Kultur

Wo ischt nur der Accent Fédéral hin?

Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 21.05.2010 88 Kommentare

Rumpelnd-provinziell wie Adolf Ogi oder teutonisch-geschliffen wie beim «Kulturplatz»: Wenn Schweizer Hochdeutsch sprechen, haben sie die Qual der Wahl. Und wie halten Sie es mit der Aussprache?

1/5 Accent Fédéral als Markenzeichen: Emil bei einem Auftritt für das deutsche Fernsehen.

   

Lena Meyer-Landrut soll für Deutschland den Song Contest gewinnen. Doch ihr Englisch ist gewöhnungsbedürftig: Eine Art Londoner Gassensprache mit deutschem Einschlag. Darauf angesprochen, erklärte Meyer-Landrup, ihr Englischlehrer habe so gesprochen.

Wahrscheinlicher aber ist, dass die Bürgerstochter Meyer-Landrut so verruchter daherkommen will - immerhin ist ihr Idol die britische Schnappsdrossel Amy Winehouse (die einen ähnlichen Akzent hat). Ein bisschen erinnert Meyer-Landruts Bemühen an jene Schweizer, die ein geschliffenes Hochdeutsch parlieren, als ob sie aus Hannover kämen: Im Normalfall urban-trendige Menschen oder Journalisten, besonders in der Kulturszene will jeder mit einem aufgesetzten Bühnenhochdeutsch brillieren. Doch nicht einmal vor Wallisern (Stephanie Heinzmann) und Sportlern (Ciriaco Sforza) macht der Trend halt.

Wieso eigentlich? Schämen sie sich für ihren Schweizer Akzent? Oder wird das Hochdeutsche zunehmend nicht mehr als Fremdsprache wahrgenommen? Können sie etwa gar nicht anders – hat das deutsche Fernsehen aus unserem Hochdeutsch den Accent Fédéral vertrieben? Diese Theorie stützt zumindest jener deutsche Radiohörer, der kürzlich auf DRS3 gefragt wurde, was ihn an den Schweizern störe: «Dass sie das Gefühl haben, deutscher als Deutsche reden zu müssen. Und dabei klingen wie die aufgedrehten Moderatoren auf RTL. In Deutschland spricht aber niemand so.»

Accent Fédéral als Distinktionsmerkmal

Hoppla, starker Tobak für germanophile Zeitgenossen. Und Wasser auf den Mühlen jener Schweizer, die auch in Deutschland die R rollen und Ch kratzen, dass ihre Gesprächspartner sich erkundigen, ob sie an einer Halskrankheit leiden. Für sie ist freilich auch der Kulturverrat nicht weit, wenn ein Schweizer Sätze wie «Nee, das find’ ich jetz nich gut» von sich gibt: Ein Engländer würde ja auch nie auf US-Englisch umstellen, wenn er mit einem Amerikaner spricht!

Schweizerdeutsch und der Accent Fédéral wurden früher von den Schweizern als wichtige Abgrenzungsmerkmale wahrgenommen, insbesondere während des Zweiten Weltkriegs. Heute kann man die Schweizer Sprechenden grob in drei Kategorien einteilen:

  • Die urbane Schickeria, der die Abgrenzung peinlich ist und deshalb versucht, ein norddeutsches Deutsch nachzuahmen.
  • Leute wie Roger Köppel, denen die Abgrenzung weiterhin (oder wieder) wichtig ist und die den Accent Fédéral bewusst betonen.
  • Jene, denen es egal ist und die einfach so reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist, oft in Schulen anzutreffen.

Wie halten Sie es mit dem Hochdeutschen: Kuhschweizerisch wie Adolf Ogi oder geschliffen wie «Kulturplatz»-Moderatorin Nicole Salathé? Meinungen bitte unten eintragen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.05.2010, 14:53 Uhr

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88 Kommentare

Walter Kühn

21.05.2010, 07:40 Uhr
Melden 1 Empfehlung

@ Stefan Bucher 17:37 Uhr - es geht hier nicht um minderwertig oder nicht, sondern um gebildet oder nicht. Auch wenn Sie es nicht glauben mögen, das eine hat nicht zwangsläufig was mit dem anderen zu tun. Viele Vivants können hervorragend gut Mathe. Aber für den Alltag reicht es dann doch nicht mehr. Ebenso würden Sie wohl kaum einen PC als gebildet bezeichnen, bloss weil er schnell rechnet Antworten


Heinz-Martin Krause

20.05.2010, 15:40 Uhr
Melden

Jawohl, die Schweizer wollen alle ein "bisschen steif" klingen, darum der Nachahmungstrieb. Antworten



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