Chris von Rohr, der Rentner von Teneriffa und «das grüne Ding»

Der Rocker schrieb im Web ab – und verbreitete so eine urbane Legende.

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Eine alte Dame wird von der Supermarkt-Kassiererin gerügt, weil sie einen Plastiksack benutzt. Die Dame kontert: Vielleicht verstehe ihre Generation nichts von «Umweltschutz», aber dafür habe man spartanisch gelebt. In der Folge zählt die Dame viele Beispiele auf, Stoffwindeln et cetera. Jedes Mal giftig festhaltend: Ja, Umweltschutz habe man damals noch nicht gekannt.

Die Story ist zwar schief – man denke an Fabrik-Schlote und stinkende Autos früherer Jahrzehnte – hat aber eine verlockend klare Botschaft: Die Alten krampften in einer noch vernünftigen Welt, und die dekadenten Jungen sollen ihnen nicht frech kommen. Rocker Chris von Rohr erzählte die Geschichte jüngst in einer «Schweizer Illustrierten»-Kolumne. Bald flog auf, dass von Rohr sie aus dem Web kopiert hatte. Genauer gesagt: Ein Freund hatte ihm über Whatsapp ein textlastiges Youtube-Filmchen mit der Geschichte geschickt. Von Rohr tippte sie ab, ohne die Quelle zu nennen, offenbar ohne zu wissen, dass die Geschichte tausendfach im Web steht – und ohne zu merken, dass er hier eine urbane Legende verbreitete. Denn «Umweltschutz kannten wir nicht» hat eine labyrinthische Vorgeschichte, wie sie typisch ist für sogenannte «urban legends».

Autor? Kein Problem!

So veröffentlichte ein Verein von Berliner Tierfreunden die Geschichte bereits im November 2016. Eine Vertreterin sagt auf Anfrage, die Sache sei einfach: Am Ende des Textes sei der Autor angegeben, und es gebe wohl auch ein Foto der alten Dame. Tatsächlich hatte der als Autor angegebene Herr Kern die Geschichte im Juli 2016 auf Facebook gestellt – mit riesigem Erfolg, sie wurde fast 80’000-mal geteilt. Und tatsächlich gibt es unter dem Beitrag das Bild einer älteren Dame. Bloss: Es ist ein Symbolbild, das etwa «20 Minuten» schon für die Illustration des Berichts «Die Zukunft gehört dem Tante-Emma-Laden» verwendet hat. Und Herr Kern schreibt auf Anfrage: «Ich habe den Beitrag auch irgendwo gelesen und er hat mir gefallen. Ich kann aber nicht einmal mehr sagen, wo ich den Beitrag gefunden habe. Hab den dann einfach gepostet, weil er wirklich zum Denken anregt.»

Herr Kern war es also nicht. Er hat weder die Dame im Supermarkt beobachtet, noch hat er ihre Geschichte erfunden. Er hat, wie von Rohr und die Berliner Tierfreunde, schlicht und einfach kopiert. Die weitere Suche führt zur ältesten Version, die sich im Web auf Deutsch finden lässt: Sie stammt von einem Herrn König, einem deutschen Rentner, der auf Teneriffa lebt. Er veröffentlichte die Geschichte im Januar 2015 auf einem hessischen Online-Portal. Mit einer kleinen Differenz allerdings: Statt über «den Umweltschutz» wettert die ominöse alte Damen bei ihm über «den grünen Punkt», Deutschlands Symbol für Recycling. Aber auch Herr König ist nicht der Autor, auch er hat die alte Dame nicht gesehen, obwohl auch sein Text so beginnt: «Beim Bezahlen an der Kasse im Supermarkt schlägt die Kassiererin der vor mir bezahlenden alten Dame vor …»

Herr König sagt auf Anfrage, ein Freund habe ihm die Geschichte vermutlich 2014 gemailt. «Der Originaltext kursierte wohl irgendwann einmal durchs Internet als Schneeball-Mail», vermutet er. Er habe den Text genommen, «abgeändert, verbessert und ergänzt». Verliert sich die Ursprungsquelle des Textes, mit der Chris von Rohr die Energiestrategie 2050 bekämpfen wollte, also im Mail-Papierkorb des Herrn König auf Teneriffa? Nein. Denn der Text führte ein Vorleben in englischer Sprache.

«Checking out at the store»

Unter dem Titel «That Green Thing» kursiert die Geschichte bereits seit Jahren auf US-amerikanischen Websites. Der Text beginnt hier so: «Checking out at the store, the young cashier suggested to the older woman, that she should bring her own grocery bags because plastic bags weren’t good for the environment...»

Eine Frau Kadrie veröffentlichte den Text im Juli 2012 auf einem Blog der Universität Rochester, New York. «Die Geschichte war so grossartig, ich musste sie einfach teilen», mailt Kadrie, die von der Uni als «Nachhaltigkeitskoordinatorin» angestellt ist. «Ich wünschte, ich würde den Autor kennen!» Das wünschen sich auch andere, die begeistert sind von der Geschichte der eloquenten Dame. Ein Herr Byrne etwa veröffentlichte die Story im Juni 2013 auf seinem Blog und bat die Leser: «Sagt mir bitte, wenn ihr wisst, wer die Geschichte geschrieben hat.» Auf Anfrage mailt er, er kenne die Autorin oder den Autor leider immer noch nicht. Sobald er das herausgefunden habe, werde er es verkünden. Es sei schon eine sehr gute Geschichte, betont Herr Byrne. Offen bleibt so die Autorschaft und die Frage, ob das Erlebnis stattgefunden hat. Von Rohr seinerseits meint, eins zu eins habe das Ereignis sicher nicht stattgefunden, «aber vielleicht ähnlich-symbolisch – und es gibt Junge, die gerne Alte belehren, wie auch umgekehrt natürlich.»

Ein Text wie eine Keule

Frühere englische Versionen der Geschichte waren jeweils mit der Notiz versehen: «Bitte schickt diesen Text weiter an eine andere egoistische alte Person, die von einer smarten jungen Person eine Lektion in Umweltschutz braucht.» Der ironische Zusatz ging im Verlauf des Kopierprozesses verloren, doch der Weg der Geschichte von der alten erbosten Dame ist erstaunlich. Er erfolgte über Mails und Blogs, Facebook-Posts und Youtube, über Sprachgrenzen hinweg.

Und er zeigt ein tief sitzendes Anliegen: Das Bedürfnis, die gute alte Zeit vor Vorwürfen zu bewahren. Der Text ist eine sprachliche Keule, die anscheinend vor allem von alten Konservativen herumgereicht und gegen junge Umweltschützer geschwungen wird. Zuletzt nahm sie Chris von Rohr auf – offenbar in der Annahme, damit der Welt eine Lektion von wuchtiger Weisheit erteilen zu können. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.04.2017, 13:18 Uhr

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