Anderswo ist es schlimmer

Güzin Kar will nicht mehr hören, dass die Realität woanders sehr viel ärger sei als hier.

Unsere Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Keystone

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Früher sagte man scherzhaft «Sei doch froh, anderswo haben sie gar nichts zu essen», wenn sich jemand übers Essen ausliess. Der Subtext «Ich habe keine Lust, mich mit deiner Haltung auseinanderzusetzen» schreit so laut aus dem Satz heraus, dass er inzwischen, wenn überhaupt, höchstens in parodistischer Manier zur Erheiterung der Runde geäussert wird.

Genau dieser Satz erlebt nun ein Revival, nicht wörtlich, aber dem Sinne nach. Kaum schliessen sich Frauen zu einem Bündnis gegen Sexismus im Alltag oder für bessere Arbeitsbedingungen zusammen, stellt sich jemand (Mann oder Frau, das ist inzwischen geschlechtsübergreifend) hin und sagt: «Seid doch froh, anderswo dürfen Frauen nicht einmal Auto fahren» oder «Seid doch froh, dass ihr überhaupt demonstrieren dürft, ­anderswo werden Frauen gesteinigt, wenn sie so herumlaufen wie ihr».

Kaum sagt jemand, er habe eine Gruppe gegen Rassismus in Lehrmitteln gegründet, wird er verhöhnt mit «Versuch das mal in Saudiarabien, und du hast nicht ein Buch, sondern einen Kopf weniger». Jemand will sich kritisch mit der ­Darstellung von Lesben im Film auseinander­setzen – schon hagelt ein «Anderswo werden Lesben und Schwule verbrannt, bei uns sind sie Hauptfiguren in Filmen» auf ihn herab. Egal, wer sich erdreistet, für etwas mehr Gerechtigkeit in unserer Mitte einzustehen: Er wird sofort in die Schranken und geistig des Landes verwiesen, indem er mental nach anderswo verfrachtet wird. Dort, in diesem gigantisch grossen Anderswo, in dem alles viel schlimmer ist als bei uns, gibt es nichts zu essen und zu fordern.

Sag mir nicht, wofür ich einstehen soll

Natürlich existiert immer ein Ort, an dem Minderheiten noch weniger geschützt und Grundrechte mit noch mehr Füssen getreten werden. Es stimmt, dass es uns in vielem besser geht als Menschen in anderen Ländern. Wir erleben weniger Armut, Diskriminierung und Gewalt. Wir haben Zugang zu Nahrung, Bildung, und unser Staat bietet uns in vielen Belangen Schutz. Aber soll man sich für gar nichts mehr einsetzen, solange man einen findet, dem es schlechter geht?

Diese merkwürdige Argumentation hat inzwischen seriöse Diskussionsrunden und Redaktionen erreicht, wo man sich darin übt, jegliches Engagement für die Rechte von Frauen, Schwulen, Ausländern, Migranten, Schwarzen mit dem Verweis auf den Iran abzuschmettern. Was ­meckert ihr? Bei uns ist es doch wunderbar. Vermutlich hat aber keiner dieser Journalisten und Chefredaktoren in der Vergangenheit dazu beigetragen, dass die Lage bei uns sich verbesserte. Er nimmt die in seinen Augen bestehende Gerechtigkeit nicht als Resultat langwieriger Auseinandersetzungen wahr, sondern als gottgegebenen Zustand, um, sich in seiner Faulheit suhlend, alle abzustrafen, die sich nicht so schnell zufrieden geben wie er.

Noch etwas perfider sind diejenigen, die Engagements gegeneinander ausspielen: Warum für Frauenrechte und nicht gegen Frauen­beschneidung? Warum gegen Kindsmissbrauch und nicht gegen Kinderarmut? Was antwortet man da? Du findest, man solle nicht für Frauenrechte in der Schweiz, sondern gegen Mädchenbeschneidungen im Sudan demonstrieren? Perfekt. Dann organisier die Demo oder die Initiative doch einfach, und ich unterstütze dich dabei, ohne mein Anliegen aufzugeben.

Du findest, man müsse nicht über Homophobie auf dem Pausenplatz, sondern über Massenexekutionen in einer fernen Diktatur sprechen? Sehr gut. Starte eine Diskussionsplattform, und ich werde dir folgen, ohne mich zu vergessen. Mach das, wofür du einstehst, anstatt mir zu sagen, wofür ich einstehen sollte.

Güzin Kar ist Drehbuchautorin und Filmregisseurin. www.guzin.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.03.2017, 16:27 Uhr

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