«SIND HIER ALLE BESCHEUERT?!?»

Der eine flucht, der andere analysiert. In Online-Foren liegen Diskussion und Denunziation nahe beieinander. Die zehn häufigsten Typen von Online-Kommentatoren.

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82 Prozent der Schweizer Männer nutzen das Web, bei den Frauen sind es 67 Prozent. Knapp jeder Zehnte ist online, um sich via Blogs oder Kommentarspalten zu aktuellen Themen zu äussern. Dieser Bürger-Input hat positives und negatives Potenzial. Im besten Fall entstehen neue Geschichten und Debatten – im schlechtesten eine Kakophonie von Bosheiten und Beleidigungen.

Nicht zuletzt stellen Online-Foren das Verhältnis zwischen Lesern und Journalisten auf die Probe. Ein Verhältnis, das für beide Seiten mal aufbauend, dann wieder von Verblüffung über die Anmassung der anderen Seite getrübt ist. Was auch an der Frage liegt, wo die Grenzen der freien Online-Meinungsäusserung liegen, respektive wie man diese kontrolliert und reguliert. Durch Angabe des richtigen Namens? Mit einer Gebühr? Wo endet Moderation, wo beginnt Zensur ? Ein ebenso schwieriger wie spannender Lernprozess für alle Beteiligten.

Sicher ist: Wir wollen Sie nicht als Kommentatoren missen. Gerade wegen der Vielfältigkeit der Beiträge, was Fachkenntnis, Stil und Emotionalität angeht. Deshalb, liebe Kommentatorinnen und Kommentatoren, haben wir uns erlaubt, Profile von Ihnen zu erstellen, die zehn häufigsten Arten der Forum-Fauna quasi:

Der Inkonsequente
Er findet den Artikel absolut uninteressant, nichtig und unter seinem Niveau. Er fragt sich, warum so etwas überhaupt geschrieben, gelesen und kommentiert wird. Seinen eigenen Gedankengang hält er für so wertvoll, dass er ihm in den Kommentarspalten selber Ausdruck verleihen muss. Das klingt so: «Eigentlich interessiert mich das Thema schon lange nicht mehr, aber trotzdem finde ich, dass…» Oder: «Ich habe es schon mehrmals geschrieben, wiederhole mich aber gerne…»

Der Moderator
Um ihn ist man als Artikel-Verfasser froh. Uneigennützig versucht er, eine Diskussion, die aus dem Ruder läuft, zu retten. Indem er ermahnt, lobt, ein Bonmot einstreut oder die Runde an das ursprüngliche Thema erinnert. Der Moderator ist so etwas wie der Klassenprimus, was bedeutet, dass er sich seine Position durch regelmässige Postings erarbeiten muss. Er wird denn auch von der Mehrheit akzeptiert und geschätzt.

Der Trompeter
Er und seine Artgenossen machen zwar bloss einen kleinen Prozentsatz der Teilnehmer aus – was sie durch Hyperaktivität und Lautstärke wettmachen. Weil es noch keine Audio-Kommentarfunktion gibt, erhebt er seine Stimme mittels Caps-Lock-Taste: SIND HIER ALLE BESCHEUERT?!? CALMY-REY GEHÖRT AUSGESCHAFFT. SOFORT!!

Das Opfer
Online-Foren sind Orte der Begegnung. Das macht sie für Opfer und Tröster gleichermassen attraktiv. Im Schutz der Anonymität ergreifen sie jede Gelegenheit, ihre persönliche Leidensgeschichte auszubreiten und jene anzuprangern, die sie für verantwortlich halten. Wo ein Opfer ist, findet sich bald auch ein Tröster, der wortreich seine digitale Betroffenheit und sein aseptisches Mitleid bekundet.

Das Zensuropfer
Nicht zu verwechseln mit dem Opfer (siehe oben) ist das Zensuropfer. Es ist für die Leser nicht sichtbar, weil seine Beiträge nicht freigeschaltet werden können. Das hält das Zensuropfer, das oft eine Mischung aus Trompeter und Fanatiker ist, nicht davon ab, weitere Kommentare zu deponieren. Das klingt entweder aggressiv («SCHEISS TAGI-POLIT-BÜRO!») oder selbstmitleidig («Meine Kommentare werden eh nicht freigeschaltet»). Reumütige Zensuropfer, die sich für ihre Entgleisungen entschuldigen, sind uns nicht bekannt. Wenn der Redaktor Pech hat, verwandelt sich das Zensuropfer bisweilen in einen Stalker oder Fanatiker.

Der (Religions-)Fanatiker
Er schafft es, jede Diskussion auf das Thema Religion zu drehen. Wirklich jede. Auch die Meldung zum Sieger der Vierschanzentournee oder das Interview mit einem Spitzenkoch. Der Fanatiker ist das virtuelle Pendant zu jenen Typen, die mit wildem Blick und einer beschrifteten Holztafel («Jesus rettet euch!») durch die Strassen ziehen.

Der Korrektor
Er erleidet ein ähnliches Schicksal wie das Zensuropfer – wird von der Redaktion aber unendlich mehr geschätzt. Denn der Korrektor weist auf formale Fehler im Text hin. Mal ist das ein fehlendes Komma, mal ein falsch geschriebener Name oder das falsche Fussballteam. Freigeschaltet werden solche Kommentare nicht, weil sie nach der Korrektur überflüssig werden. Dem Korrektor sei an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön ausgesprochen.

Der Verschwörungstheoretiker
Hat es den Verschwörungstheoretiker eigentlich schon vor der Erfindung des Internets gegeben? Sicher ist, dass sich sein Aktionsradius durch die Möglichkeit des Online-Kommentars potenziert hat. Dass 9/11 und Maya-Kalender langsam abgelutscht sind, kümmert ihn wenig. Nun klopft er auch Lokalmeldungen auf FBI-Machenschaften oder die stalinistische Weltverschwörung ab: Big Brother is watching you! Apropos: Uns ist eine Frau bekannt, die überzeugt ist, dass Tagesanzeiger.ch/Newsnet immer wieder ihren Computer hackt, weil sie per Kommentarspalte die Wahrheit verkündet hat.

Der Besserwisser
Der Besserwisser ist der böse Zwillingsbruder des Moderators. Zwar ähnlich gescheit und redegewandt, wendet er sein Talent ins Zerstörerische. Kommentatoren, die nicht auf seinem Niveau sind, lässt er seine Verachtung spüren («Besuchen Sie zuerst einen Rechtschreibekurs»). Kontrahenten schreibt er direkt an («@keller: Erklären Sie mir das!»). Sein Lieblingsfeind aber ist der Artikelverfasser. Ihm versucht er mit ironischen Bemerkungen oder Studien den Schneid abzukaufen («Was der Autor übersehen hat, ist…», «Hätte man ein bisschen länger recherchiert, wüsste man, dass…»)

Der Epiker
Kommentare, die doppelt so lang sind wie der Artikel, auf den sie sich beziehen, sind keine Seltenheit. Verfasst hat sie der Epiker, ein Mitbürger, der meistens gut informiert ist und offenbar eine Menge Zeit hat. Sein Problem: Er kann sich schlecht auf ein Thema beschränken. So mäandrieren seine Beiträge zwischen Politik, Philosophie und Alltagsbeobachtungen und enden typischerweise mit einem offenen Schluss: «Wer hat das Sagen auf dieser Welt ? Ich weiss es nicht.»

Jetzt sind Sie dran. Nehmen Sie an Online-Diskussionen teil? Warum nicht? Erkennen Sie sich in einem Typ wieder? Unten können Sie Ihres Amtes walten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 10.02.2011, 13:00 Uhr)

Stichworte

Mal Frust...

...mal Fassungslosigkeit...

...mal Freude: Online-Foren sind Hochemotionszonen.

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