Schön ist sie auch

Lauriane Sallin, die neue Miss Schweiz, studiert die Antike und sympathisiert mit dem Anarchismus. Ein Treffen.

«Der Titel ist wie ein Pass»: Sallin über die ersten Wochen als Miss Schweiz.
Video: Adrian Panholzer

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War es je möglich, mit einer Miss Schweiz über Sophokles zu reden? Undenkbar. Die Kür von Lauriane Sallin zur Miss Schweiz ist daher nicht bloss überraschend, sondern ein kleines Wunder in der Geschichte des Kampflächelns und der Geistesplättung. Vor einem Monat hatten die Schweizer TV-Zuschauer die Freiburger Studentin gewählt. Schon bei den ersten Interviews wurde klar: Nie war die Kluft grösser zwischen den Bedürfnissen des Boulevards – «Tanga oder Hotpants?» – und den Interessen einer Miss. Vielleicht endet dieses Jahr deshalb im Desaster. Aufregend wird es auf jeden Fall, für alle Beteiligten.

«Antigone», sagt die neue Miss Schweiz, nachdem sie kurz nachgedacht hat. Die 22-Jährige sitzt in einer Bar beim Zürcher Kunsthaus und trägt den Schneewittchenlook: lange, schwarze Haare, blasse Haut, rote Lippen, weisses Kleid. Dazu ein gezielter Bruch der Lieblichkeit: Die Knöpfe des Kleids sind kleine schwarze Totenköpfe.

Totenköpfe, unzufällige: Sallin kennt die Codes der Mode. (Thomas Egli)

Sophokles sei ihr Lieblingsdramatiker, sagt sie, die neben Kunstgeschichte auch Literatur studiert und sich gerade durch das Werk des Philosophen Blaise Pascal liest. Und «Antigone», diese vor über 2400 Jahren von Sophokles geschriebene Tragödie, gefalle ihr am besten. «Es zeigt die menschliche Sehnsucht nach einem klaren Lebensplan – und zugleich das Hadern damit.»

Sallin redet schnell, sie beugt sich über die Tischplatte, die Hände kreisen und die Gedanken durchpflügen den deutschen Wortschatz. Sallin will Deutsch reden, nimmt das Radebrechen in Kauf und weicht nur für einzelne Wörter in die Muttersprache aus. Die antiken Dramen und Mythen, erklärt also die Miss, lehrten uns viel über die Beschaffenheit der Welt und des Menschen. «Aber ich interessiere mich auch für die Antike als historische Epoche, weil dort ja bekanntlich die Wurzeln unserer Zivilisation liegen.»

Diesen Sommer arbeitete Sallin, die Tochter eines Maurers, als Praktikantin an der Schweizerischen Archäologischen Schule in Athen, einem Ableger der Uni Lausanne. Sie analysierte und ordnete während vier Wochen antike Amphoren; Archäologin ist auch nach der Wahl zur Miss noch immer ihr Wunschberuf.

Die Schweizerische Archäologische Schule in Athen. (Wikipedia/Bdubosso)

Sallin betrachtet die Polis als Prototyp aller westlichen Gesellschaften, die Beschäftigung mit der Antike sei kein Selbstzweck. Denn kenne man das spektakuläre Werden, Wandeln und Vergehen der alten Griechen, lasse sich die Gegenwart und ihre Veränderbarkeit besser verstehen. «Ich bin deshalb skeptisch, wenn mir jemand einreden will, der Kapitalismus bleibe nun für alle Zeiten die einzige mögliche Gesellschaftsform», sagt sie.

Ihre Skepsis kommt nicht von ungefähr. Während der Zeit in Athen wohnte Sallin in Exarchia, dem Viertel der Anarchisten und Lebenskünstler. Die Armut und die Drogenprobleme dort habe sie nicht übersehen können, sagt sie. Doch der Umgang sei eindrücklich entspannt gewesen. «Anwohner haben sich neben Bettler auf die Strasse gesetzt und mit ihnen gegessen. Ist das nicht menschlicher, als einfach eine Münze in den Hut zu werfen?»

Die neue Miss Schweiz hat über die Anarchie als Gesellschaftsform nachgedacht. «Ich glaube, dass ein freieres Zusammenleben möglich ist. Der Mensch ist besser und zu Höherem fähig, als heute viele glauben.» Die Miss ist fasziniert vom Experiment Machnowschtschina. Dieser ukrainische Kurzzeitstaat, der zwischen 1917 und 1922 bestand und sich auf die Ideen des Aktivisten Nestor Machno bezog, gilt Anarchisten als Beleg, dass ihre Idee in der Realität taugen kann.

Hoffnungsträger der Anarchisten: Nestor Machno (Mitte). (Wikipedia)

Sophokles, Pascal, Machnowschtschina – je länger Sallin redet, desto ­absurder erscheint die Aussicht, dass diese junge Frau ihr nächstes Jahr damit verbringen wird, mit Schärpe und Krönchen durch die hiesigen Kaufhäuser und Autosalons zu tingeln. «Doch, doch, ich freue mich sehr auf das Jahr», sagt Sallin und lacht. Wenn ihr Interviewer partout nicht die passende Kategorie für sie findet und sich in seiner Argumentation verwirrt, erheitert das Sallin besonders.

Tatsächlich war ihre Bewerbung als Miss kein kurioser Zufall, sondern geschah aus einer bewussten Geste des Protests heraus, unmittelbar nach einem harten biografischen Bruch: Diesen Mai starb Sallins Schwester Gaëlle an einem Hirntumor. Das lange Leiden der Schwester prägte Sallins Leben seit der Pubertät; viele Stunden verbrachte sie im Kinderzimmer und in den Spitälern an ihrer Seite, bis zuletzt. Sallin, die seit sechs Jahren liiert ist, entschied sich auf einem langen Spaziergang zur Bewerbung als Miss. «Eine Freundin sagte mir, ich hätte nach Gaëlles Tod zwei Optionen: entweder das Leben zu geniessen und zu testen. Oder mich auf mich selbst zurückzuziehen», erinnert sich Sallin. «Miss Schweiz werden – das war das seltsamste Ziel, an das wir beide denken konnten.»

Sallin unmittelbar nach der Wahl zur Miss. (Keystone)

Bestätigung in ihrer trotzigen Lebensbejahung findet Sallin nicht zuletzt in der Kunst. Die mexikanische Malerin Frida Kahlo etwa liebt sie sehr. «Mich beeindruckt Kahlos Selbstbewusstsein, das auch in den Details zum Ausdruck kommt. Etwa darin, dass sie ihr Damenbärtchen auf den Selbstporträts demonstrativ nicht wegretuschierte.»

Eine andere Lieblingskünstlerin ist Niki de Saint Phalle, die ihre grauenvolle, von Missbrauch gequälte Kindheit mit radikalem Gestaltungswillen überwand («Statt Terroristin zu werden, bin ich eine Terroristin der Kunst geworden», zitiert Sallin einen berühmten Satz der Künstlerin).

«Selbstporträt mit Affen»: Frida Kahlo. (Keystone)

Kahlo und Saint Phalle sind für Sallin Vorbilder im Widerspruch. «Wenn etwas für unmöglich erklärt wird, frage ich gerne: ‹Und warum genau?›» Es ist diese Lust an der Gegenrede, der den öffentlichen Auftritten der neuen Miss etwas Riskantes verleiht, die den Eklat möglich werden lässt. Die Rolle der sanften Samariterin, die der Miss Schweiz durch die Zusammenarbeit mit der Kinder-­Stiftung Corelina angetragen wird, dürfte ihr kaum genügen. «Ich lasse mich ganz grundsätzlich in keine Richtung drängen, bin keine Marionette.»

Und in jedem Moment bleibt Sallin die angehende Wissenschaftlerin, die ihr Umfeld kritisch analysiert. «Ich interessiere mich sehr für die ästhetischen Codes, die Art und Weise also, wie Ideologien und Meinungen symbolisiert werden.»

Nach solchen Codes sucht Sallin im kommenden Jahr, wenn sie ihr Studium aussetzt, nicht in Kahlo-Bildern oder antiken Vasen, sondern während Fotoshootings, bei Interviews und in der Garderobe. Vielleicht ist das die Botschaft dieser interessanten Miss: Wer genau beobachtet, kann nie zum blossen Objekt werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 01.12.2015, 18:03 Uhr)

Video

Das Video zur Kandidatur. (Youtube)

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