelverfasser. Ihm versucht er mit ironischen Bemerkungen oder Studien den Schneid abzukaufen («Was der Autor übersehen hat, ist…», «Hätte man ein bisschen länger recherchiert, wüsste man, dass…»)

Der Epiker
Kommentare, die doppelt so lang sind wie der Artikel, auf den sie sich beziehen, sind keine Seltenheit. Verfasst hat sie der Epiker, ein Mitbürger, der meistens gut informiert ist und offenbar eine Menge Zeit hat. Sein Problem: Er kann sich schlecht auf ein Thema beschränken. So mäandrieren seine Beiträge zwischen Politik, Philosophie und Alltagsbeobachtungen und enden typischerweise mit einem offenen Schluss («Wer hat das Sagen auf dieser Welt ? Ich weiss es nicht.»)

So, jetzt sind Sie dran. Nehmen Sie an Online-Diskussionen teil? Warum nicht? Erkennen Sie sich in einem Typ wieder? Unten können Sie Ihres Amtes walten! (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.02.2011, 13:00 Uhr

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177 Kommentare

Hans Lips

10.02.2011, 13:29 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Schön und gut. Aber ich hoffe doch, dass der TA es schätzt, dass diese Kommentare einem Hauptziel des Verlegers oder Redaktors, die Leserbindung zur Zeitung zu verstärken, nahe kommen. In diesem Sinn erwarte ich also eher eine Ermunterung als eine Kritik. Schönen Tag.Von einem dessen Kommentare (weil zu bissig) oft nicht erscheinen. Antworten


Tobias Weber

10.02.2011, 14:02 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Zu ergänzen wäre die Aufzählung mit dem Schwarzseher und seinem beliebtesten Ausspruch "Helvetia quo vadis", mit dem er seinen Bedenken den nötigen Pathos zu verleihen versucht. Antworten



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