Kultur

Und wo, verdammt, ist der deutsche Hund?

Von Sibylle Berg. Aktualisiert am 05.02.2010 37 Kommentare

Die Autorin Sibylle Berg lebt als Deutsche in Zürich. Und fasst für uns den medialen Indianer-Krieg zwischen Deutschland und der Schweiz zusammen.

Sibylle Berg: «Der Schweizer merkt sich von der Debatte: Die Deutschen wollen mich töten.»

Sibylle Berg: «Der Schweizer merkt sich von der Debatte: Die Deutschen wollen mich töten.»

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zur Person

Sibylle Berg stammt aus Weimar, lebt seit vielen Jahren glücklich in Zürich und schreibt erfolgreich Bücher (u.a. «Die Fahrt», «Ende gut», «Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot») und Theaterstücke.

Peer Steinbrück, ein deutscher Politiker, vermeldete in mir unklarem Kontext, dass er bezüglich der Schweiz zur Peitsche greifen will, irgendeine Bemerkung von Indianern fiel auch noch. Von all dem hätte keiner erfahren, hätte es nicht Journalisten gegeben, die sich auf die Aussage stürzten, den armen Politiker ans Messer lieferten, böse Sache, denn jeder weiss doch, dass Politiker nicht mit überbordendem Verstand gesegnet wurden, sonst hätten sie ja Google erfunden. Für eine Mediendebatte, die, wie der Name bereits sagt, nur innerhalb der Medien stattfindet, benötigt es infolge einer skandalösen Aussage (Indianer, Peitsche) entweder einen aufgebrachten Feuilletonchef, mindestens von der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ), oder einen Schriftsteller. Schriftsteller geht immer. Grass, was ist mit Grass, lebt der noch?

Es ist Krieg zwischen der Schweiz und Deutschland, also am besten einen Kenner beider Länder. Einen Schweizer Schriftsteller, der in Deutschland wohnt. Mist, es gibt keine Schweizer Schriftsteller, die man kennt. Dürrenmatt. Der ist tot. Hürlimann. Der hat eine Brauerei. Nein, er hat ein Buch geschrieben. Welches? Völlig egal. Hürlimann, gute Sache. Schriftsteller fragen geht immer, die brauchen Geld. Ausser Cornelia Funke mit ihren «Tintenherzen». Schon mal irgendwo einen Kommentar von Frau Funke gelesen? Na also.

Hürlimann machts. Super.

Die Mitarbeiter der Zeitung sind zufrieden, sie haben eine Mediendebatte eröffnet, Aufschlag. Herr Hürlimann, der leider nicht die Brauerei besitzt, schreibt dann: «Manchmal wandere ich mit einem deutschen Freund durch die Wälder der Uckermark. Er kann jede Fährte lesen und erkennt die Vögel am Geflatter. Die Baumkathedralen weihen ihn in dunkle Geheimnisse ein, und tritt er aus der Dämmernis, spannt seine Seele über der Unendlichkeit der Ebene ihre Flügel aus. Sein Geist ist in den Oberwelten heimisch, und es macht die Grandiosität Ihres Vaterlandes aus, dieses Reich besiedelt zu haben.» (FAZ vom 25. 3., TA vom 26. 3.)

Holla die Waldfee, was hat das mit Steinbrück zu tun? Und wo, verdammt, ist der deutsche Hund? Das deutsche Wildbret? Egal. Die Zeitung schreibt einfach erklärend dazu, das es sich um einen Beitrag zum Deutsch-Schweizer Krieg handelt, dann können die mal interpretieren, die Leser. Die soll man ja nie unterschätzen.

Der Schweizer Leser interpretiert nicht, er ignoriert. Ein paar, die auch stets Leserbriefe schreiben, um die Müllabfuhr zu beschimpfen, melden sich zu Wort. Finden den Beitrag gut («Sehr schön geschrieben, aber die Ralität [ja, die Ralität] ist anders!» D. Wollheim) oder schlecht («Was sich einige UBS-Manager im Ausland geleistet haben, stört mich auch.» B. Meister), je nach dem.

Deutsche- und Schweizer Idioten

Keiner hat das Ding gelesen. Vermutlich sind sie alle beim Wort Uckermark ausser Haus gerufen worden. Aber der Schweizer Idiot, den es genauso gibt wie den deutschen Idioten, merkt sich: Die Deutschen wollen mich töten. Hat zur Folge, dass der Schweizer Idiot den Deutschen, der bei ihm ein Brot kaufen will, nicht bedient. Super Effekt.

Und natürlich muss jetzt einer antworten. Es antworten offiziell: Herr Hohler (TA vom 31. 3.), Herr Widmer (FAZ vom 31. 3.), Herr Krohn (TA vom 2. 4.), Herr Sloterdjik (TA vom 6.4.), Herr Bärfuss (TA online vom 7. 4.) und Herr von Matt (NZZ von gestern). Und Grass? Haben wir Grass nicht bekommen? Können wir nicht noch was mit Kindern reinbringen oder mit Frauenbeschimpfen, und dann schreibt Alice Schwarzer? Die Zürcher haben jetzt eine lesbische Bürgermeisterin, das ist doch irgendwie . . . viel zu spät? Das schreit nach Alice. Alice will nicht.

Und jetzt ist alles schon wieder vorbei. Schade. Ohne die Zeitungen hätte es keine Debatte gegeben, der Schweizer Bäcker wäre freundlich zu den Deutschen, die Deutschen würden den Bäcker umarmen. Alles wäre gut. So gibt es eben jetzt Krieg. Wegen der fucking Uckermark. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.02.2010, 08:50 Uhr

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37 Kommentare

Ralf Globales

08.04.2009, 23:56 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Wie lange wollen die Medien in der Schweiz - und nur hier - dieses Spiel eigentlich noch fortsetzen? Als Unternehmer, der regelmässiger in Deutschland arbeitet, ist mir das Ganze langsam peinlich. Zur Erinnerung an alle Lokalmatadoren: In Deutschland ist es überhaupt kein Thema. Dort werde ich immer noch mit derselben Freundlichkeit empfangen wie eh und je. Haben wir keine grösseren Probleme? Antworten


Gabriela Sarman

09.04.2009, 08:12 Uhr
Melden

@A. Kobel ..."armen Schweizer Besitzer"...was meinen Sie? Was besitzt was oder wen, die Schweizer sich selber oder den Schäferhund? Antworten



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