Schau mal, wer da zwitschert
Von Simone Meier. Aktualisiert am 20.06.2009
Wie ein Gewitter zieht Twitter durch die Netzwelt: Millionen sogenannter «Followers», also «Anhänger» oder veritable «Jünger», folgen in Schwärmen einigen sehr, sehr prominenten Lichtgestalten wie Jane Fonda oder Elizabeth Taylor. Die beiden grossen Damen beweisen, dass Twitter, die Plattform, auf die man von seinem Handy aus immer von neuem die Twitter-Grundfrage «What are you doing?» vor der ganzen Welt beantworten kann, nichts mit irgendeiner Generationenfrage zu tun hat. Wer SMS schreiben kann, der kann auch twittern, er braucht dazu höchstens 140 Zeichen in sein Handy zu tippen, diese auf die Twitter-Plattform zu schicken («Tweet» heisst eine solche Botschaft, von «to tweet», «zwitschern»), und schon sind sie im Netz Abertausenden zugänglich.
Elizabeth Taylor (unter dem Twitter-Namen «Dame Elizabeth») wünschte sich neulich vom Spitalbett aus, dass irgendeine mutige Seele ihren kleinen Hund am Portier vorbeischmuggeln könnte. Ein paar Tage später suchte sie mit ihren 37 409 Jüngern einen Namen für ihr neues Parfüm. Es heisst jetzt «Violet Eyes». Ob sie beim Eintrag: «Habe «Twilight» auf DVD gesehen. Ich will mehr!» allerdings recht bei Sinnen war, steht zu bezweifeln. Und auch die folgenden beiden Einträge möchte man von einer richtigen Dame lieber nicht lesen: «Gestern ging ich mir Andrea Bocelli anhören. Das erste Mal seit Monaten, dass ich ausging. Die Hollywood Bowl erlaubte mir, meinen Rollstuhl zu benutzen.» – «Mein Geist, meine Seele wurden von seiner Schönheit, seiner Stimme, seinem inneren Wesen bewegt. Gott hat diesen Mann geküsst, und ich danke Gott dafür.»
Tatsächlich nicht alles reine Unterhaltung
Elizabeth Taylor, das lässt sich auf ihrer Twitter-Seite rechts von ihren Kurzmitteilungen ablesen, ist selbst auch ein Follower, und zwar fast ausschliesslich von Aids-Hilfswerken, die wiederum selbst auch twittern. So wie auch das Uno-Flüchtlingskommissariat all seine Updates auf Twitter stellt. Es ist tatsächlich nicht alles reine Unterhaltung auf diesem unterhaltungsgewichtigen sozialen Netzwerk.
Im Iran etwa erfolgten die Protestaufrufe der letzten Woche gegen Ahmadinejad via Twitter, und die Demonstrationen und gewaltsamen Auseinandersetzungen mit dem Militär werden auf Youtube-Filmen dokumentiert. Selbstverständlich mit sofortiger weltweiter Verbreitung. Effizienter kann eine subversive Strategie kaum eingesetzt werden. Und Barack Obama selbst, der schon während seines Wahlkampfs Twitter dazu benutzt hatte, die Wähler möglichst intensiv und intim an sich zu binden, bat das Netzwerk, die für letzten Montag geplanten Wartungsarbeiten zugunsten der iranischen Oppositionsanhänger auszusetzen.
Handtaschen für die Erdbebenopfer
Allerdings haben sich längst regierungstreue Blogger in die betreffenden Netzwerke eingeschleust und verwirren die Oppositionellen gezielt mit Fehlinformationen. Die iranische Regierung hat zudem ein Verbot gegen Protestaufrufe per Handy und Internet ausgesprochen, und stundenweise werden Handynetze und Internet in Teheran ausgeschaltet. Unter Titeln wie «Cyberwar guide for Iran elections» finden sich online Tricks, wie die globale Twitter-Community diese Massnahmen unterlaufen kann, etwa, indem weltweit so viele Twitterer wie möglich ihren Absenderstatus ändern und vorgeben, selbst aus dem Iran Botschaften zu schicken. Die schiere Menge, so hoffen die Netz-Anarchisten, sei so von den iranischen Behörden nicht mehr zu bewältigen, und lokale Handynetze auszuschalten, nützt da nichts.
Auch Ashton Kutcher («aplusk»), der Sonnenkönig auf Twitter – als Erster besass er über eine Million Follower, das war am 16. April 2009, heute sind es über 2,2 Millionen – ruft zur Massensolidarität mit den iranischen Oppositionellen auf. Und seine Frau Demi Moore («mrskutcher», mit über 1,2 Millionen Anhänger die Rekordhalterin unter den Frauen) schreibt: «Mein Herz schmerzt, aber ich bin inspiriert vom Mut und der Kraft der iranischen Menschen angesichts dieser Gegner und dieses Elends.»
Kutcher, der einst Biochemie studierte, ist heute Schauspieler, TV-Produzent und -Drehbuchautor und ein höchst kreativer Internetaktivist, aber sein politisches Engagement beschränkt sich normalerweise eher auf Sentenzen wie: «Sex macht Babys, Gewalt tötet. Was ist schlimmer?» Und auch Demi Moore, die sowieso am liebsten über ihre Abenteuer beim Zahnarzt berichtet, begegnet sonst dem Elend dieser Welt eher aus einer verspielten Prominentenwarte und ruft etwa dazu auf, einer Auktion für die italienischen Erdbebenopfer Handtaschen zur Verfügung zu stellen.
Man muss bloss einen Kürzestmoment innehalten, um zu erahnen, dass es sich bei Handtaschen, die bei einer Versteigerung nicht nur Geld, sondern viel Geld bringen sollen, um die Accessoires anderer berühmter Damen handeln muss. Und schon sind wir im Epizentrum dessen, was für all die Follower neben Ausnahmesituationen wie den iranischen Wahlen den Reiz von Twitter ausmacht: Hier begegnen Prominente in erster Linie einander und in zweiter Linie denen, die ihnen folgen, wie relativ normale Menschen.
«Ich bin in New York!», antwortet etwa Jamie Lee Curtis auf die Ankündigung ihrer Freundin Jane Fonda, dass sie nach New York zur Verleihung der Tony Awards reise. Zuvor haben die beiden sich schon über Hundemode ausgetauscht. Ausgerechnet Jane Fonda, die früher eine von CIA und FBI überwachte Politaktivistin war, ist auf Twitter ein zahmes Reh und schreibt lieber über ihren neuen Werbevertrag mit L’Oréal oder dichtet eine Ode an ihr linkes Kniegelenk («So Long Old Knee»), das am Dienstag durch ein künstliches ersetzt wurde. Noch eine, die gern von ihren Gesundheitsproblemen berichtet.
Schneller als alle andern
Eine weitere im virtuellen Kaffekränzchen gestandener Damen ist Oprah Winfrey. Auch sie tratscht gern mit Jane oder Jamie über Hunde, Oprah dürfte sowieso zu den Klatschfreudigsten auf Twitter überhaupt gehören. Und so wird sie denn auch von Hugh Jackman, dem vorübergehend «sexiest man alive», in ihrer Twitter-Leidenschaft hochgenommen: «Oprah, ich bin backstage und kann es nicht erwarten, dich in zwanzig Minuten auf der Bühne zu sehen. Möchtest du einen Latté?», fragt er über Twitter vor seinem Auftritt in ihrer Show.
Es ist das Welttheater der Simulation von Nähe, von dem berühmten Star, der sich «anfassen» lässt, das hier gespielt wird. Seine Protagonisten plaudern so dermassen viele Privatheiten und intime Gedanken aus, sie verbreiten so schnell ein so dichtes Netz an (Pseudo-)Informationen, dass sie damit erstens ihre ärgsten Feinde ausstechen, etwa die aggressive Paparazziplattform wie www.x17online.com, weil sie mit dem Tratsch und Trash über sich selbst viel schneller sind als alle andern, und zweitens als Privatmenschen hinter dem ganzen Wust an scheinbarem Exhibitionismus verschwinden. Hinter ihren Tweets können sich die Superstars in Sicherheit bringen.
Demi Moore beim Bügeln
Gut, die beschützende Selbstinszenierung ist ein bisschen aufwendig, mehrere Tweets pro Tag muss man schon ins Netz stellen, um die Neugierde der Fans zu befriedigen und eine möglichst intakte Gerüchtefassade aufrechtzuerhalten, aber viele benutzen dazu auch ihr Management. Oder um es mit «aplusk», dem abgebrühtesten Simulanten und Baron Münchhausen des Internets zu sagen: «Ich tue Dinge, ich erfinde Dinge, meistens Geschichten, ein Zusammenwirken aus Gedanken, Träumen und Handlungen. Das bin ich.»
Zu seiner Twitter-Karriere kam Ashton Kutcher 2009 übrigens, als er ein Handybildchen von Demi Moore von hinten und in Unterhose auf die Twitter-Bild-Plattform twitpic.com stellte und dazu die Geschichte erzählte, wie sie dabei sei, seinen Smoking für die bevorstehende Oscar-Verleihung zu bügeln. Doch wer weiss schon, ob der hübsche Hintern ohne Kopf tatsächlich seiner Frau gehörte? Geglaubt haben es jedenfalls viele sehr gern. Allein die Möglichkeit einer Wahrscheinlichkeit ist in diesem Fall unterhaltsam genug. In der Virtualität nimmt man es mit Authentizität oft nicht so genau, was zählt, ist einzig das geschriebene Wort.
Das gilt auch für die Tweets der paar ganz normalen Spassvögel, die sich hinter Twitter-Namen grosser Stars verstecken (unzählige Internetnerds widmen sich dem Aufspüren dieser «Fake Twitterer»). Ein in die Haut von Brad Pitt geschlüpfter Twitterer schreibt etwa: «Hab soeben mit Clooney telefoniert. Hab versucht, ihn zu überzeugen, dass er ein Baby machen soll. Aber er zieht es vor, ein neues Boot zu kaufen.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.06.2009, 09:42 Uhr
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