Die Entschuldigungs-Maschine

Der «Sündenbot» formuliert jeden Tag selbstständig Entschuldigungen für längst vergangene Katastrophen und Unglücke. Das passt in unsere Zeit.

Entschuldigt sich für alles. Wirklich alles: Der Avatar des Twitter-Accounts «Sündenbot».

Entschuldigt sich für alles. Wirklich alles: Der Avatar des Twitter-Accounts «Sündenbot».

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Am vergangenen Montag war es ein Erdbeben, und die Entschuldigung las sich knapp, aber überzeugend: «Was am 28. Oktober 1746 in Lima, Municipalidad Metropolitana de Lima (Peru) geschehen ist, bedaure ich ungemein. Das Erdbeben war ein schlimmer Zwischenfall. Ich wünschte, ich könnte es rückgängig machen.»

Wer nur entschuldigt sich für ein Erdbeben? Dazu noch eines, das bereits Generationen zurückliegt? Meinen Damen und Herren: der «Sündenbot», ein Projekt des deutschen Kommunikationsdesigners Gregor Weichbrodt. Ein Bot (aus dem englischen robot – Roboter) ist ein Computerprogramm, das automatisch sich stets wiederholende Aufgaben ausführt. Der «Sündenbot» also recherchiert eigenständig Katastrophen aus Wikipedia-Listen und -Tabellen. Aus diesen Informationen verfasst er dann eine Entschuldigung und postet diese auf dem Social-Media-Kanal Twitter.

Mit dem Projekt wolle er zeigen, dass Bots auch Spass machen könnten, so Weichbrodt gegenüber «Puls», dem jungen Programm des Bayerischen Rundfunks. Denn spätestens seit den letzten Präsidentschaftswahlen in den USA wird in der Öffentlichkeit vermehrt über Bots und deren angebliches Potenzial der Wählerbeeinflussung berichtet.

Seit Februar also entschuldigt sich der «Sündenbot» unermüdlich. Für den Peloponnesischen Krieg von 431 v. Chr. bis 404 v. Chr., für die Versenkung der britischen Fregatte HMS Egret 1943, für das Erdbeben in Guatemala 1976, für den Eisenbahnunfall von Luzern 1932. «Es tut mir sehr leid, was passiert ist», «Ich wünschte, ich könnte das ungeschehen machen», «Ich hoffe, Sie können mir das nachsehen.»

So viele Entschuldigungen berühren

Der Twitter-Kanal fasziniert aus mehreren Gründen: die Absurdität amüsiert. Weshalb müsste sich jemand für etwas Unkontrollierbares wie eine Naturkatastrophe entschuldigen? Oder für etwas Zufälliges wie Elefanten auf dem Bahngleis? Erstaunlicherweise berühren die Tweets aber auch. Die Bekundungen des Bedauerns mögen Versatzstücke aus dem Zufallsgenerator sein, die schiere Menge verleiht den Entschuldigungen des «Sündenbots» dennoch fast etwas Genuines. Wer sich durch die über hundert Tweets scrollt, erhält auf eine seltsame Art das Gefühl, dass da irgendjemandem – irgendetwas – alles, wirklich alles, leidtut.

Gregor Weichbrodt mag den «Sündenbot» als Spassprojekt erschaffen haben. Dennoch passt sein Bot ganz gut ins Heute: Ein katholischer Priester beschuldigt Homosexuelle, Schuld an Erdbeben zu sein; Populisten wie Donald Trump beschuldigen ungeniert Immigranten, Vorgänger und Konkurrenten für jedwelche Miseren. Der Sündenbock scheint gerade sehr en vogue zu sein. Oder aber: Populisten und der «Sündenbot» verdeutlichen einfach, wie gerne der Mensch seine Sündenböcke hat.

Sündenböcke suchen = Gefühl von Selbstkontrolle

Psychologen der Universität von Arizona haben sich ausführlich mit diesem Verhalten befasst. Demnach sucht sich der Mensch Sündenböcke aus zwei Gründen: erstens, um eigene Schuldgefühle loszuwerden. Für eine Studie verwickelten Forscher US-Bürger aus der Mittelschicht in ein Gespräch über Klassenunterschiede. Dabei zeigte sich, dass sich Mitglieder der Mittelschicht schuldig fühlen für die Ausnutzung der Unterschicht. Jedoch verschwand dieses schlechte Gewissen, sobald das Gespräch die Möglichkeit öffnete, Immigranten zu beschuldigen.

Der zweite Grund für das Suchen von Sündenböcken ist Kontrolle. Eine repräsentative Studie zeigte: Wer ein komplexes Problem einer einzelnen Person oder Gruppe anlasten kann, beseitigt so ein Gefühl des Kontrollverlustes. Psychologen sprachen mit Angestellten aus den ganzen USA über Jobsicherheit. Dies löste bei den Gesprächspartnern einen Zustand der Besorgnis aus. Gaben die Psychologen den Sorgenvollen nun die Möglichkeit, sich im selben Gespräch über Vorgesetzte und Mitarbeiter auszulassen, empfanden die Probanden bald ein Gefühl von Kontrolle und Bemächtigung.

Sucht sich der Mensch Sündenböcke, handelt er also selten rational. Umso erfrischender ist denn, dass sich der «Sündenbot» dieses irrationalen Handelns bewusst zu sein scheint. Selbst er nimmt nicht kommentarlos die Schuld für alles auf sich: «Ich entschuldige mich nicht für den Einsturz der West Gate Bridge am 15. Oktober 1970 in Australien. Die Ursache war ein Konstruktionsfehler. Dafür konnte ich nichts.» Gut so, «Sündenbot», wehr dich!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.03.2017, 12:35 Uhr

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