«Herzensangelegenheit» Veltlin

Die Schweiz solle über eine Erweiterung auf Kosten Italiens nachdenken. Das findet ein SVP-Nationalrat – ausgerechnet.

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Vor 600 Jahren wurde Niklaus von Flüe geboren. Ob Christoph Blocher, Roger Köppel oder Peter Keller: Die SVP-Intelligenzia feiert den Einsiedler als Neutralitätspionier; gern zitiert wird der ihm zugeschriebene Spruch «Machet den Zaun nicht zu weit!» Nun möchte SVP-Nationalrat Christian Imark, dass die Schweiz über eine Ausweitung des Landes diskutiert – darüber also, den Zaun ein bisschen weiter zu machen.

Es geht ums Veltlin. Das norditalienische Tal mit seinen 3200 Quadratkilometern und 180'000 Einwohnern sei den Bündnern eine «Herzensangelegenheit». Das habe er in Gesprächen festgestellt, sagt der 35-jährige Solothurner, der das Tal selber von den Ferien kennt. Seit 1797 gehört das Veltlin nicht mehr zur Schweiz, Napoleon vergrösserte mit ihm die Cisalpinische Republik. Trotzdem glaubt Imark, dass die Region immer noch in der Schweiz verwurzelt sei.

Frage an den Bundesrat

Aufs Veltlin aufmerksam wurde Imark wegen des Schweizer Jugendparlaments. Zwei 16-jährige Bündner Gymnasiasten brachten es ins Gespräch. Sie hätten immer wieder dasselbe Wehklagen vernommen, sagten sie: «Ja, früher, als das Veltlin noch zur Schweiz gehörte ...» Imark fands interessant, unterstützte die Schüler. «Wir geben jetzt einfach mal einen Denkanstoss», sagt Imark. «Wir wissen schon, dass die Angelegenheit kontrovers ist. Aber warum sollte man nicht darüber diskutieren dürfen?» Und offenbar würde auch in Italien darüber diskutiert, ob Randregionen nicht besser abgestossen werden sollten. Mit Imarks Einsatz wird das Veltlin nun politisch relevant. In einer Interpellation namens «Veltlin zur Schweiz?» fragt er den Bundesrat, was er von einer Einverleibung des Veltlins halte, wie sich der Bund in die Diskussion einbringen könne.

Dass Expansionsimpulse ausgerechnet von der SVP ausgehen, mag überraschen. Doch es gibt Parallelen: In Österreich liebäugelt die rechte FPÖ mit dem einst österreichisch-ungarischen Südtirol, sieht im verlorenen Territorium ebenfalls eine «Herzensangelegenheit». Imark wehrt ab: «Die Parallelen bestehen nur auf den ersten Blick. Es geht aber um andere Länder, andere Menschen, und es ist eine andere Geschichte. Insofern hinkt der Vergleich beträchtlich.»

«Beschwören Konflikte herauf»

Das Echo der anderen Parteien reicht von amüsiert-angetan bis ablehnend. CVP-Aussenpolitikerin Elisabeth Schneider-Schneiter findet die Debatte «spannend», wenn sich die Veltliner denn einig seien und es keine «Veltliner Morde» gebe. Die SP hält eine Diskussion für müssig, weil eine Umsetzung politisch unrealistisch sei. FDP-Aussenpolitikerin Doris Fiala sagt: «Solche Territorialfragen sind sehr heikel, erhöhen zwischen den Ländern die Spannungen, die es wegen Migrations- oder Wirtschaftsfragen ohnehin gibt, laufen Gefahr, Konflikte zu verursachen. Daran können wir nun wirklich nicht interessiert sein, auch wenn die Idee keck erscheinen mag.»

Für die Eingliederungsfans ist klar: Falls die Veltliner an der Urne einen Beitritt zur Schweiz bejahen, muss Rom die Region freigeben. Und Imark sieht auch abseits des Veltlins eidgenössisches Wachstumspotenzial. «Es gibt andere Regionen, die an die Schweiz grenzen, welche ähnlich wie das Veltlin noch mit der Schweiz verwurzelt sind.» Für Imark sind Grenzen, selbst wenn sie Jahrhunderte alt sind, verhandelbar. Raunend sagt er: «Ein tiefer Sinn liegt in alten Traditionen.» Mit dem Vorstoss des jungen SVPlers könnte – ausgerechnet im Niklaus-von-Flüe-Jubiläumsjahr – eine neue Idee in die hiesige Debatte eingehen: Die Idee der gefühlten Grenze. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.06.2017, 15:41 Uhr

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