«Schlecht wäre eine Schublade voller Schokoriegel»

Wer gestresst ist, will belohnt werden – dies besagt eine neue Studie der Uni Genf. Doktorandin Eva Pool zur Frage, warum wir nicht immer mögen, was wir wollen, und wie wir uns im Stressfall am besten verhalten.

Auch Zigaretten können bei Stress eine Belohnung sein.

Auch Zigaretten können bei Stress eine Belohnung sein. Bild: Keystone

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Sie haben eine Studie zum Thema Stress durchgeführt. Was haben Sie herausgefunden?
Das Hauptziel war, herauszufinden, wie sich Stress auf unsere Motivation auswirkt, und ob uns die Belohnung, die wir für unsere Bemühungen bekommen, hinterher stärker befriedigt. Das Ergebnis unserer Studie war, dass gestresste Leute mehr belohnt werden wollen, aber kein gesteigertes Vergnügen empfinden, wenn sie die erwartete Gegenleistung erhalten.

Ist das eine neue Erkenntnis?
Nicht ganz. An Tieren wurden diese Vorgänge bereits getestet, bisher allerdings nicht an Menschen. Wir kennen ja dieses Phänomen, dass wir uns um eine bestimmte Sache bemühen, aber diese gar nicht unbedingt mögen. Neu ist, dass der Mensch darin ähnlich ist wie das Tier: Stress kann in ihm eine Art Schalter umlegen, sodass er unbedingt etwas erreichen will, das er aber hinterher nicht stärker geniesst.

Was bedeutet das für den Alltag?
Interessant war zu sehen, dass die Teilnehmer, die wir unter Stress setzten, aus Erregung nicht häufiger auf den Handgriff drückten, um Schokoladenduft zu riechen. Sie taten es erst, wenn sie ein Bild sahen, das sie mit Schokolade assoziierten. Das heisst: Wir haben dieses Verlangen nach Belohnung nicht einfach so, es muss erst stimuliert werden. Ich esse mehr von einem bestimmten Nahrungsmittel, wenn ich dieses öfters sehe. Diese Erkenntnis ist zentral. Gerade für eine Welt, in der Fresssucht ein Problem ist.

Gibt es andere Beispiele, wie wir uns für Stress belohnen?
Es gibt einige Studien, die beweisen, dass Stress bei Süchtigen ihr Verlangen nach Drogen verstärkt. Belohnungen können neben Essen aber auch Zigaretten, Glücksspiele oder sexuelle Handlungen sein.

Wenn die Belohnung nicht unsere Motivation ist, warum wir uns unter Stress setzen, warum tun wir es dann?
Das ist eine interessante Frage, die wir aber im Rahmen unserer Studie nicht untersucht haben. Wir haben nicht genügend Hinweise, um sagen zu können: Die Probanden wussten nicht mehr, was sie taten. Sie mochten aber nicht immer, was sie wollten. Das Überraschende ist also, wie sich der Zusammenhang von Antrieb und Ziel auflöst.

Haben Sie Ratschläge, wie wir besser mit Stresssituationen umgehen können?
Wenn wir gestresst sind, funktionieren wir nach einfachen Mustern. Oft sind wir dann nicht mehr fähig, uns etwas vorzunehmen. Eine gute Strategie ist deshalb, sein Umfeld zu kontrollieren.

Wie meinen Sie das?
Schlecht wäre beispielsweise, wenn ich zu Hause eine Schublade voll mit Schokoladenriegel hätte. Wenn ich diese sehe, assoziiere ich sie mit einer Belohnung. Ein Gedankengang, den ich bei Stress normalerweise nicht habe. Hilfreich ist dann also, sich den Zugang zu Belohnungen zu erschweren.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 31.12.2014, 10:06 Uhr)

Die Studie

Eva Pool hat mit einem Team der Universität Genf eine Studie unter drei Dutzend Teilnehmern durchgeführt. Die Hälfte der Gruppe musste stressfördernde Aufgaben bewältigen, während die andere Hälfte entspannenden Tätigkeiten nachging. Dazwischen mussten alle Teilnehmer auf einen Handgriff drücken, worauf der Geruch von Schokolade ausgeströmt wurde. Die Studienleiter massen daraufhin, welche Bemühungen die Testpersonen unternahmen, um die Schokolade zu riechen, und befragten sie, wie sie den Duft empfanden.

Eva Pool studiert Psychologie an der Universität Genf, wo sie zurzeit ihren Doktorabschluss macht.

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