Wanderwege und Schlüpfrigkeiten
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Die Ausstellung
«Schweizer Reize - Die Schweiz in Reiseführern», Schweizerische Nationalbibliothek Bern, bis 27. Juni 2010.
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Der Leser soll «in den Stand gesetzt werden, dieses merkwürdige Land zu bereisen», begründete 1793 der deutsche Arzt Johann Gottfried Ebel seine Absicht in einem der ersten Schweizer Reiseführer. 200 Jahre später war der Anspruch schon bedeutend höher: Rick Steves nahm sich 1994 nicht weniger vor, als für den Amerikaner zu schreiben, der «in 2 bis 22 Tagen alles sehen will». Das Tempo sei «schnell, aber nicht hektisch», behauptete er.
Die Ausstellung ist selber wie eine Schweizer Reise angelegt. Der Besucher wird durch eine Nord-Süd- und eine West-Ost-Achse geleitet. Entlang der beiden wie ein schräges Kreuz angelegten Gänge liegen in Vitrinen die verschiedensten Reiseführer, aufgeschlagen jeweils an dem Ort, der auf der Strecke liegt.
Bei der Ortschaft Kiental BE lesen wir beispielsweise, dass hier 1916 - als ornithologischer Verein getarnt - die Zweite Konferenz der Internationalen Sozialisten tagte, an der auch Lenin teilnahm. Die Gesichtspunkte, unter denen die jeweiligen Gemeinden in den Reiseführern beurteilt werden, variieren von Shopping und Schnäppchenjagd über Töff- oder Wohnmobil-Tauglichkeit bis zu Canyoning und Gleitschirmfliegen. Auf einem Plakat von 1943 werden Gäste mit «verbilligtem Touristenbenzin» für «schöne Autofahrten» in die Schweiz gelockt.
Gartenlokale und Sexführer
Wo gibts die schönsten Gartenlokale? Welche Schauplätze gingen in die Weltliteratur ein? Wo lernen Homosexuelle Gleichgesinnte kennen? Es gibt kaum ein Interesse, das nicht mit einem speziellen Reiseführer bedient wird. «Schweizer Reize» werden natürlich besonders wörtlich genommen im Sexführer. Er liegt auf der Seite aufgeschlagen, wo der Nutzer dringend aufgefordert wird, sich doch regelmässig die neueste Ausgabe zu besorgen, zumal das Angebot an Schlüpfrigkeiten ständig im Fluss sei. Kommerz - auch das ein Aspekt der Reiseführer.
Die Formen variieren weniger als die Inhalte, zumal ein Reiseführer vor allem handlich und robust zu sein hat. Eine Ausnahme bilden zwei Pop-Up-Reiseführer. Beim Aufklappen ihrer Seiten entfalten sich dreidimensionale Sehenswürdigkeiten, beispielsweise «Best of Zurich».
Wie die Hotellerie die Sterne verschlief
Zusätzlich gibt es ein Separee mit typischen Zeichen in Reiseführern, etwa für «Picknickplatz» oder «Aussichtspunkt». Auch die Geschichte der Sternchen wird dort beleuchtet: Sie tauchten schon im 19. Jahrhundert im Baedeker auf, wenn ein Gasthof oder eine Sehenswürdigkeit als empfehlenswert eingestuft wurde. Die Hotellerie nahm diese geschäftsfördernde Art der Qualifizierung erst in den 1970er-Jahren auf.
Dem Ausstellungsraum vorgelagert ist eine Plakatausstellung, angereichert mit Zitaten. «Man lasse sich nicht durch das mögliche und bisweilen gefahrlos scheinende Erklimmen eines Felsens verführen, sondern man denke zuvor an die Notwendigkeit des Herabsteigens», riet beispielsweise 1834 ein Herr Reichard. Stets den drohenden Abstieg zu bedenken, ist ein Motto, das sich durchaus auch in einem Handbuch für Banker gut machen würde. (rb/sda)
Erstellt: 10.03.2010, 20:38 Uhr





