Wie eine Kolumne ein ganzes Land erzürnt

Eine britische Journalistin lästerte über den verstorbenen Sänger Stephen Gately. Nun bläst ihr der stinkende Cyber-Atem einer entfesselten Web-Community ins Gesicht.

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«33-jährige Männer sterben nicht einfach weg»: Jan Moir über Stephen Gately.

«33-jährige Männer sterben nicht einfach weg»: Jan Moir über Stephen Gately.

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Die Britin Jan Moir hat erreicht, wovon jeder Kolumnist träumt: Einer ihrer Texte in der «Daily Mail» polarisiert derart heftig, dass das ganze Land darüber spricht. Wobei polarisieren wohl das falsche Wort ist. Vielmehr schlägt ihr für ihre Kolumne über Stephen Gatelys Tod kompakter Hass entgegen. 20'000 Beschwerden sind inzwischen beim Presserat eingegangen. Firmen zogen Werbung, die online neben Moirs Text stand, zurück. Morddrohungen sind gefallen.

«Weshalb Stephen Gatelys Tod kein natürlicher war», titelte die bekannte Journalistin vergangene Woche und stellte in ihrem Text eine Verbindung zwischen Gatelys Todesfall und seiner Homosexualität her: «Etwas ist faul mit der Berichterstattung, die uns weismachen will, dass Gatelys Tod ein tragisches Unglück war … gesunde, 33-jährige Männer sterben nicht einfach so auf dem Sofa weg.»

Stephen Frys Protest

Moirs Kommentar steht im Widerspruch zur offiziellen Todesursache. Einem Autopsiebericht zufolge erlag der Sänger einem Lungenödem, also eine Krankheit, bei dem sich Wasser in der Lunge angesammelt hat. Laut Gerichtsunterlagen hat die Autopsie keine Anzeichen für Gewalteinwirkung ergeben.

In einer kaum verhohlenen Mischung aus Moralismus und Homophobie wischte Moir diese Tatsachen jedoch vom Tisch: «Gatelys Tod ist ein weiterer Schlag für den verlogenen Mythos von glücklichen Lebenspartnerschaften … unter der glitzernden Fassade des Hedonismus ist nun der Schlamm eines anderen, gefährlichen Lebensstils hervorgeronnen.»

Die Reaktionen liessen nicht lange auf sich warten. Starkolumnist Charlie Brooker vom «Guardian» schrieb, dass er nach der Lektüre «gekämpft habe, das ganze Ausmass der hassenswerten Idiotie von Moir zu absorbieren». Prominente Schwule wie etwa Autor Stephen Fry riefen dazu auf, Beschwerden beim Presserat zu deponieren.

Nestlés Reaktion

Die Entgleisung Moirs lässt sich nicht wegdiskutieren. Der Fall wirft aber auch ein grelles Licht auf Empörung im digitalen Zeitalter. Moirs Text hätte noch vor wenigen Jahren neben dem Unmut von Schwulenorganisationen höchstens ein paar wütende Leserbriefe generiert. Heute verwandelten sich die wenigen Zeilen innert Stunden in Futter für öffentliche Web-Entrüstung. Zumal die Mehrheit der User bloss einzelne Passagen von Moirs Kolumne zu lesen bekam. Passend dazu erfolgte Frys Aufruf auf Twitter, wo er 750'000 Followers zählt. Und dass Nestlé und Marks & Spencer ihre Werbung zurückzogen, war wohl eine Reaktion auf eine Facebook-Gruppe, die diesen Schritt forderte.

Tatsächlich sieht sich Jan Moir als Opfer einer «orchestrierten Internetkampagne». Im Übrigen fühlt sie sich falsch verstanden. Sie habe Gatelys Drogenproblem anprangern wollen, nicht seine Homosexualität, liess sie online verlauten. Was natürlich prompt eine neue Twitter-Lawine auslöste. (Tagesanzeiger.ch/Newsnetz)

Erstellt: 20.10.2009, 15:34 Uhr

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