Was Sigmund Freud und Sherlock Holmes verbindet

Der Psychoanalytiker sah sich als Detektiv, der Detektiv diagnostizierte wie ein Arzt: Sigmund Freud und Sherlock Holmes arbeiteten sehr ähnlich.

Wien im Jahr 1891, Berggasse 19, Praxis von Doktor Sigmund Freud. Der 35-jährige Nervenarzt hat Besuch aus London. Ein Doktor John Watson hat sich angemeldet. Und er hat einen Freund dabei, von dem Freud schon viel gehört hat. Was sein Behandlungszimmer über ihn verrate, will der Arzt vom Detektiv wissen. Sherlock Holmes zögert keine Sekunde. Dass er ein ungläubiger Jude sei, sagt er, überaus gebildet und sehr stolz. Und dass er als Arzt in Ungnade gefallen sei, weil er moderne Ansichten vertrete, die der Zunft missfielen. Das und noch viel mehr deduziert Holmes aus dem Praxiszimmer. Freud, nicht leicht zu überraschen, ist beeindruckt.

So treffen Freud und Holmes erstmals aufeinander, der künftige Psychoanalytiker und der bekannte Detektiv. «Ihnen entgeht nichts», versprechen die Filmplakate, die derzeit für das letzte sherlocksche Update mit Robert Downey Junior und Jude Law Werbung machen. Der Satz meint Holmes und Watson, trifft aber auf einen anderen Arzt weit eher zu: Sigmund Freud.

Asche, Träume und Symptome

Holmes und Freud lösen beide Fälle, beide beschäftigen sich mit den Abgründen der menschlichen Existenz. Beide sind schon Mitte dreissig zu Stoikern geworden, die nicht an das Gute im Menschen glauben können. Beide kümmern sich wenig darum, was andere von ihnen halten. Beide sind Individualisten auf der Suche nach Erklärungen, zwei Aufklärer, die das Dunkle fasziniert. Holmes richtet seine Lupe auf Zigarrenasche und Kleiderfasern, Freud wird sich von Traumresten, Assoziationen und Fehlleistungen leiten lassen. Holmes sucht Indizien, Freud findet Symptome. Holmes jagt Verbrecher, Freud lindert Neurosen. Holmes arbeitet deduktiv und schaut genau hin, Freud geht induktiv vor und hört genau zu. Beide wollen herausfinden, was passiert ist bei dem, der vor ihnen liegt; bei Freud ist es der Täter auf der Couch, bei Holmes das Opfer am Boden.

Holmes und Freud treten beide eher distanziert auf. Sie tendieren zum Asketischen, zugleich rauchen sie obsessiv, um sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Sie haben auch Kokain genommen, Freud aus Neugierde, Holmes aus Langeweile. Die Antriebsdroge bringt die beiden Workaholics auch zusammen, so jedenfalls hat es sich der amerikanische Drehbuchautor Nicholas Meyer in «The Seven Percent Solution» ausgedacht. Er datiert die Begegnung auf 1891, als Holmes als tot galt, ertrunken in den Reichenbachfällen im Kandertal. Das sei nur Tarnung gewesen, lässt Meyer Watson eingangs sagen. In Wahrheit sei Holmes vom Kokain süchtig geworden. Weshalb Watson und Holmes' Bruder Mycroft den delirierenden Detektiv zu Freud lockten, der ihn dann per Hypnose heilte.

Unausweichliche Begegnung

Die Begegnung von Freud und Holmes hat etwas Unausweichliches. Man kann die neugierige Amerikanerin also gut verstehen, die sich im Internet erkundigt, ob Freud und Holmes sich wirklich getroffen hätten. Behutsam wird ihr eröffnet, Sherlock Holmes habe bloss als Romanfigur existiert, eine Erfindung des schottischen Arztes Arthur Conan Doyle. Das Missverständnis erklärt, warum bis heute Briefe an Holmes und die Baker Street 221B in London geschickt werden, mit der Bitte um Aufklärung schwieriger Fälle. Die Adresse hat es nie gegeben, genauso wie ihre Bewohner, aber das macht nichts: Sie leben als Mythen fort. «Killed Holmes», notierte Doyle in seinem Tagebuch, nachdem er seinen Detektiv den Sturzbach hinabgeschickt hatte. Aufgebrachte Leser zwangen ihn zur Reanimation.

Auch Freud las Doyle mit grossem Interesse und verglich sich, etwa in Briefen an Jung und Wilhelm Fliess, gerne mit Sherlock Holmes. Beide ermittelten auch gegen die Verdrängungstendenzen einer repressiven Gesellschaft, Holmes im Machtzentrum des viktorianischen Weltreiches, Freud inmitten der bröckelnden k. u. k. Monarchie. Beide näherten sich ihren Fälle mit dem Anspruch wissenschaftlicher Präzision. Für Holmes galt, was Freud später als «gleichschwebende Aufmerksamkeit» des Analytikers formulieren sollte. Und Freud war mit Holmes sicher einverstanden, der einmal sagte: Wenn alle anderen Hypothesen falsch sind, muss die letzte verbleibende richtig sein, egal wie unwahrscheinlich sie klingen mag.

Holmes einem Mediziner nachempfunden

Beide seien Spurensucher gewesen, schreibt der italienische Historiker Carlo Ginzburg. Er vergleicht ihre Methoden mit dem Vorgehen des Kunsthistorikers Giovanni Morelli, der als Erster von den Details eines unsignierten Gemäldes auf ihren Autor geschlossen hatte. Freud las sowohl Doyle wie Morelli. Vor allem waren alle drei, wie der gute Doktor Watson, Ärzte gewesen: Freud, Morelli und Doyle. Die Spurenlese als Wahrheitssuche, schreibt Ginzburg, habe sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Indizienparadigma ausgebreitet. Aber nicht in der Kriminalistik, jedenfalls nicht zuerst: sondern in der Medizin.

Conan Doyle hat sich als Doktor Watson in die eigenen Romane eingebracht. Weniger bekannt ist, dass er auch Sherlock Holmes einem Mediziner nachempfand, seinem Universitätslehrer Joseph Bell. Der schottische Arzt war bekannt dafür, aus den Kleidern seiner Patienten zu schliessen, aus welcher Gegend sie kamen und zu welcher Klasse sie gehörten. Mithilfe abseits liegender Spuren entwickelte er auch seine überraschenden Diagnosen. Der Arzt als Detektiv kehrt als Dr. House in der gleichnamigen amerikanischen Serie wieder, ein brillanter Misanthrop, für den Patienten bloss Symptomträger sind; auch House ist von Holmes fasziniert.

Die dunkle Seite des Holmes

Freud sei Holmes eine entscheidende Erkenntnis voraus gewesen, könnte man sagen. Denn für ihn gehörte das Triebhafte und also Böse zum eigenen Selbst. Das Unheimliche, schreibt Freud im gleichnamigen Aufsatz 1919, sei «jene Art des Schreckhaften, welche auf das Altbekannte, Längstvertraute zurückgeht». Diese Erkenntnis mochte Doyle dem viktorianischen England noch nicht zumuten; bei ihm schienen Ich und Es, Detektiv und Verbrecher noch klar separiert.

Aber stimmt das wirklich? Holmes hätte einen exzellenten Verbrecher abgegeben, bemerkt Watson einmal, und Holmes widerspricht nicht. Und was sagt Holmes über seinen Erzfeind Professor James Moriarty, den er «den Napoleon des Verbrechens» nennt? Dass er «ein Genie» sei, «ein Philosoph, ein abstrakter Denker». Wie sehr diese Beschreibung einem Selbstporträt nahekommt: Sigmund Freud wäre der Erste gewesen, Sherlock Holmes auf diese elementare Tatsache hinzuweisen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2010, 06:14 Uhr

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