Verbrechen für die Ohren

Radio SRF will den Schweizer Radiokrimi wiederbeleben. Der erste Fall: ein Mord in der jüdischen Gemeinde. Nicht der ist jedoch der Grund zum Dranbleiben.

Neben vier langen Hörspiel-Produktionen werden die Hörer auch mit einer neuen Kurzkrimi-Serie rund um den ziemlich sonderbaren Inspector Crazy überrascht. Der tritt auch in einem interaktiven 360°-Video auf (dazu mit Maus übers Video fahren).


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Radiohörspiele und Podcasts erleben gerade ein Hoch, besonders diejenigen, in denen es um Verbrechen geht. Den Hype hat 2014 die grandiose True-Crime-Serie «Serial» ausgelöst, in der die US-Journalistin Sarah Koenig versucht hat, einen wahren Mordfall aufzuklären. Beim Zuhören fühlte es sich so an, als wäre man bei den Ermittlungen live dabei und dem Täter an den Fersen.

Bestenfalls fesseln einen die Kriminalfälle so sehr ans Radio, den Computer oder via Kopfhörer an das Smartphone, dass man es vor lauter Spannung gerade noch so schafft, gleichzeitig zu spazieren, Zug zu fahren oder Wäsche zusammenzulegen.

Vorerst keine True-Crime-Formate

Genau das ist es, was Radio SRF auch für seine Zuhörerinnen und Zuhörer will: Der Schweizer Radiokrimi soll wiederbelebt werden. Vier Hörspiele machen den Anfang, vier weitere sind für die kommenden zwölf Monate in der Pipeline. Wahre Verbrechen, von denen Millionen von Menschen weltweit gerade nicht genug bekommen können, sind jedoch keine dabei, man setzt mit den ersten Hörspielfällen auf den guten alten klassischen Krimi.

«True-Crime-Formate sind durchaus eine Option, es hat sich bloss jetzt im ersten Schritt zur Wiederbelebung des Schweizer Radiokrimis keine entsprechende Story angeboten», sagt der Hörspielregisseur Reto Ott auf Anfrage. Teil 1 des ersten Falls «Kains Opfer» wurde gestern Montag ausgestrahlt und ist noch bis zum 17. April zu hören. Es geht um einen Mordfall in der jüdischen Gemeinde in Zürich.

Ein Lehrer wird erschlagen aufgefunden, im Zentrum der Geschichte steht ein Rabbi, der aus Pflichtbewusstsein, aber mindestens so sehr aus Eitelkeit bei der Ermittlung mithilft. Bald kommt ein mögliches Motiv ans Licht, das in der orthodoxen Gemeinde offenbar fast genauso schlimm ist wie ein Mord: eine aussereheliche Affäre.

Prickelnd wie eine Predigt

Die erste Erkenntnis nach Teil 1 des Falls: «Kains Opfer» wird mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit keinen internationalen Hype auslösen wie die True-Crime-Serie «Serial». Dafür wirkt das Hörspiel etwas zu verstaubt, was auch an der altmödelisch anmutenden instrumentalen Untermalung liegt, an den vereinzelt zu theatralischen Sprechern und an der Erzählung. Diese hört sich stellenweise etwa so prickelnd an wie die Predigt eines Pfarrers – oder in diesem Fall eines Rabbis –, der schwabuliert und ausholt, weil ihm keine wirklich zündende Idee eingefallen ist.

Die Sexszene zwischen dem Rabbi und seiner Frau zum Beispiel geht so: Die beiden fallen nach dem Essen, ein paar Liedern und dem Tischgebet in stiller Übereinkunft «ungestüm übereinander her» und «alles, was sich in ihnen aufgestaut hatte, entlud sich in ihren Körpern, die gemeinsam zurücktaumelten in die Leidenschaft ihrer Jugend».

Spannender als der Mord

Auch der Mord am Lehrer vermag im 50-minütigen Teil 1 zu wenig zu fesseln. Dafür aber umso mehr der Einblick in die jüdische Gemeinde, von der man ja so gar keine Ahnung hat, obwohl die Mitglieder mitten unter uns leben. Das ist das eigentlich Spannende an «Kains Opfer». So erfährt man unter anderem, dass es in der jüdischen Gemeinde offenbar irritiert, wenn ein «Schwiegermuttertraum» von einem Mann alleine wohnt.

Dass eine Affäre auch dann als Affäre gilt, wenn man nicht «beieinander gelegen ist», und eine solche – sollte sie ans Licht kommen – selbst für die berufliche Zukunft der eigenen Kinder negative Konsequenzen haben kann. Dass Frauen daheim das Sagen haben mögen, ausserhalb der eigenen vier Wände aber alles andere als gleichberechtigt sind. Dass man als Gläubiger jede Menge Verpflichtungen pro Woche hat. Dass die Gemeinschaft stark gepflegt wird, fast wie in einer grossen Verwandtschaft oder in einem kleinen Dorf, in dem jeder jeden kennt und alles übereinander weiss.

Diese Einblicke in das jüdische Leben sind es, die einen vor dem Radio, dem Computer oder an den Kopfhörern des Smartphones halten. Und es schadet auch nicht, dass just kurz vor Ende von Teil 1 in der Wohnung des Lehrers neben den Fingerabdrücken des mutmasslichen gehörnten Täters auch noch diejenigen einer anderen Person gefunden worden sind. Teil 2 wird kommenden Montag um 14 Uhr bei Radio SRF 1 ausgestrahlt. Der komplette Radiokrimi wird bis 17. April auf der SRF-Website zu hören sein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.04.2017, 11:48 Uhr

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