Stilpapst mogelt sich in Top-100-Liste

Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 26.07.2010

Der «Wallpaper»-Gründer Tyler Brûlé wollte unbedingt auch auf die Liste der 100 wichtigsten Medienpersönlichkeiten der britischen Tageszeitung «Guardian». Und manipulierte dafür kurzerhand eine Online-Umfrage.

Schöngeist: Tyler Brûlé.

Schöngeist: Tyler Brûlé.

Alljährlich veröffentlicht die englische Tageszeitung «The Guardian» ihre Top-100-Liste der wichtigsten Medien-Persönlichkeiten aus Fernsehen, Radio, Zeitungen, Magazinen und Werbung. Und weil man beim «Guardian» schon richtig im Zeitalter des Online-Journalismus angekommen ist und die Meinung der Leser nicht gering schätzen will, rief die Zeitung die Leserschaft zur Mitsprache auf. In einem Poll sollten sie bestimmen, welche Persönlichkeit auf ihrer Liste allenfalls vergessen gegangen sei. Bis kurz vor Abschluss der digitalen Abstimmung schien der Fal klar: Vorne lag Regisseur und Produzent Steven Moffat, der für die Serie «Dr Who» schreibt. Doch dann preschte kurz vor Schluss aus den hinteren Reihen plötzlich ein anderer vor: Innerhalb einer halben Stunde wurden 160 Stimmen für den Wallpaper-Gründer und «Monocle»-Chefredaktor Tyler Brûlé abgegeben, der unter anderem auch das Logo für die Fluggesellschaft «Swiss» designt hat. Damit gewann Brûlé die Abstimmung.

Brûlé weiss von nichts

Den Redaktoren des «Guardian» kam dieser plötzliche Endspurt verdächtig vor. Sie liessen zurückverfolgen, woher die vielen Stimmen für Brûlé in letzter Sekunde gekommen waren und entdeckten, dass alle 160 Stimmen von einer einzigen IP-Adresse abgegeben worden waren. Weniger erstaunt war man, dass hinter der Adresse Brûlés Büro «Winkreative» in London steckte.

Beschiss? Davon wollte Brûlé nichts wissen. Er habe nicht einmal gewusst, dass es eine derartige Abstimmung gegeben habe, sagte er dem «Guardian». Wohl aber seien seine 86 Angestellten äusserst loyal - sie hätten in Eigenregie für ihn abgestimmt, sagte Brûlé weiter.

Nun fragt man sich beim «Guardian», ob das rechtens ist, ob man Brûlé disqualifizieren soll – oder ob man diese Fragen erneut dem Publikum vorlegen soll. Wir meinen: Brûlé scheint immerhin begriffen zu haben, wie einfach sich Medien im digitalen Zeitalter manipulieren lassen. Damit hat er den 101. Platz verdient. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.07.2010, 14:43 Uhr

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