Was kommt nach dieser Treppe?

«Willkommen zum Selbsterfahrungstrip», sagt uns der brillante Gamedesigner Davey Wreden.

«Ist diese Person glücklich?»: Trailer zu «The Beginner's Guide». (Quelle: Youtube)


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Auch das Computerspiel, die jüngste Kunstform, kommt nun ins Zweifeln – dank Davey Wreden. Der Kalifornier ist ein ruheloser Geist und in verschiedener Hinsicht ein klassischer Nerd: Er trägt billige Shirts, unsorgfältige Gesichtsbehaarung und punkige Frisuren. Auf Youtube finden sich epische Videos, in denen Wreden zum Beispiel über das Ende des Films philosophiert. Er gehört zur Generation der Indie-Designer, die mehr will als Unterhaltung und damit seit den letzten fünf Jahren stetig an Beachtung gewinnt. Mit seinem neusten Werk, «The Beginner’s Guide», bestätigt der 26-Jährige nun seine Meisterschaft darin, die Konventionen des Computerspiels zu unterlaufen.

Das Spiel handelt von einem fiktiven Gamedesigner namens Coda, durch dessen Games sich der Nutzer spielt. «Was ist das für ein Mensch?», tönts aus dem Off. Die Spiele sind Fragmente: Mal geht es um textbasierte Dialoge im Adventure-Stil der frühen 90er, mal um mechanische Tricks – ein Level lässt sich nur rückwärtslaufend lösen. Im letzten Game verirrt sich der Spieler in einem interaktiven Nachbau von M. C. Eschers Vexierbild «Relativity». Beenden lässt sich keines der Coda-Spiele, die teils brillanten Ideen sind aber rasch erkennbar. Dazu Wredens ständige Fragen aus dem Off: «Ist ein Mensch, der solche Games entwickelt, glücklich?»

Ein konkretes Ziel hat Wredens digitaler Essay nicht. Je tiefer man in Codas Kunst- und Seelenwelt eindringt, desto komplexer wird das Bild. Und als sei das alles nicht irritierend genug, spricht Wreden selbst, als Erfinder des Erfinders, die Erzählerstimme. Er tut dies nicht als quasigöttlicher Überblicker und Ordner, sondern als frecher Quassler. Nach fünf Minuten fordert er den Spieler zum Austausch der Mailadressen auf.

Aneignung der Skepsis

«The Beginner’s Guide» konfrontiert Gamer und Gamedesigner. Eine Konfrontation zwischen denjenigen also, die die Codes schreiben, die Illusionen kreieren und die Regeln aufstellen, und denjenigen, die danach spielen. Die tiefe Skepsis, die sich der Nutzer des Wreden-Games bald zu eigen macht, soll über die eigentliche Spielzeit hinaus nachwirken.

Wreden steht in dieser Hinsicht in der Tradition eines Bert Brecht, der die Theaterzuschauer das Denken lehren wollte: Kann ich mich in einem Open-World-Game wie «Grand Theft Auto» tatsächlich frei bewegen? Oder begnüge ich mich mit der Illusion, ich hätte die Wahl? Wie ist die Mechanik des neusten Shooters präpariert, damit ich motiviert bleibe? Mit welchen ästhetischen Tricks werden Gefühle in mir hervorgerufen, während ein Blockbuster ins letzte Level übergeht und mir unterbewusst den Kauf der Fortsetzung schmackhaft macht?

Berühmt dank Stanley

Bekannt wurde Davey Wreden vor fünf Jahren, als er mit seinem damals 17-jährigen Kollegen William Pugh «Stanley Parable» veröffentlichte. In dieser waffenlosen Ego-Shooter-Adaption übernimmt der Gamer die Rolle des drögen Bürolisten Stanley, der von Arbeitskollegen zwischen Topfpflanze und Kaffeemaschine im Arbeitszimmer zurückgelassen wurde. Zwar gibt es auch in diesem Spiel einen Erzähler, der Stanley vorgibt, was zu tun ist – doch der Spieler muss seinen Anweisungen keineswegs folgen. Er kann sich frei bewegen und der vorgesehenen Narration widersetzen. Je nach Charakter des Spielers nimmt das Game neue Wendungen.

Besonders widerspenstige Spieler sterben schon nach wenigen Minuten. Dann erklärt eine hämische Stimme aus dem Off: «Oh, Spieler, du meintest, du könntest hier alles tun. Dachtest, du seist unglaublich mächtig.» Besonders folgsame Spieler stossen andererseits bald ans banale, reguläre Ende des Games. Sie bleiben mit dem berechtigten Gefühl zurück, dass das Spiel eigentlich noch viel mehr zu bieten hätte.

«Stanley Parable» machte Davey Wreden berühmt. Letztes Jahr wurde «Stanley Parable» in der TV-Serie «House of Cards» geadelt, als Kevin Spacey als US-Präsident Frank Underwood das Game im Oval Office testet. Underwood legte es eilig wieder weg: «Das erinnert mich zu sehr an mein eigenes Leben.» Als Indie-Hit brachte das Spiel zudem einiges Geld ein. Nachdem sein Konto plötzlich dick geworden war, erzählte Wreden dem «New Yorker», er werde nun einen Fischladen aufsuchen, den billigsten und teuersten Lachs des Ladens kaufen und die Fische dann beim Essen mit Freunden kosten. So wolle er den Unterschied zwischen teuer und billig respektive reich und arm schmecken lernen.

Unbehaglicher Erfolg

Vor «Stanley Parable» hatte Wreden an der University of California Gamedesign studiert und in einem Gameshop gearbeitet. Bis heute ist er mit seinem Erfolg nicht fertig geworden. Mit «The Beginner’s Guide», das nicht zuletzt ein Spiel über die Zweifel und Depressionen des Künstlers Coda ist, baute sich Wreden auch einen digitalen Panzer gegen die Herausforderungen und Zumutungen des plötzlichen Ruhms. Die Fans sollen sich besser an seinem digitalen Alter Ego abarbeiten statt an der realen Person. «Klar ist es schön, geliebt zu werden», erklärte Wreden dem Branchenmagazin «Rockpaper, Shotgun».

«Aber wenn dich plötzlich 100’000 Menschen lieben und loben, wirds wirklich schwierig, dich darauf zu konzentrieren, was du selber liebst.» Wenn er den Spass am Programmieren verliere, gab er mit brutaler Offenheit zu, ende er wohl irgendwann wie Grunge-Sänger Kurt Cobain – «mit einem Gewehrlauf im Mund». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 04.01.2016, 15:06 Uhr)

Berühmt für brillante Game-Idee und fantastische Ästhetik: Gamedesigner Davey Wreden, 26. (Youtube) (Bild: Youtube)

Vielleicht kommt gar nichts mehr nach dieser Treppe? Screenshot aus «The Beginner's Guide».

Video

«The Beginner's Guide», durchgespielt. (Youtube)

Video

Das Besenkammer-Ende von «Stanley Parable». (Youtube)

Games

«Stanley Parable», 2011, offiziell herunterladbar auf der Site Steampowered.com, 3 Franken.
«The Beginner’s Guide», 2015, Steampowered.com, 6 Franken.

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