«Das klingt zwar logisch, ist aber Bullshit!»

Ob Liebeskummer oder Durchsetzungsinitiative: Kolumnistin Yonni Meyer schreibt erfolgreich über so ziemlich alles. Nun veröffentlicht sie ihr drittes Buch.

Macht einfach das, was ihr Spass macht: Yonni Meyer als Pony M. Bild: Yonni Meyer

Macht einfach das, was ihr Spass macht: Yonni Meyer als Pony M. Bild: Yonni Meyer

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Gibt es ein Thema, dem Sie sich als Kolumnistin nie annehmen würden?
Ich würde nie jemanden negativ exponieren, der vorher nicht andere geschädigt hat. In meinen Texten aus dreieinhalb Jahren tauchen lediglich drei bis vier Personen auf, die ich namentlich und direkt angreife. Das tue ich aber nur aus einem gewissen Moralverständnis. Wenn ein Politiker darüber schreibt, dass die Frau von der Aufmerksamkeit des Mannes lebt, oder ein anderer findet, Homosexuelle hätten eine Frontallappenstörung, dann ist das für mich eine gute Grundlage, um darauf zu reagieren.

Am Anfang war Pony M. ja nur Unterhaltung. Nun sind Ihre Themen etwas ernster. Warum?
Das Gesellschaftskritische kam erst später dazu, weil ich gemerkt habe, dass nur Humor und Lustigsein mich auf längere Zeit nicht befriedigt.

In Ihrem Psychologiestudium haben Sie sich auch schon mit Humor befasst. Ihre Masterarbeit haben Sie über die Schadenfreude verfasst.
Genauer gesagt über den Katagelastizismus. Das ist eine extreme Form von Schadenfreude. Menschen mit hohen Katagelastizismus-Werten bringen andere absichtlich in Situationen, aufgrund derer man gemeinsam oder alleine über sie lachen kann.

Darf man sich denn über Sie lustig machen?
Natürlich gibt es aber auch Sachen, wie beispielsweise beleidigende Aussagen, die mir auch nahegehen. Aber ich will meine Persönlichkeit nicht wegen ein paar Idioten im Internet verändern. Mit dem muss ich dann umgehen.

Und wie gehen Sie damit um?
Es ist sicherlich nicht so, dass ich deswegen drei Nächte lang nicht schlafen kann. Dann spreche ich entweder mit meinen Freunden darüber oder ich überlege mir, über wen eine solche Beleidigung mehr aussagt: über den Beleidiger oder über mich. Wenn ein Kommentar wirklich Hand und Fuss hat und über mich etwas aussagt, dann muss ich bei mir über die Bücher. Das gab es schon häufig.

Wieso machen wir uns überhaupt gerne über andere lustig?
Das ist eine Persönlichkeitsfrage. Natürlich fängt man irgendwann an zu entscheiden, wie weit man geht. Aber das ist von Person zu Person unterschiedlich. Erst wenn regelmässig Menschen verletzt werden, glaube ich, muss man etwas unternehmen.

Was unternehmen Sie selbst dagegen?
Unter der Bedingung, dass sie nicht exponiert werden, versuche ich mich mit solchen Leuten und ihrem Verhalten - meist in lustiger, satirischer Weise - auf Pony M. auseinanderzusetzen, zum Beispiel indem ich absichtlich überspitzt in derselben, groben Sprache mit ihnen rede. Ich habe das Gefühl, da kommt auch mein Gerechtigkeitssinn ins Spiel. Ich finde dann: «Alte, imfall wie nöd!» Es gibt Leute, die hohe Posten innehaben, denen viele Menschen zuhören. Ich finde, dort muss man den Finger drauflegen und sagen: «Moment mal! Das klingt zwar alles logisch und schlüssig, aber es ist Bullshit!»

Wie stehen Sie zur Meinungsfreiheit? Jeder darf schliesslich sagen, was er für richtig hält.
Selbstverständlich darf jeder sagen, was er will, solange er nicht gegen das Gesetz verstösst. Viele Leute haben aber das Gefühl, es käme keine Reaktion auf ihre Meinung. Ich veröffentliche etwa einen Text, dann schreiben mir die Leute in der Kommentarspalte etwas wie: Das sei ja komplett daneben, was ja auch völlig legitim ist. Aber wenn ich dann darauf reagiere und anfange, mit ihnen zu diskutieren und ihre Argumente anzugreifen, dann kommt: «Es gibt imfall Meinungsfreiheit und du bist kritikunfähig!»

Wie könnte man das denn verbessern?
Was mir am meisten fehlt, ist Differenzierung. Es heisst immer: alles oder nichts, immer und nie. Eine von den Grundregeln der Gesprächstherapie ist: Solche Aussagen sind rote Fähnchen. Jedes Mal, wenn jemand beginnt mit: «alle, niemand, immer oder nie», dann muss man sie unterbrechen und sagen: «Mal ein bisschen durchschnaufen und die andere Seite zuerst etwas beleuchten.» Das ist auch das, was mich an dem ganzen Links-rechts-Zeugs so nervt.

Neben dem Blog und mehreren Kolumnen machen Sie auch Stand-up-Comedy. Woher rührt das Interesse am Humor?
Ich war schon als Kind die, welche «umeglölet» hat. An Familienfesten habe ich immer Kliby-und-Caroline-Witze verzapft. Ich habe wohl ein gewisses Talent mit auf den Weg bekommen, dass ich absurde Dinge erzählen kann, die Menschen zum Lachen bringen. So bin ich auch auf Pony M. gekommen: Ich erzählte lustige Anekdoten auf meiner privaten Facebook-Seite. Meine Freunde haben dann extrem positiv darauf reagiert und motivierten mich dazu, meine Geschichten öffentlich zu machen.

Sie haben sich mit Ihren Kolumnen eine grosse Fangemeinschaft geschaffen. Wie zufrieden sind Sie jetzt mit Ihrem neuen Werk?
«1982» ist bereits meine dritte Kolumnensammlung, und der Verkauf ist super angelaufen. Ich habe riesige Freude daran, denn in meinen Augen schlägt halt kein Blog und keine Onlinekolumne das Gefühl eines Buches in der Hand. Dazu kommt nun eine grosse Lesungstour durch die ganze Schweiz, bei der sogar schon Lesungen Ende Mai 2017 ausverkauft sind. Mich macht das immer wieder sprachlos, und ich muss mich auch nach dreieinhalb Jahren immer wieder selber kneifen. Kürzlich fragte mich jemand, was ich mir auf beruflicher Ebene wünschen würde, und ich konnte ehrlich mit: «Nichts, ich habe schon alles» antworten. Wenn das mal nicht der Jackpot ist. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.11.2016, 11:46 Uhr

Der dritte Kolumnen-Band «1982» von Yonni Meyer umfasst in fünf Kapiteln lustige und teils ernste Alltagserfahrungen der Autorin.Er ist hier erhältlich.

Yonni Meyer

Die 34-Jährige hat ihre Facebook-Seite Pony M. vor drei Jahren eröffnet. Pony M. verfolgen heute Tausende Fans. Sie verfasste im Psychologiestudium ihre Masterarbeit «It’s funny until somebody gets hurt - then it’s hilarious» über Schadenfreude. Unter anderem ist die Zürcher Kolumnistin für das Newsportal «Watson» tätig. Ihr Buch «1982» ist auf ihrer Website erhältlich.

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