«Wer die Ökonomie versteht, kann die Welt verändern»

Darf nur über Volkswirtschaft reden, wer sie studiert hat? Diese Forderung stellt der deutsche Wirtschaftsdozent Rüdiger Bachmann. Sein Schweizer Kollege Reiner Eichenberger sieht das anders.

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Herr Eichenberger, was halten Sie von der These Ihres Kollegen Rüdiger Bachmann, dass nur über Wirtschaft diskutieren dürfe, wer sich in den wissenschaftlichen Diskurs einklinkt?
Einerseits ist es natürlich tatsächlich so, dass die Volkswirtschaft eine komplexe, nur für eine kleine Minderheit verständliche Wissenschaftsdisziplin darstellt. Mit Bachmanns Homer-Vergleich bin ich allerdings nicht einverstanden. Ökonomie betrifft alle und ist für unser Leben relevant, im Gegensatz zu Homer. Deshalb ist klar, dass der Austausch über Ökonomie in einem offenen System stattfinden muss. Wenn nur die Expertenmeinung zählen würde, wäre das gefährlich und schrecklich.

Wie funktioniert der Austausch zwischen Gesellschaft und universitärer Forschung und Lehre?
In der Schweiz ist gerade die in den letzten Jahren enger gewordene Anbindung der Wissenschaft an die Medien sehr förderlich. Wenn ich als Wissenschaftler von einer Zeitung zu einem bestimmten volkswirtschaftlichen Phänomen befragt werde, werde ich automatisch am Boden gehalten, ich muss die Frage allgemein verständlich beantworten. Wenn ein Wissenschaftler nur noch in seinem hochspezialisierten Fachkreis verkehrt, ist die Gefahr des Abhebens viel grösser – das ist dann aber auch nicht wirklich schlimm, weil seine Lehre ja nicht nach aussen, an die Öffentlichkeit dringt. Zum Glück gibts heute aber einen sehr fruchtbaren Austausch zwischen Spitzenökonomie und Öffentlichkeit. Denken Sie nur an grosse amerikanische Ökonomen wie Stiglitz oder Krugman, die alle ihre Zeitungskolumnen haben und sich entsprechend auszudrücken wissen.

Gibt es noch andere Kanäle?
Gutachten sind eine weitere Möglichkeit, ökonomisches Wissen weiterzugeben. Und schliesslich auch, mit Abstrichen, die wissenschaftliche Forschung an sich, die zu kleinen Teilen von populären Fachzeitschriften wie dem «Economist» oder von internationalen Organisationen wie der Weltbank oder vom Internationalen Währungsfond (IWF) aufgegriffen wird. Mittelabstrakte Aufsätze können so durchaus den Weg in den gesellschaftlichen Diskurs finden.

Was könnte die Gesellschaft sonst noch tun, um die Zirkulation von volkswirtschaftlichem Wissen zu verbessern?
Es gibt in der Volkswirtschaft zentrale Elemente, die einfach jeder Teilhaber an unserer Gesellschaft kennen und verstehen muss. Wir Ökonomen haben zum Teil Schwierigkeiten zu verstehen, wie man ohne Kenntnis dieser Begriffe die heutige Welt betrachten kann.

Welche Begriffe meinen Sie?
Nun, ich nenne Ihnen mal einen besonders zentralen, fast banalen Begriff, das Dilemma des «öffentlichen Guts» als Hauptursache von Marktversagen. Nehmen wir das Umweltproblem: Es ist nicht die Folge irrationalen Verhaltens von Umweltfeinden. Wir alle wollen eine schöne Umwelt, aber für jeden Einzelnen ist es «rational», die Umwelt zu belasten, weil die Kosten durch die Allgemeinheit getragen werden – Umwelt ist eben ein öffentliches Gut. Zur Lösung des Umweltproblems braucht es deshalb nicht einen «Neuen Menschen», sondern kluge gesellschaftliche Regeln zur Kostenanrechnung. Ein weiterer, fundamentaler Begriff ist der Anreiz: Es geht nicht darum, charakterlich gute Personen in Machtpositionen zu hieven, sondern darum, die richtigen Anreize zu schaffen. Mit der Schaffung richtiger Anreize könnten fast alle wichtigen Probleme gelöst werden. Aber leider ist die Schaffung solcher Anreize selbst ein öffentliches Gut und entsteht folglich nicht einfach so. Also: Wer Begriffe wie «öffentliches Gut» oder «Anreiz» wirklich verstanden hat, sieht die Welt mit ganz anderen Augen.

Dem widerspricht Ihr Kollege Bachmann. In seinem Essay erklärt er: «Wer VWL studiert, so wie manche Philosophie studieren, nämlich um die Welt irgendwie allgemein besser verstehen zu können, der wird enttäuscht werden.»
Das halte ich für komplett falsch – wer die Grundkräfte der Ökonomie erkennt und ihre Phänomene versteht, der versteht die Welt besser. Und wer das tut, der kann dann auch noch etwas Weiteres tun, nämlich die Welt verändern.

Interessant ist Bachmanns Ansicht der VWL als eine Disziplin, die ihrer Sache grundsätzlich sicher ist: «In ihr gibt es weitestgehend keine methodischen Grabenkämpfe mehr.»
Andere Disziplinen wie die Soziologie oder die Psychologie sind da tatsächlich viel heterogener. In der Ökonomie gibt es dagegen seit längerem den grossen Bogen, der alles überspannt: Die Vorstellung vom eigennützigen Menschen.

Die Krise hat die VWL nicht fundamental verändert?
Nein. Selbst die «Pay for Performance»-Theorie, die Bonusgläubigkeit, die meiner Diszplin heute so häufig vorgeworfen wird, war nicht komplett falsch. Sie wurde einfach nicht zu Ende gedacht: Dass Menschen, die exzessiv auf Boni hinarbeiten können oder müssen, alle anderen Fragen vernachlässigen und eventuell ihre Performance fälschen, um an die Boni zu kommen.

Dennoch: Man wird den Eindruck nicht los, dass die VWL die Krise weder vorhergesehen noch schlüssige, allgemein verständliche Erklärungen für ihr Zustandekommen geliefert hat.
Der Vorwurf, dass wir Ökonomen die Krisen nicht vorhergesehen hätten, sie nicht erklären könnten, trifft auf die Finanzkrise zu. Was jetzt passiert, ist hingegen genau das, was die Ökonomie seit langem voraussagt: Staatsversagen, Regierungen, die jedes irgendwie brauchbare Argument darauf verwenden, um sinnlose Ausgaben zu tätigen und ihr Budget aufzublähen et cetera.

Aber der Lehman-Brothers-Kollaps und dessen Ursachen und Folgen sind weiterhin eine Blackbox?
Nur bedingt. Man merkt jetzt langsam, dass man die Instrumente zur Antizipation eigentlich gehabt hätte. Ich denke da etwa an die Theorie der Asymmetrischen Information von Akerlof, die in den 70er-Jahren entwickelt, sogar mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, aber einfach nicht angewendet worden ist. Und so wurden die meisten Ökonomen vom Zusammenbruch des Interbanken-Markts, der praktisch über Nacht erfolgte, tatsächlich kläglich überrascht.

Es gibt ja immer wieder Versuche seitens anderer Disziplinen wie etwa der Psychologie, diese Deutungsschwäche der VWL zur eigenen Profilierung zu nutzen.
Das sind keine wirklichen Alternativen. Trotz unbestrittener Verfehlungen ist die Volkswirtschaftslehre immer noch die beste Ratgeberin. Rufen Sie jetzt etwa einen Psychologen an, wenn es um die Krise geht? Ein Psychologe kann ihnen im Nachhinein erklären, wie kompliziert die Sache gewesen ist, im Vornherein kann er ihnen nichts sagen. Oder die aktuelle Staatsschuldenkrise – eigentlich eine eminent politische Angelegenheit. Aber wird ein Politikwissenschaftler zu dieser Sache befragt? Die haben erstaunlich wenig zu sagen; die Staatsschuldenfrage wird von Ökonomen dominiert. Im Vergleich mit anderen Wissenschaften ist die Volkswirtschaftslehre diesbezügliche noch immer weit überlegen, trotz Krise. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 10.01.2012, 14:05 Uhr)

Bachmanns Essay

In seinem «Spiegel»-Essay «Lernt unsere Sprache, bevor ihr mitredet» greift Rüdiger Bachmann, Dozent für Makroökonomie an der RWTH Aachen, die Fundamentalkritiker der gegenwärtigen Volkswirtschaftslehre harsch an, zumal jene aus dem Umfeld der Occupy-Bewegung. Bevor Kritik geübt werde, solle man sich erst das wissenschaftliche Rüstzeug erarbeiten, fordert Bachmann. Denn die Volkswirtschaftslehre sei wie eine Sprache: «Man muss erst einmal die Vokabeln lernen, um diese Sprache zu verstehen. So wie man auch erst mal Griechisch lernen muss, wenn man den Homer im Original lesen will.» Nur wer dies getan habe, könne relevanten Einfluss nehmen auf die Disziplin. Kompetente Kritiker allerdings seien willkommen. Es sei «ein Mythos, dass ein monolithischer Mainstream fruchtbare Alternativtheorien unterdrücken würde».

Hier geht es zum Essay.

Rainer Eichenberger (*1961) ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Fribourg. Er gehört zu den profiliertesten und bekanntesten Volkswirtschaftlern der Schweiz. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen Finanzwirtschaft und Deregulierung.

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