Wenn Pornos feministisch werden
Von Bettina Weber. Aktualisiert am 18.11.2009 24 Kommentare
Szene aus «Barcelona Sex Project»: Wenn die Regisseurin Erika Lust heisst, kommen die Frauen immer auf ihre Kosten. (Bild: PD)
Cowgirls, verrucht: Die tragen Hüte, keine Plateau-High-Heels aus Plexiglas. (Bild: PD)
Als unlängst an einem Sonntag in Berlin mit viel Getöse die dreitägige Erotikmesse Venus zu Ende ging, fand zur gleichen Zeit am anderen Ende der Stadt eine kleine Preisverleihung statt. Da ging es auch um Erotik, um sehr handfeste noch dazu, nämlich um Pornos. Aber die hatten mit dem, was die 35'000 Besucher der Venus zu sehen bekommen hatten, wenig zu tun. Ausgezeichnet wurden zum ersten Mal in Europa feministische Pornofilme; der Pokal hatte, sehr charmant, die Form einer Auster. Organisiert wurde die Gegenveranstaltung zum Porno-Mainstream von Laura Méritt, Doktorin der Linguistik, Besitzerin eines Ladens für Sexspielzeug in Berlin und Begründerin des Labels PorYes, eines Gütesiegels für feministische Pornos.
Man muss nicht über ein ausgeprägt emanzipatorisches Gemüt verfügen, um beim Sehen von Pornos zum Schluss zu kommen: Da ist die Zeit stehen geblieben. Im Zentrum steht die Befriedigung des Mannes, sein Penis, seine Ejakulation. Dass Frauen in der Regel wenig mit Pornos anfangen können, hat damit zu tun: Ihre Lust kommt darin nicht vor, sie interessiert schlicht nicht. Dabei ist es keineswegs so, dass Frauen grundsätzlich keine Pornos mögen; man weiss mittlerweile, dass sie auf sexuell eindeutige Bilder genauso mit Erregung reagieren wie Männer. Trotzdem: Das Pornogeschäft ist ein Geschäft von Männern mit Frauen für Männer.
Um Sexpraktiken geht es nicht
Die schwedische Regisseurin Erika Lust war nicht für den PorYes nominiert, gewann aber letztes Jahr den Feminism Porn Award von Toronto. Die studierte Politikwissenschaftlerin sagte der «Welt»: «In gewöhnlichen Filmen dienen Frauen nur dazu, Männern Genuss zu bereiten, sie existieren weder als Menschen noch als Individuen.» Lusts Filme dagegen, feministische Pornos, die dem PorYes-Manifest von Laura Méritt entsprechen, fokussieren auf die weibliche Lust, zudem sind Frauen nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera tätig, und körperliche Stereotypen sind verboten, Vielfalt dafür umso wichtiger.
Der letzte Punkt gilt selbstverständlich auch für Männer, die in gewöhnlichen Pornos genauso Klischees unterliegen wie Frauen. Das heisst, dass der Penis bei Lust & Co. nicht immer ganz so gross sein muss. Und durchaus einmal hängen darf. Ihr gehe es, sagt Lust weiter, ohnehin nicht um Sexualpraktiken, sondern darum, «ästhetisch anspruchsvolle Filme zu machen, in denen Menschen Sex haben». Weil das Angebot immer noch vergleichsweise winzig ist in diesem Sektor, veröffentlichte Lust im September ein lesenswertes Buch mit dem Titel «X-Porno für Frauen», eine Art «Wegweiser durchs Pornodickicht für alle, die sich endlich gute Sexfilme wünschen».
Eine langatmige Geschichte braucht die weibliche Lust nicht
Auch wenn sich Regisseurinnen wie Erika Lust oder Candida Royalle, Maria Beatty und Petra Joy der Ästhetik verschrieben haben, hat der feministische Porno nichts mit Frauenpornos zu tun, in denen meist eine romantisch-verbrämte Geschichte erzählt wird, weil man davon ausgeht, dass Frauen eine Handlung wünschten. Eben nicht. Der Sinn eines Pornos ist es ja gerade, sexuelle Erregung hervorzurufen, da kann es zwar ein längeres Vorspiel geben, eine langatmige Geschichte aber braucht die weibliche Lust nicht.
Für Laura Méritt sind das oft bloss weitere Projektionen, die mit den tatsächlichen Bedürfnissen von Frauen nicht das Geringste zu tun haben. Bei einem feministischen Porno geht es deshalb genauso zur Sache, aber, und das fällt sofort auf, die Optik ist eine andere. Die Frauen sehen aus wie normale Frauen mit normalen Körpern, bisweilen sind sie auch umwerfend schön oder überall tätowiert und gepierct, dennoch gibt es da keine grotesken Silikonbrüste und nirgends Plateau-High-Heels aus Plexiglas, die auch in der unbequemsten Stellung anbehalten werden. Und die Nahaufnahmen beschränken sich auf ein erträgliches Mass, der Penis des Mannes steht eindeutig nicht im Zentrum. Sein Samenerguss auch nicht; in feministischen Pornos spielt die für herkömmliche Pornos zentrale Handlung keine Rolle, und erst recht wird den Frauen nicht ins Gesicht ejakuliert.
Gegen Sexismus
Feminismus und Porno, das geht für die Initiantinnen sehr wohl zusammen, Sexpositivismus heisst das nämlich und ist in den frühen Achtzigern als Antwort auf die Antiporno-Bewegung in den USA entstanden. Das Äquivalent im deutschsprachigen Raum war 1987 die PorNo-Kampagne der Zeitschrift «Emma» unter der Führung von Alice Schwarzer, welche die Meinung vertrat, Pornos seien frauenfeindlich, erniedrigend und würden Männer zu Vergewaltigungen anregen.
Laura Méritt ist zumindest in den ersten zwei Punkten mit Schwarzer einverstanden und nach wie vor überzeugt, dass die Kampagne ihre Berechtigung hatte. Genauso wie damals die PorNo-Aktivistinnen haben auch die PorYes-Macherinnen entschieden etwas gegen die Mainstream-Pornografie, gegen Sexismus, menschen- und frauenverachtende Darstellungen. Im Grunde geht es beiden ums Gleiche. Der Unterschied ist bloss, dass Laura Méritt den Spiess umdreht, die Sache eben positiv sieht, denn Sexpositivismus bedeutet schlicht: Sexuelle Freiheit von Frauen ist ein grundlegender Bestandteil der Gleichberechtigung. Weshalb also sollen sich nur Männer mit eindeutigen Filmen vergnügen können? Annie Sprinkle, ehemalige Pornodarstellerin und Wegbereiterin der feministischen Pornos in den USA, wo es Preisverleihungen wie die von PorYes bereits seit zehn Jahren gibt, formulierte es einst so: «Die Antwort auf schlechte Pornos ist nicht gar kein Porno, sondern guter Porno.»
Kein Sport, sondern Spass
Wie Recht Méritt hat, wenn sie durchaus selbstbewusst erklärt, sie wolle mit ihren Filmen die Sexualität verändern, zeigt ein kurzer Streifzug durch die Website Youporn.com. Eine der weltweit am meisten angeklickten Seiten des Netzes zeigt Videos von Paaren beim Sex, die sich dabei selbst gefilmt haben. Das Erstaunliche dabei ist, wie sehr dabei sowohl Frauen wie Männer die Verhaltensmuster aus Pornos übernehmen. In den meisten Filmen ist die Frau dem Mann willig bis unterwürfig zu Diensten, dazu stöhnt sie derart künstlich, dass es dem Ganzen eine unfreiwillig komische Note verleiht. Währenddessen rammelt der Mann, als ginge es um sein Leben, und ist offenbar nicht sehr vertraut mit der weiblichen Anatomie. Am Ende wird der Frau fast ausnahmslos ins Gesicht ejakuliert.
Da könnten feministische Pornos Abhilfe schaffen. Bei denen ist Sex nämlich kein Ausdauersport, sondern schlicht eine entspannte Angelegenheit, die Spass machen soll.
Erika Lust: X – Porno für Frauen. Heyne- Verlag 2009. 28.90 Franken. www.poryes.de (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.11.2009, 10:33 Uhr
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24 Kommentare
@ Walter: wieder stimme ich zu. Es ist Aufgabe der Frauen sich um eine eigenen Sexualität zu bemühen! Aber bitte Verständnis haben: Es erfordert viel Mut sich gegen die Klischées durchzusetzen! Ich bin 28 Jahre alt und weiss aus eigener Erfahrung, dass sehr viele Männer "Porno-indoktriniert" sind und sich sehr schwer damit tun, wenn man Wünsche anspricht, die nicht dem bekannten Muster entsprechen Antworten
@ Laura Maria Martini : "und in welchen Filmen auch mal die Zärtlichkeit rüberkommt". Nun, Frau Martini, kann Zärtlichkeit in Filmen denn wirklich "rüberkommen" ? Ich denke, das braucht dann schon eine echt gute Vorstellungskraft. Zärtlichkeit kann schon im realen Leben schwierig vorgetäuscht werden, geschweige denn am Bildschirm. Antworten
Danke den vielen Frauen, welche jetzt endlich mal Pornos FÜR Frauen machen, welche man ansehen kann. Es freut mich als Lesbe, wenn ich mit meiner Frau auch mal einen solchen Film ansehen kann, worin nicht immer die durchsichtigen Plateau-High-Heels und Strümpfe dazu getragen werden und in welchen Filmen auch mal die Zärtlichkeit rüberkommt. Antworten
Eine gut gemeinte Idee, aber gibt es tatsächlich so wahnsinnig viele Frauen, die auf solche Filme warten ? Beschränkt sich das weibliche Erleben im Schlafzimmer denn wirklich nur auf die Erregung ? Ich wage mal die These, dass Frauen sich wohl auch in 1000 Jahren nicht auf Sexfilme stürzen werden, egal wie sie gemacht sind. Und wenn, dann ist's wohl auch ein fragwürdiger Fortschritt. Antworten
Ich kann diesem post-feministischen Aktivsmus nicht viel abgewinnen. Diejenigen Damen meiner reichen Erfahrungswelt, welche auf Pornographie standen, fanden (gutgedrehten) sog. "Männer-Porno" erregend - "Frauen-Porno" nur langweilig. Es wird ewig geleckt und gestreichelt und nichts "passiert". Der Punkt ist simpel - Frauen, die Orgasmen und Spass haben, können "los lassen" - andere eben nicht. Antworten
Ich hätte mir etwas mehr Recherche von Tages Anzeiger gewünscht. YouPorn ist kein Portal wo Pärchen Clips hochladen, die sie selber gefilmt haben - viel mehr laden alle möglichen Leute alle möglichen Arten von Clips hoch, ohne sich um die Reche zu kümmern. Und Pornos von Frauen sind nicht gleichzeitig "Frauenpornos" - man(n) suche nach Renee Pornero als Beispiel. Antworten
Also schlecht sind Penis, Koitus und Sperma. Gut sind gepiercte Frauen mit Tatoos und Lesben-Sex. Als Mann kann ich mit dieser Definition von guten und schlechten Pornos rein gar nichts anfangen! Wie man glauben kann auf Youporn wären Amateure zu sehen versteh ich auch nicht, wo doch fast jeder Film mit einem Pornoanbieter verlinkt ist. Antworten
nur weil eine Frau körperlich mit Erregung reagiert, heisst das noch lange nicht, dass sie sich davon angesprochen fühlt. Heterofrauen wollen keine Pornos mit sich berührenden Frauen, sondern mit Männern. Wir stehen durchaus auf Hardcore, aber eben, nicht mit der Frau als williges Objekt.. Antworten
Hier wird von Porno als Ausdruck von Sexualität geschrieben, wobei zwischen männlicher und weiblicher unterschieden wird. Vorerst müsste die Frage geklärt werden, ob es sich dabei um physische oder psychische Vorgänge handelt. Ich habe den Verdacht, dass hier die Sexualität als rein körperliches Phänomen verstanden wird, und propagiere deshalb den Philo-Porno, damit auch die andern etwas haben. Antworten
Gut getroffen hat der/die SchreiberIn die reale Situation. Es stimmt wirklich, das die Porno-Industrie total verblödet ist, weil sie nur an Geld interessiert ist. Wie bei den Banken also? ( haha obwohl nicht lustig). Es ist denen egal, was sie produzieren (oder eben nicht) solange sie es nur irgend jemandem für ein paar Fränkli verkaufen können. Schnöde schnöde Welt geräubert wegen dem Geld. Antworten
Endlich kommt Bewegung ins Business! Artcore Porn- von Frauen gemacht, darauf darf Mann sich freuen! Warum weibliche Lust allerdings automatisch mit lesbischer Liebe gleichgesetzt wird, ist mir schleierhaft. Der Mahnfinger Richtung Männlichkeit ist mir nicht entgangen- und bestätigt leider die allerwüstesten Vorurteile, die man als Mann gegenüber Lesben seit dem Feminismus hat, auf's Neue... Antworten
Ich bin 20 Jahre alt und mir wurde von der Maennergesellschaft immer gesagt, dass die Frau dem Manne untertan ist in Sachen Sex. Der werde befriedigt, die Frau lasse sich befriedigen. Ich habe dies im Sexleben uebernommen und siehe, die meisten Frauen in meinem Alter lassen sich nur befriedigen. Keine Initiative,nur yexy Kleider, gut angezogen das ist nicht alles, Girls. Antworten
Eine weitere Folge der "Gender- Mainstreaming-Strategie" (Dabei wird (wie öde) davon ausgegangen, dass es biologisch keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen gebe. "...Ebenso bedeutet der sexuelle Liberalismus die Ausweitung der Kampfzone, ihre Ausdehnung auf alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen"(M. Houellebecq). Verkommene Sexwelt, wo ist die Liebe geblieben? Oh, wie hinterwäldlerisch Antworten
Pornografie und Feminismus ist fuer mich ein Widerspruch. "Traditionelle" Pornografie beutet Frauen aus. Sexuelle Gewalt gegenueber Frauen wird verharmlost. Ich finde es gut, wenn eine gleichberechtigte Sexualitaet thematisiert wird, aber bin nicht ueberzeugt, dass dies in der Form von Pornos geschehen soll. Antworten
@ D. Widmer: deswegen ist es enorm wichtig, dass auch junge Frauen die eigene Sexualität erkunden und nicht einfach der Meinung sind, der Junge wisse dann schon, was tun! Sonst bleiben die Wünsche nämlich ewigs unerwähnt und frau hat das Gefühl, Sex sei halt einfach so! Antworten
Ich stimme Walter zu: "gewöhnliche Filme" sind generell menschenfeindlich! Trotzdem erreichen die Männer jeweils ihren Höhepunkt, während die Frau unbefriedigt bleibt. Dass viele Jugendliche mit Pornos aufwachsen, ist für Frauen deshalb sehr bedauerlich. Wir treffen dann auf Männer, die nur wissen wie ihre eigene Sexualität funktioniert & irritiert sind, wenn von uns etwas Anderes gewünscht wird. Antworten
Der Tagesanzeiger gefällt mir immer besser: Endlich wird der neuen und sehrwohl existierenden jungen Generation von Feminist_Innen die Aufmerksam geschenkt! In Sachen Geschlechter/Frauengerechtigkeit gibt es noch viel zu tun, sexuelle/häusliche/ökonomische/dogmatische Gewalt sind aufgrund dessen noch an der Tagesordnung Antworten
«In gewöhnlichen Filmen dienen Frauen nur dazu, Männern Genuss zu bereiten, sie existieren weder als Menschen noch als Individuen.» Solche Sätze amüsieren mich immer wieder! Wer schon mal einen "gewöhnlichen Film" gesehen hat, weiss, dass von Männern darin nicht mal das Gesicht gezeigt wird. "Gewöhnliche Filme" sind mindestens so Männer- wie Frauenfeindlich. Antworten
Pornos für Frauen, wie viel hat das mit lesbischer Liebe zu tun? Müssten es nicht Pornos für Menschen sein? Sexualität und Macht stehen sehr nahe. Ob hetero oder homo - die Gestaltung der Sexualität hängt an den betreffenden Personen. Erstaunlich für mich ist, wie wichtig für vor allem für lesbische Frauen ein trautes, ja geradezu konservatives Zuhause eine zentrale Rolle spielt. Antworten






Beatrice Willen
Erstaunlich, dass sich gewisse männliche Kommentarschreiber scheinbar in ihrem Selbstverständnis angegriffen fühlen, wenn Frauen bei einer sexuellen Thematk im Zentrum stehen. Dies bestätigt nur die Zustände, die im Artikel kritisiert werden. Ob es die Pornos braucht oder nicht, ist doch in einer Konsumgesellschaft keine Frage. PornokonsumentInnen sollten sich freuen über was Neues. Antworten