Kultur

«Wir sind nicht so emanzipiert, wie wir glauben»

Interview: Michèle Binswanger. Aktualisiert am 09.02.2012 30 Kommentare

Essstörungen nehmen zu – und es sind vor allem Frauen davon betroffen. Die Soziologin Nicola Lausus sagt, warum das so ist und inwiefern das auch mit den Folgen der Emanzipation zu tun hat.

1/7 Dieses Bild gab zu Spekulationen Anlass, wenig später musste Schauspielerin Demi Moore wegen eines Zusammenbruchs in die Klinik eingeliefert werden. Dort lässt sie sich wegen Magersucht behandeln.

   

Nicola Isabelle Lausus promovierte an der Universität Bonn im Fach Soziologie. Ihre Dissertationsschrift ist unter dem Titel «Codierte Weiblichkeit – Die Magersucht als Identitäts- und Emanzipationskonflikt der Frau» ist 2007 Lit-Verlag erschienen. Nicola Lausus (38) ist verheiratet und lebt mit Mann und Baby in der Nähe von Köln.

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In ihrem Buch «Codierte Weiblichkeit» vertreten Sie die These, dass Essstörungen auch Ausdruck einer fehlgeleiteten weiblichen Emanzipation sind. Wie muss man das verstehen?
Grundsätzlich: Eine Magersucht ist eine psychosomatische Erkrankung. Sie entsteht nicht, weil zu dünne Models über einen Laufsteg spazieren, sondern es stecken immer individuelle Probleme aus der Kindheit dahinter. Die Wahl des Symptoms ist jedoch soziokulturell begründet: nämlich im Leistungsdenken und dem Schönheitsideal der Gesellschaft. In unserer Kultur gilt Schönheit als eine Form der Leistung, die darin besteht, seinen Körper zu kontrollieren.

Also hat die Emanzipation den Frauen einen zusätzlichen Druck auferlegt?
Ja. Wir empfinden uns alle als sehr emanzipiert. Das würde bedeuten, dass wir uns von Normen und althergebrachten Vorstellungen befreit haben. Tatsächlich sind wir weiter als vor 50 Jahren, aber wir haben uns einfach ein Korsett aus neuen Zwängen zugelegt: Leistungsdruck, Schönheitsideale, das Bild der Idealmutter usw. Der Körper ist dankbares Objekt, um diese inneren Konflikte abzureagieren.

Welches sind konkret die Konflikte?
Es sind sehr komplexe Erwartungen, welche die Frau in der Form gar nicht erfüllen kann. Und eine Essstörung ist das passende psychosomatische Symptom: Es gibt unserer Gesellschaft eine erhöhte Aufmerksamkeit bezüglich des Essens und der Nahrung. Die Essensverweigerung und Körperkontrolle passen perfekt in das Schema der Superfrau, viel besser als beispielsweise eine Depression.

Dann sind Essstörungen ein spezifischer Ausdruck unserer Kultur?
Zwei Faktoren sind wichtig. Erstens ist bei uns Essen im Überfluss vorhanden. Zweitens sind wir eine Leistungsgesellschaft. Frauen wollen nicht schön schlank sein, weil sie sich im Spiegel dann besonders gut gefallen. Schönheit und Schlankheit stehen für Erfolg, soziale Anerkennung, sie bilden einen gesellschaftlichen Wert. Denn es kostet Leistung und Aufwand, dem Ideal zu entsprechen. Und so kann das Streben nach dem Schlankheitsideal zum neuen Lebensinhalt und identitätsstiftend werden.

Warum betrifft das vornehmlich Frauen?
Der Emanzipationsprozess hat die Rolle der Frau in den letzten 100 Jahren verändert und einer extremen Wandlung unterworfen. Das hat zu einem Konflikt geführt zwischen dem, was von Frauen erwartet wird, und dem, was sie tatsächlich leisten können.

Wenn sich die Gesellschaft als Ganzes so neurotisch mit dem Essen beschäftigt, wo liegt denn die Grenze zwischen noch normal und schon neurotisch?
Bezeichnend ist ja, dass Frauen überhaupt so eine Frage stellen. Warum suchen wir Frauen nach einem Normvorbild? Eine Frau mit normaler Persönlichkeitsentwicklung entscheidet sich für einen Weg, der zu ihr passt. Es gibt keinerlei Gesellschaftsstruktur, die sie daran hindert. Aber viele Frauen orientieren sich an den Medien, kaufen Zeitschriften und meinen, sie müssen genau so aussehen.

Warum neigen Frauen eher dazu, sich solche Vorbilder zu suchen?
Frauen sind meist weniger sicher, was ihre Rolle und ihren Platz in der Gesellschaft angeht. Sie suchen nach Vorgaben, schlagen die Zeitung auf und gucken, wie man als Frau so lebt.

Männer stehen aber auch vermehrt unter Druck, Körperidealen, wie sie in Männermagazinen gezeigt werden, zu entsprechen.
Die traditionelle männliche Rolle steht ebenfalls infrage, etwa das Ideal des Familienernährers. Interessanterweise reagieren Männer darauf ähnlich wie Frauen. Sie sind verunsichert, suchen nach Vorbildern.

Frauen haben also das gesellschaftliche Leistungsideal auf ihre weibliche Rolle projiziert und überfordern sich damit. Welche komplementären Werte müsste man stärken, um davon wegzukommen?
Man sollte die Persönlichkeit des Einzelnen stärken. Wir müssen wegkommen von Leistungsnormen und Rollenerwartungen, die uns einschränken. Wir müssten sagen: Wir sind eine freie Gesellschaft und müssen lernen, mit dieser Freiheit umzugehen. Es ist natürlich einfacher, einem vorgegebenen, medial vermittelten Ideal zu folgen, als den persönlichen Weg zu gehen. Diesen Mut müsste man stärken. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.02.2012, 12:14 Uhr

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30 Kommentare

Alexander Müller

09.02.2012, 13:10 Uhr
Melden 131 Empfehlung

Zum Leistungsdruck: Auch Männer stehen unter Leistungsdruck. Sie sollten Machos sein, liebe Hausmänner, die gut für Kinder sorgen können, den Rasenmähen, den Haushalt machen, für die Frau den Hampelmann machen, Generaldirektor bei einer Top-Firma sein und Millionen verdienen, sportlich sein, im Bett ein Hengst sein und ein Held sein, natürlich über 180cm gross, standfest, Waschbrettbauch, Tanzen++ Antworten


Charles Kleiner

09.02.2012, 13:26 Uhr
Melden 96 Empfehlung

Eigentlich hören wir seit Jahren nur wie schwer es für die Frauen ist dies zu tun und jenes zu sein und sich in dieser Rolle zurechtzufinden und noch dort präsent zu sein. Schon gut, ehrlich. Aber die Welt ändert sich auch für Männer. Wer stärkt eigentlich unseren Mut? Sobald wir abends mit den Kollegen ein Bier trinken gehen (von wegen eigener Weg und so), kommt gleich der Hammer: Aber das Baby Antworten



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