Kultur

Wir sprechen Deutsch

Von Guido Kalberer. Aktualisiert am 17.05.2011 27 Kommentare

Nur noch Dialekt im Kindergarten ist ein deutliches Zeichen für Rückzug in Zeiten der Globalisierung.

Sprayen auf Schweizerdeutsch – am alten Hardturm-Stadion. (Bild: Keystone )

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Wenn wir auf dem Spielplatz, im Spital oder in der Kinderkrippe nur noch Hochdeutsch hören, fühlen wir uns in die Enge getrieben. Mit dem anhaltenden Einwanderungsdruck aus Deutschland wächst die Befürchtung, dass unsere Mundart marginalisiert wird. Es ist daher verständlich, dass man eine Art Heimatschutz für den Dialekt betreiben will – unabhängig davon, ob es Berner, Zürcher oder Walliser Deutsch ist. Hauptsache Mundart, egal, wie korrekt oder wortreich sie gesprochen wird.

Etwas verstehen heisst noch nicht, es gut zu heissen. Die Dialektwelle ist Ausdruck eines nachvollziehbaren, aber gefährlichen Rückzugsgefechts in Zeiten der Globalisierung. Die Leute, die sich für den ausschliesslichen Einsatz der Mundart im Kindergarten (und morgen in der Primarschule) starkmachen, wollen nicht sehen, dass unsere geistige Heimat die deutsche Sprache ist. Es gibt keinen alemannischen Dialekt, unabhängig von der deutschen Sprachgemeinschaft. Wenn wir uns nur noch auf unsere Mundart beschränken, machen wir uns kleiner, als wir sind. Und entziehen uns so dem wachsenden Konkurrenzdruck vor allem aus dem Norden. Muss ich vor 80 Millionen Menschen bestehen oder bloss vor vier? «Small is beautiful» ist kein Motto für Ehrgeizige.

Anstatt Hochdeutsch und Dialekt gegeneinander auszuspielen, wäre es besser, die Dialektik zwischen ihnen kreativ zu nutzen. So, wie sich zahlreiche Wörter, die wir täglich gebrauchen (wie «Huus», «Öpfel» oder «Fuessball»), ohne grossen Aufwand ins Hochdeutsche übersetzen lassen, gibt es eine Vielzahl von Begriffen, die keine solche Entsprechung kennen. Diese machen die Mundart speziell und einzigartig. Der Versuch, sie in andere europäische Sprachen zu transponieren, fordert uns heraus. Denn auch und gerade das, was uns von allen anderen unterscheidet (vielleicht sogar ausmacht und auszeichnet), muss kommunikativ vermittelbar und nicht nur für eine eingeschworene Gruppe gültig sein.

In einem so kleinen, wirtschaftlich so potenten Land wie der Schweiz ziehen viele die englische Sprache vor. Dass sich darüber niemand aufregt, zeigt, wie emotional und wenig rational die Deutschschweizer Debatte ist. Doch die Hochsprache (und nicht nur der Dialekt) bleibt fester Bestandteil unserer Identität. Die Sprache der Bildung – in der Literatur, in Zeitungen – ist und bleibt Deutsch. Dies können uns die Lokalradiostationen, die nur noch die Mundart zulassen (und dabei nicht einmal pflegen), nicht ausreden. Darum müssen wir alles unternehmen, damit sich unsere Kinder früh mit dieser Hochsprache befassen. Im Moment sind wir zu defensiv und stehen mit dem Rücken zur Wand. Ein Schritt nach vorne würde unser Selbstbewusstsein stärken. Im Übrigen haben die kleinen Kinder mit dem Hochdeutschen weniger Probleme als viele Erwachsene – und Lehrer. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.05.2011, 15:59 Uhr

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27 Kommentare

Sarah Küenzi

17.05.2011, 16:22 Uhr
Melden 35 Empfehlung

Es gibt offenbar noch vernünftige Leute in diesem Land. Danke! Antworten


Anton Scharpf

17.05.2011, 16:40 Uhr
Melden 24 Empfehlung

Niemand hat Probleme oder Angst vor dem Hochdeutsch. Sprache hat etwas mit Identifikation und Erkennung zu tun. Wer den Dialekt aufgeben will soll das doch tun, mein Kind wird als erstes seine regionale Sprache lernen, danach kann es noch so viele zweit- Sprachen lernen wie es will. Seine Wurzeln werden aber damit fest verankert. Antworten



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