Warum die Ehe auch heute noch eine gute Sache ist

Nun mögen Schleier und Torte in ihrem irrationalen Pathos peinlich wirken. Doch wenn man den ganzen Zuckerguss beiseitelässt, stösst man auf Elementares.

Ein amerikanischer GI und seine Braut heiraten nach dem Zweiten Weltkrieg in Zürich. Foto: Photopress-Archiv (Keystone)

Ein amerikanischer GI und seine Braut heiraten nach dem Zweiten Weltkrieg in Zürich. Foto: Photopress-Archiv (Keystone)

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Die Ehe hat zurzeit einen schweren Stand. Wer sich wohlwollend über sie äussert, gerät unter Generalverdacht. Man ist eine peinliche Traditionalistin, Verhinderin des gesellschaftlichen Wandels, gar SVP-Sympathisantin. Seit die radikalen Vorschläge zu einem neuen Familienrecht auf dem Tisch von Justizministerin Simonetta Sommaruga liegen, stehen bekennende Ehefrauen, wie ich es bin, unter Rechtfertigungsdruck. Man scheint sich weitgehend einig zu sein, dass die Ehe ein Auslaufmodell ist und zu einer symbolischen Verbindung abgewertet werden soll, die keine weiteren Rechte begründet als andere Formen des Zusammenlebens. Der Aufschrei jedenfalls blieb aus, zu reden gab einzig der Vorschlag, Polygamie zu legalisieren.

In einem modernen Staat, so die Meinung, wo es immer mehr Konkubinatspaare, Patchworkfamilien, gleichgeschlechtliche Paare und Alleinerziehende gebe, dürfe das Recht keine Familienform bevorteilen. In meinem jüngeren Bekanntenkreis scheint sich zu bestätigen, dass viele in der Ehe keine Freudenspenderin mehr sehen, sondern ein verstaubtes Korsett, das eingemottet gehört. Man heiratet, wenn Kinder da sind, wenn überhaupt. Die Ehe bloss noch als administrativer Vollzug, die vereinfacht, was sonst vertraglich kompliziert festgehalten werden müsste.

Kriseln tut sie ja schon lange, und störanfällig ist sie auch – seit 1980 hat sich die Zahl der Geschiedenen in der Schweiz verdreifacht, fast jede zweite Ehe geht auseinander, man kennt die Zahlen. Und doch: Paradoxerweise hat das bürgerliche Konstrukt immer noch Strahlkraft. Hochzeitsmessen platzen aus allen Nähten, und selbst emanzipierte Frauen sind nicht mehr wiederzuerkennen, erfüllt und durchglüht von der Vorstellung, endlich Braut zu sein. Die Hochzeit, das Fest – eine Verrücktheit, für das Heiratswillige im Schnitt 30'000 Franken ausgegeben.

Nun mögen Schleier und Torte in ihrem irrationalen Pathos peinlich wirken. Doch wenn man den ganzen Zuckerguss beiseitelässt, stösst man auf Elementares: das Bedürfnis nach Verlässlichkeit, nach Dauerhaftigkeit, die Sehnsucht nach dem Ritual. Für manche ist es das Fest auf Bali, für andere die Blitztrauung in Las Vegas. Menschen können ohne den Ritus nicht leben, in ihm steckt das Objektive, das einen im subjektiven Leben so wunderbar entlastet.

Politisch korrekt und rein rational gesehen ist nichts dagegen einzuwenden, sollte künftig die «Lebensgemeinschaft» massgebend sein, wenn es um Dinge wie Unterhalt, Altersvorsorge oder Adoptionsrecht geht. Aber es sind eben nicht rationale, sondern emotionale Faktoren, die die Ehe zu etwas Besonderem machen. Als mich mein Mann nach siebenjähriger Partnerschaft an einer Silvesterparty im ­Zürcher Volkshaus fragte, ob ich ihn heiraten wolle, war das zwar nicht so romantisch, wie sich das andere Frauen vielleicht vorstellen. Wir sassen auf einer Treppenstufe mit einem Bier in der Hand. Aber für mich war die Frage zutiefst rührend in ihrer ernsthaften Eindeutigkeit. Auf der kalten Treppe hatte ich plötzlich die Gewissheit, seine Auserwählte zu sein. Denn die Frage bedeutete ja: Du bist wichtiger als alle anderen Frauen und sämt­liche Verflossenen. Du bist die Einzige, mit dir will ich alt werden! Inzwischen sind wir fast 30 Jahre zusammen und ahnen, dass es nicht das Ende wäre, wenn man den anderen dereinst im Rollstuhl herumfahren müsste.

Eifersucht und Bier

Dabei wäre eine Heirat nicht nötig ge­wesen. Kinder wollten wir nie, unsere Freiheit als Paar und die Freude am Beruf waren stets wichtiger. Der Nestbau war nie ein Thema, die Flucht in die Frucht nie eine Option. Doch wenn man für sich selber beschliesst, mit dem anderen diesen langen und in seiner Konsequenz auch unüberschaubaren Weg zu gehen, gewinnt man eine grosse Ruhe. Zu zweit und mit diesem Versprechen wird es gehen, das Leben! Das so viele Chancen, aber auch Abwege und Sackgassen bereithält. In dem man am Morgen nicht weiss, was der Alltag wieder an Überraschungen auf Lager hat. Gewiss ist einzig, dass das Lebensgelände in unserer fieberhaften Welt immer unübersichtlicher wird. Die Ehe vermittelt da in aller Gelassenheit die gute Botschaft, dass es Kontinuität und Verlässlichkeit als Werte noch gibt.

Sie ist ein emotionales Geschenk mit Dauerwirkung, könnte man sagen. Wer das Ja ernst meint, stellt sich und den anderen nicht stets von Neuem infrage, rechnet Kosten und Nutzen nicht ständig gegeneinander auf. Und hat man mal Mist gebaut, ist das keine existenzielle Bedrohung, denn das Ja zum andern ist weit gesteckt, weiter als vielleicht in einem Konkubinat.

Auch bei uns gab es Hindernisse: den Hang zur Eifersucht, die Trägheit am Berg. Ich sass im Taxi gern vorn, er fand das stillos. Er trank vor dem Essen Bier, das fand ich dumm. Kleinigkeiten, aber an scheinbar Banalem scheitern Beziehungen. Man muss wachsam bleiben, Kompromisse machen, sich mit und für den anderen freuen können. Nur wenn beide das Glas immer wieder füllen, kann man aus ihm trinken und geniessen.

Natürlich ist die Ehe kein Garant für das ewige Glück, und man kann einwenden, dass es für ein gutes Leben die Ehe nicht braucht. Mag sein. Sie kann aber auch die innigste Form der Beziehung sein. Wohl auch, weil diese Lebensform in unserer Kultur so lange eine Idealvorstellung war. Insofern ein zutiefst bürgerlicher Akt. Doch nach den 68ern, wo wir uns alle so schlau fühlten, kam die Sehnsucht zurück – nach etwas, das währt und trägt und der Beziehung die Krone aufsetzt.

Mit der Abwertung der Ehe ginge etwas verloren. Zu Recht war sie so lange das Matterhorn der Beziehungen, das grosse gesellschaftliche Leitmodell, an dem sich andere Konstrukte orientierten und rieben. Wenn man jetzt daneben andere Gipfel aufbaut – nun denn. Fröhliches Bergsteigen!

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 23.05.2014, 07:33 Uhr)

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Symposium zum Familienrecht

Die Ehe ist unter Druck

Die Schweizer Justizministerin Simonetta Sommaruga arbeitet zurzeit an einem Bericht, der zeigen soll, wie das Familienrecht besser auf die Bedürfnisse von Konkubinatspaaren, Patchworkfamilien und Alleinerziehenden ausgerichtet werden kann. Dazu hat sie mehrere Gutachten eingeholt, von denen besonders jenes der Basler Rechtsprofessorin Ingeborg Schwenzer zu reden gibt. Schwenzer schlägt die «Lebensgemeinschaft» vor; das wäre eine Partnerschaft, die mehr als drei Jahre gedauert hat, in der ein gemeinsames Kind vorhanden ist oder in die zumindest ein Partner erhebliche Beiträge investiert hat. Homosexuelle dürften heiraten und auch das Verbot der Polygamie wird hinterfragt.

Hinter allen diesen Vorschlägen steht die Haltung, dass sich das Gesetz den gesellschaftlichen Realitäten anzupassen habe. Damit kommt die konventionelle Ehe massiv unter Druck, sie würde nicht nur ihre rechtliche Monopolstellung verlieren, sondern auch ihre ideelle Bedeutung einbüssen. Simonetta Sommaruga möchte die Vorschläge nun am 24. Juni an einer öffentlichen Fachtagung an der Universität Freiburg breit diskutieren. Das EJPD hat für die Referate erfahrene Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft eingeladen.(uh)

www.unifr.ch/formcont

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