Wie schlecht übersetztes Airport-Englisch

Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 05.01.2011 21 Kommentare

Topmanager sind in ihren Firmen die Nummer 1. Und trotzdem reden sie alle gleich. Eine Sprachkritik.

Was qualifiziert einen Konzernchef zum Konzernchef? Sein Stammeln? Das Verkrampfte? Die totale Absenz von Humor? Von Herzlichkeit? Von Mut?

Das sind die deprimierenden Fragen, die ausgerechnet die eher wirtschaftsnahe «SonntagsZeitung» aufwarf. Sie tat es mit einer perfiden Methode: dem nackten Zitat. Indem sie 30 Schweizer Topmanager nach ihren «Wünschen und Vorsätzen» fürs nächste Jahr befragte.

Die Sammlung dieser Vorsätze ist verblüffend. Fast ohne Ausnahme antworteten 28 der 30 Topmanager ebenso gleich wie unerinnerbar. Peter Rothwell, CEO von Kuoni, will «2011 weiter investieren und noch intensiver arbeiten», Yves Serra, CEO Georg Fischer, «Innovation auf hohem Niveau weiterführen», Jürg Bucher, CEO Post, «einen grossen Beitrag zur weiteren qualitativen Stärkung» leisten.

«Mehr denn je!»

Kurz: Die meisten Manager setzten sich das Ziel, 2011 dasselbe wie 2010 zu machen – aber eben «noch», «weiter», und «mehr» intensiver, dynamischer, erfolgreicher: am poetischsten Bruno Chiomento, CEO Ernst & Young, der für 2011 plant, «unternehmerischen Geist mehr denn je zu fördern, leben und multiplizieren».

Dieses Ziel ist umso ehrgeiziger, als schwere Herausforderungen warten: etwa die «Herausforderung, Energie effizient zu nutzen» (Jasmin Staiblin, CEO ABB Schweiz), «die Herausforderung, die der liberalisierte Strommarkt 2011 bringt» (Heinz Karrer, CEO Axpo), «die Herausforderung, weiter ein gutes Angebot zu bieten» (Andreas Meyer, CEO SBB), oder die «Herausforderungen wie Aktienrecht oder Bildung so zu bewältigen, dass unser Wirtschaftsstandort gestärkt wird» (Riet Cadonau, CEO Ascom).

Die einzigen Ausnahmen in dem Herausforderungs-Innovations-Brei hiessen Giovanni Leonardi, CEO Alpiq, der als Ziel den leise paranoiden Satz «Jede Woche eine gute Tat – aber freiwillig» nannte. (Wer zwingt ihn sonst: Gott, die Polizei, seine Frau?) Und der Swiss-CEO Harry Hohmeister, der schrieb: «Ich habe mir keine Vorsätze vorgenommen. Ich würde mich sowieso nicht daran halten.»

Bis auf diese beiden wirkten die Topmanager wie ein einziger Klon mit 26 männlichen und 2 weiblichen Köpfen. Sogar die einzigen zwei privaten Wünsche glichen sich gespenstisch: Urs Schüpbach, CEO Manpower, hoffte: «Persönlich strebe ich eine bessere Work-Life-Balance mit mehr Zeit für sportliche Aktivitäten an.» Während Lukas Braunschweiler, CEO beim Rüstungsbetrieb Ruag, schrieb: «Privat hoffe ich auf gute Gesundheit und versuche meine Work-Life-Balance zu finden.»

Was soll der Unfug?

Sicher: Ein paar Zeilen zum neuen Jahr gehören nicht zur Kernkompetenz eines Chefs. Aber sie sind eine Gelegenheit: etwas Mut, etwas Witz, etwas Begeisterung für sich und seine Firma zu verbreiten – in der Öffentlichkeit und im eigenen Unternehmen.

Aber wie in aller Welt sollen vernünftige Leute durch Sätze wie «Im Fokus stehen motivierte, gut ausgebildete Mitarbeiter» (Mario Federico, Managing Director McDonald’s) begeistert werden? Oder durch den Vorsatz, «beste Rahmenbedingungen bieten, um mit Hingabe unser Qualitätsbekenntnis ‹Passion for Quality› leben zu können» (Philippe Echenard, CEO SV Group)?

Warum zum Teufel reden (und schreiben) die Schweizer Chefs dann Deutsch, das klingt wie schlecht übersetztes Airport-Englisch?

Der erste vernünftige Grund ist: Tempo. Managersprache, genormt, international, funktioniert quasi reibungs- und fehlerlos im eigenen Milieu: Man hat wenig Zeit (Work-Life-Balance!), aber einen gemeinsamen Sound, der unter Mitmanagern in kürzester Zeit Vertrauen weckt.

Der zweite vernünftige Grund ist: Abschreckung. Der Managerslang ist unnahbar und unbehaftbar: auf Untergebene durch Einschüchterung, auf Neugierige durch Langeweile.

Ein Schuss Konformismus

Der dritte vernünftige Grund ist: Angst. Ganz offensichtlich benötigt eine Topkarriere neben Aggressivität auch einen grossen Schuss Konformismus. Ein eigener Kopf, auch nur Spuren einer eigenen Sprache bleiben nicht übrig: Anscheinend zählen das Vermeiden von Fehlern, die Protektion von oben und der Schutz der Herde so viel, dass am Ende selbst die Leute an der Spitze, die frei wären, ihre Freiheit verloren haben.

Wären sie nicht so mächtig, müsste man Mitleid haben. Denn es scheint, dass die, die das Sagen haben, nichts mehr zu sagen haben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.01.2011, 08:18 Uhr

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21 Kommentare

Bernhard Kobel

05.01.2011, 08:58 Uhr
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Dieses Geschwafel von Work-Life-Balance kann ich nicht mehr hören: Arbeit ist ein Teil des Lebens und nicht ein Gegengewicht! Was alle meinen aber nicht sagen ist wohl das Gleichgewicht zwischen fremd- und selbstbestimmter Zeit. Aber Work-Life-Balace tönt besser, es ist Englisch, und alle glauben, dass man dann schon weiss was gemeint ist. Antworten


Bruno Bänninger

05.01.2011, 11:19 Uhr
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Manager+Poltiker können Reden aber nichts sagen. Die MBA-Sprache ist vulgärstes Manager-English. In eingeübten Phrasen wird geschwatzt. Jede Interpretation ist möglich. So wird verhindert, mit Aussagen je behaftet zu werden, man hat es anders gemeint und hatte recht!. Wirr - aber leider wahr! Da bleibt nur zu hören was gesagt wird und wichtiger was nicht gesagt wird und dann sehen was getan wird. Antworten



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