Von der Mundart zur Schriftart

Dialekt wird zunehmend auch schriftlich verwendet. Wann darf man auf Mundart schreiben? Braucht es sogar ein schweizerdeutsches Alphabet?

Jugendliche mit iPad: Eine elektronische Nachricht auf Hochdeutsch ist eher der Ausnahmefall.

Jugendliche mit iPad: Eine elektronische Nachricht auf Hochdeutsch ist eher der Ausnahmefall. Bild: Meyer (Tendance Floue)

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«Xhetmer sich shpöter?» Für viele Schweizer ist es ein kleines, aber alltägliches Dilemma: wie auf ein SMS antworten, die man auf Schweizerdeutsch erhalten hat? Wer konsequent auf Hochdeutsch zurückschreibt, fühlt sich bald als Oberlehrer. Und wer sich an die schriftliche Mundart wagt, den plagen orthografische Unsicherheiten oder bildungsbürgerliche Dünkel: Wie geht das? Und darf man das überhaupt?

Bereits unsere Grosseltern schrieben sich hin und wieder Notizen auf Schweizerdeutsch. Werbung und Schriftsteller setzen Dialekt ebenfalls immer wieder schriftlich ein. Mit dem Aufstieg der elektronischen Medien aber erfuhr die schriftliche Mundart einen immensen Auftrieb. Die Leute schreiben wegen Facebook, Twitter und SMS grundsätzlich häufiger. Und sie tun es in einem informellen, dialogischen Kontext, in dem Mundart angebracht scheint. Ein Nationalfondsprojekt, das Deutschschweizer SMS untersucht, belegt: Mehr als die Hälfte der Nachrichten sind in Mundart verfasst. Alter und Bildung des Verfassers spielen nur eine geringe Rolle.

Ein Mittel zur Abgrenzung

Die Verschriftlichung der Mundart im Privaten ist emotional begründet; wir benützen Facebook und SMS für Angelegenheiten, die man vor zehn Jahren im direkten Gespräch oder per Telefon erledigt hat. Doch was bedeutet der Einzug der schriftlichen Mundart in den öffentlichen Raum – wie etwa die jüngst erschienene schweizerdeutsche Ausgabe des «Blicks am Abend» oder der auf Mundart verfasste Jahresbericht der Firma Swatch? Ist dies Ausdruck der «Misere der hochdeutschen Sprache in der Schweiz», wie der Germanist Peter von Matt in seinem neusten Buch, «Das Kalb vor der Gotthardpost», schreibt: die Ablehnung des Hochdeutschen als Muttersprache, weil es als unnatürlich und schikanierend empfunden wird?

Tatsächlich eignet sich die Verschriftlichung der Mundart prima als Mittel zur Abgrenzung oder Identitätsstiftung. So wollte Swatch mit dem Jahresbericht «die starke Identifikation zum Heimatland» herausstreichen. Und im Sinne der geistigen Landesverteidigung versuchte Sprachwissenschaftler Emil Bär bereits in der Zeit des Zweiten Weltkriegs eine schweizerdeutsche Volksschrift zu etablieren. Darin wollte er die verschiedenen Dialekte vereinen – scheiterte damit allerdings. Auf ihren Dialekt zu verzichten, war für die Schweizer offenbar das grössere Übel als die Schriftsprache, die auch von den Nazis verwendet wurde.

Die Anekdote zeigt: Mundart schreiben ist reizvoll, eine schriftliche Standardisierung jedoch schwierig. Nicht nur wegen der verschiedenen Dialekte, sondern auch weil die Attraktivität der schriftlichen Mundart gerade in der Absenz von Regeln liegt. Zwar gibt es schweizerdeutsche Wörterbücher, aber keine Orthografie. Für den Schweizer Linguistikprofessor Beat Siebenhaar von der Universität Leipzig ist das der wahre Grund für die Popularität der schriftlichen Mundart. «Würde man sie regulieren, wäre sie weniger beliebt.» Auch der Mundartschriftsteller Pedro Lenz («Dr Goali bin ig») schätzt die fehlenden Regeln; sie liessen ihm «viel Freiraum zum Experimentieren». Die Schreibweise passe er seiner eigenen Mundart an, weil er kein Wörterbuch des oberaargauischen Berndeutsch kenne.

Ein weiteres Problem der Mundartverschriftlichung ist das deutsche Alphabet. Dieses hat für gewisse schweizerdeutsche Laute, wie zum Beispiel das ch in «Chuchi» (Küche), keine Buchstaben. Damit setzte sich der Dialektforscher Eugen Dieth schon in den 30er-Jahren auseinander. Die sogenannte Dieth-Schrift stellt bis heute einen Leitfaden für die einheitliche Schreibweise der Dialekte dar – im Privatgebrauch konnte sie sich aber nicht durchsetzen.

Hier setzte jüngst Céline Odermatt, eine Studentin der Hochschule Luzern, in ihrer Abschlussarbeit an. «Ein SMS auf Hochdeutsch ist heute eher ein Ausnahmefall und würde bei vielen Jugendlichen Anlass zur Belustigung sein», sagt die 25-Jährige. Also hat sie sich mit der Visualisierung des Schweizerdeutschen auseinandergesetzt und neue Buchstaben erfunden: «Die Verschriftlichung der Mundart wird damit ökonomischer und ästhetischer.» Ob eine einheitliche Verschriftlichung notwendig ist, ist eine interessante Frage – die Siebenhaar wie Lenz übrigens verneinen. Relevanter aber ist ohnehin die Frage nach den Einsatzmöglichkeiten der schriftlichen Mundart. Für Peter von Matt taugt der Dialekt nur «spurenweise» als Schriftsprache: «Man stelle sich Zeitungen, Packungsbeilagen und Rezepte in Schweizerdeutsch vor. Das ist eine Science-Fiction-Fantasie, bei der man von kaltem Grausen erfasst wird.»

Steigende Tendenz

Wohin führt der Trend zur geschriebenen Mundart längerfristig? Ausser in Schulen und Ämtern muss sich niemand zwingend an hochdeutsche Schreibregeln halten. Privat darf man schreiben, wie man will, der Rechtschreibung liegt höchstens ein sozialer Konsens zugrunde – und dieser verschiebt sich Richtung geschriebene Mundart. Bereits in den 90er-Jahren hat eine Untersuchung von Maturaaufsätzen der letzten 50 Jahre eine steigende Tendenz zu mündlichen Ausdrücken belegt. «Mundart ist als Sprache vollkommen, auch wenn sie weniger Fälle und weniger Zeiten hat als das Lateinische oder Hochdeutsche», sagt Pedro Lenz: «Man kann in Mundart trotzdem alles sagen und schreiben, was es zu sagen und schreiben gibt.»

Von Lehrern hört man, dass elektronische Nachrichten von Schülern an sie immer öfter in Mundart verfasst seien. Auch dass Briefe an die Steuerbehörde dereinst in Schweizerdeutsch formuliert sind, will Beat Siebenhaar nicht ausschliessen. Theoretisch sei das denkbar, für eine solche Verschiebung des Sprachgebrauchs müsste sich die sprachpolitische Situation jedoch sehr klar ändern, was sich zurzeit nicht abzeichne.

Tatsächlich ist der weitere Einzug der Mundart in traditionell schriftliche Bereiche schwer vorstellbar. Dagegen sprechen neben der schwierigen Normierung auch einige unschlagbare Vorteile des Hochdeutschen – dank ihm sind wir Teil einer grösseren Kultur. Es ist ausserdem in einzelnen Bereichen differenzierter, womit es gerade in Wissenschaft und Literatur punktet. Welche Sprache in welcher Situation geschrieben wird, ist sowieso die falsche Frage. Eher müsste man abklären, welcher Formalitätsgrad in welcher Situation gilt. Darf man in einem E-Mail Mundart verwenden? Oder bloss in einem SMS? Welche Rolle spielt der Adressat? Es scheint im Moment eine faszinierende Art von Doppelschriftlichkeit zu entstehen, deren Varianten einander nicht konkurrieren. Oder wie es Pedro Lenz ausdrückt: «Mundart ist ja weder ein Problem noch eine Eigenleistung, sondern einfach eine Realität, mit der wir lustvoll umgehen können.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 19.06.2013, 08:44 Uhr)

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Buchstaben-Vorschläge Céline Odermatt, eine Studentin der Hochschule Luzern, hat sich mit der Visualisierung des Schweizerdeutschen auseinandergesetzt und neue Buchstaben kreiert.

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