Kultur

Zensierter Text: Die Türkei ringt noch immer mit sich selbst

Von Kai Strittmatter. Aktualisiert am 31.10.2008 82 Kommentare

Den folgenden Text verfasste TA-Korrespondent Kai Strittmatter für das Programmheft des Schweizer Festivals «Culturescapes Türkei». Er durfte dort nicht erscheinen.

Wie geht das eigentlich? Den Anschluss an die Moderne finden, wenn man im hintersten Anatolien sitzt? Als Künstler noch dazu. Der Autor und Videokünstler Sener Özmen hat darüber einen schönen kleinen Film gemacht. Da sieht man einen hageren Grossen und einen kleinen Dicken auf zwei Eseln schweigsam durchs kurdische Gebirge klettern, den Blick unbeirrt nach vorne gerichtet. Nach einem guten Stück staubigen Wegs treffen sie schliesslich einen Einheimischen. «Bruder», fragt der Grosse: «Wo bitte gehts denn hier zur‹Tate Modern›?» Der Passant zögert keinen Augenblick, deutet hinter die Bergkuppe: «Da lang, Freunde, immer da lang.» Und so ziehen sie weiter, Don Quijote und Sancho Pansa aus Kurdistan, hin zur Welt.

Sener Özmen selbst ist da schon angekommen. Seine Videokunst wurde auf internationalen Festivals gezeigt, die Stadt München machte ihn zum Stadtschreiber, und die Amerikaner buhten ihn aus, als er als Supermann verkleidet sein rotes Cape abnahm - und als Gebetsteppich vor sich ausrollte. Schlecht ist so viel Anerkennung nicht für einen Künstler aus der Türkei. Dabei stammt Özmen nicht einmal aus Istanbul und nicht aus Ankara - er kommt aus Diyarbakir, einem Ort im äussersten Südosten des Landes, wo in der Wahrnehmung vieler Türken bislang vornehmlich fliegende Händler, Schuhputzer und PKK-Terroristen herkamen. Özmen ist Kurde. Er lebt noch heute in seiner Heimatstadt Diyarbakir. Dass einer wie Özmen sich dennoch einen Namen macht, in Istanbul wie in München, liegt erstens daran, dass die Türkei ihr Hinterland entdeckt. Und zweitens, dass sie langsam, ganz langsam beginnt, sich selbst zu erkennen.

Einheit als Staatsräson der Türkei

Das ist nicht ganz einfach, denn Tabus und Propaganda haben vor Jahrzehnten einen bleiernen Mantel über das künstlerische und intellektuelle Leben der Türkei gebreitet, von dem das Land sich erst seit ein paar Jahren und nur unter grossen Mühen zu befreien sucht. Denker und Künstler fallen nun einmal aus allen Rollen, für solche Leute war lange kein Platz in einem Land, in dem man glaubte, ein jeder Bürger habe die ihm von Republikgründer Atatürk zugedachte Schablone auszufüllen: «Wie glücklich der, der sich Türke nennen darf.» Aber bitte nur Türke! Nicht Tscherkesse, nicht Laze und schon gar nicht Kurde. Und bitte nur Muslim. Wenn du Christ oder Jude warst, bliebst du am besten stumm. Und als Muslim bitte nur Sunni. Du warst Alewit? Glaubtest an die Lehren der Sufis? Dann gab es dich offiziell nicht. Einheit war die Staatsräson der Türkei. Eine gewaltsam erpresste, staubtrockene, öde Einheit, in der das Individuelle, die Unterschiede verkümmerten, ja: verkümmern sollten, erkauft mit Furcht, Verfolgung und kollektivem Gedächtnisverlust. Nach dem letzten Militärputsch von 1980 galt sowieso: Wenn sie nicht Hofnarren waren, dann waren Intellektuelle und Künstler nicht nur lästig, dann waren sie gefährlich. (Der beste Künstler ist den Staatstreuen noch immer der General, der selber malt, wie Kenan Evren, der Putschist von 1980, der heute in seinem Alterssitz in Marmaris Leinwände mit Stilleben und Akten vollpinselt, die ihm reiche Geschäftsleute abkaufen.) Was für Themen für die Kunst! Wenn man ihr schliesslich einmal den Atem lässt.

Sie schnauft, die türkische Kunst, das ist die gute Nachricht, und manchmal spuckt sie sogar Feuer. Verwunderlich ist es nicht, dass sie oft die Politik zu ihrem Thema macht. «Wäre ich eine norwegische oder italienische Autorin, dann könnte ich mir ein Leben als Einzelgängerin leisten, eingesponnen in einem Kokon des Introvertierten und Apolitischen», hat die Autorin Elif Shafak einmal geschrieben: «Eine türkische Schriftstellerin hat diesen Luxus nicht.»

Die letzte Biennale in Istanbul etwa im Herbst 2007 war politisch wie selten. «Optimismus in Zeiten des Krieges», versprach sie. Das war zwar gelogen, aber trotzdem ein verdammt guter Spruch, vor allem für eine Stadt wie Istanbul, die den Besucher zwar betäubt mit ihrer Schönheit, für die Mehrheit ihrer Bürger aber nur ein unmenschlich hartes Leben übrig- hat. Da liegt dann also in einer zur Kunstbühne umfunktionierten Lagerhalle im alten Hafen ein Minarett schussbereit aufgebahrt, als wäre es eine Rakete. Unmittelbar daneben bricht die Wand auf, und in gleissender Sonne liegen da der Bosporus, dahinter die Hagia Sophia (beide echt), und für einen Moment wäre das Idyll fast perfekt, stolperte der Blick nicht mit einem Mal über das kleine Bündel Bierdosen mit Zünder am Boden - eine Bombe, unecht, hoffentlich. Und in einer Videoinstallation nebenan geben der kanadisch-armenische Regisseur Atom Egoyan und der Türke Kutlug Ataman den Opfern der Massaker an den Armeniern und ihren Nachfahren eine Stimme. Gegengift für den noch immer so zornigen wie ignoranten Nationalismus im Land.

Andere Künstler zielten auf die zerstörerischen Kräfte von Globalisierung und Neoliberalismus. Und die begeisterte Aufnahme der Biennale durch Presse und Publikum legte den Eindruck nahe, dass ein solches Projekt gerade in der noch unfertigen türkischen Demokratie Kraft entfalten kann. Weil die Leute hier «noch hungrig» sind, wie Nazen Ölcer sagt, die Direktorin des jungen Sabanci-Museums, die sich vorgenommen hat, den Türken die klassische Moderne des Westens ins Land zu holen und mit ihrer Picasso-Ausstellung monatelang für kilometerlange Staus auf der Bosporus-Uferstrasse sorgte. Kraft entfalten auch, weil hier die öffentliche Debatte als Vorspiel zu politischen Entscheidungen noch erschreckend unterentwickelt ist: Hier mauscheln Politiker sonst hinter den Kulissen, hört die Presse auf den Befehl von Industriekonzernen und steht eine allgemeine Lust an der Kakofonie dem Argument oft im Weg.

Naturgemäss findet die Politik in der Literatur ein besonderes Echo. In den Werken der erfolgreichen Schriftsteller, aber auch in ihrem Leben, und wenn es nur ist, weil ihnen am meisten Leute zuhören, wenn sie rufen. Perihan Magden zum Beispiel, die Istanbuler Schriftstellerin, jüngste Entdeckung für den deutschsprachigen Markt. Nicht, dass sie politische Literatur schriebe, nein, ihr Roman «Zwei Mädchen» ist ein Buch über lebenshungrige, verzweifelte Teenager, über die Liebe und den Tod. Aber sie ist eine durch und durch politische Person - und als solche bekannt: Ihre Kolumne in «Radikal», der Frühstückslektüre der Istanbuler Liberalen und Intellektuellen, ist nicht wenigen der Grund, diese Zeitung zu kaufen. Perihan Magden ist eine zornige Frau. Es ist kein blinder, es ist gerechter Zorn, der sie antreibt. Auf die Macht und ihre Diener. Auf die Gehirnwäscher. Die Vergewaltiger des gesunden Menschenverstandes. Die in diesem Land das Groteske zum Normalen erklären und die Normalen für verrückt. «Diese stumme Zuversicht, man könne alles Böse durch hartnäckiges Schweigen vorüberziehen lassen, habe ich nie verstanden», heisst es in ihrem ersten Roman «Botenkindermorde». Nein, dies sind noch immer Zeiten und dies ist noch immer der Ort, wo eine zum Himmel schreien muss. Aber auch kann. Wenn sie so stur und so mutig ist wie Perhan Magden. Wenn ihr all die Prozesse nichts anhaben, mit denen sie ihre Gegner überziehen: die Verleumdungsklagen, die Anklagen wegen «Entfremdung des Volkes vom Militär». Immerhin: Verurteilt wurde sie bislang nicht.

Die Zerrissenheit des Landes

Dieses Land ringt noch immer. Mit sich selbst. Die Türkei ist noch immer auf der Suche nach ihrem Wesen und ihrem Weg. Es ist ein Land, das oft mit sich selbst hadert - und in dem gerade deshalb angebliche Gewissheiten oft verbissen behauptet werden. Die Zerrissenheit des Landes macht vielen Angst. Sener Özmen zum Beispiel, der Kurde, glaubt noch immer, dass die Mehrheit der Türken die Demokratie nicht ertrügen - weil sie die Vielfalt des Landes zum Vorschein brächte. Und den Türken wird schon in der Schule eine Furcht vor dem Anderen, vor der Vielfalt, vor dem Pluralismus eingebläut.

Und so stehen sich hier gegenüber die Türken und die Kurden, die Religiösen und die vermeintlich Säkularen, die Muslime und die Christen, und es trennen sie nicht nur eine andere Herkunft und andere Lebensweisen, es trennen sie Welten. Das vor allem ist der Lackmustest für die Türkei: Ob und wie sie es schafft, ihre Vielfalt anzuerkennen und mit ihr zu leben. Entlang dieser Front werden die Kämpfe ausgefochten, die sie kämpfen: Sener Özmen, Perihan Magden oder auch Elif Shafak, die andere junge türkische Schriftstellerin, die versucht, Brücken zu schlagen. Sie beherrscht in ihren Romanen spielerisch, womit sich das Land so schwer tut: den Wechsel der Identitäten, das Ausloten des eben noch Fremden. In ihrem vorletzten Roman «Der Bastard von Istanbul» wagte sie sich an das Tabuthema der Armeniermassaker vor fast 100 Jahren - und der Roman wurde ein Bestseller. Langsam, ganz langsam kriecht dieses Land voran.

Entdeckung der eigenen Geschichte

Am Beispiel von Elif Shafak wird noch etwas anderes deutlich: Dass der mutige Schritt nach vorne, zu Selbsterkenntnis und Reflexion, hier fast immer verbunden ist mit einer Wiederentdeckung der eigenen Vergangenheit. Weil sie so lange unter dem Mantel des Schweigens begraben war. Der Musikproduzent Hasan Saltik zum Beispiel, auch er ein Kurde, der sich zum Musikarchäologen entwickelte, der mit seinem Label «Kalan»-Musik seit den 90er-Jahren die Archive und die Geschichte des Landes umpflügt, um der Türkei ihr musikalisches Gedächtnis wiederzugeben. Der dieser Nation, die nach ihrer Geburt nur noch Türken kennen wollte, wieder ins Gedächtnis ruft, dass sie auch Tscherkessen und Georgier, Armenier und Lazen Heimat ist. Anfangs kamen die Kartons mit den CDs, die er in den Südosten schickte, manchmal noch von einer Salve Kugeln zersiebt zurück, weil den kontrollierenden Soldaten die kurdische Volksmusik suspekt erschien. Heute ist Saltik einer der erfolgreichsten Produzenten des Landes.

Die Autorin Elif Shafak hat für sich den Sufismus entdeckt, jene mystische Strömung des Islam, die den Gläubigen auf eine intime Reise zu Gott schickt. Sufibrüderschaften sind heute offiziell noch immer verboten wie seit den Zeiten Atatürks, aber das hält viele Türken nicht davon ab, den Sufismus neu zu entdecken, oft in modernem Gewande. Für Shafak ist das ein Zeichen dafür, dass ihr Land reifer geworden ist: «Wir lernen mehr und mehr zu sagen: Wir sind eine westliche Gesellschaft. Selbst wenn die EU uns nicht will. Wir sind verankert in der westlichen Welt. Gleichzeitig haben wir islamische Elemente. Gut für uns. Östliche Elemente. Gut für uns. Es ist wichtig, die Vielfalt zu akzeptieren. Sich ihrer nicht zu schämen. Je mehr man das tut, umso sicherer wird man seiner selbst, umso entspannter - und umso mehr interessiert man sich auch wieder für Dinge wie den Sufismus.» Der Staat ist entspannter geworden, das stimmt. Es laufen aber immer noch genug Indoktrinierte, genug Verrückte herum. Seit Elif Shafak Morddrohungen bekommt, verliert sie kein Wort mehr über Politik. Und Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk ist nicht der einzige Schreiber, der Leibwächter braucht, wenn er in Istanbul spazieren möchte, nur weil er einmal auf die Leiden der Armenier und der Kurden hingewiesen hat.

Grosse Fortschritte gemacht

Der populäre Musiker Mercan Dede ist ein anderer, der sich dem Sufismus verschrieben hat. Ein Musiker mit Dornenfrisur und gewaltigem Ohrring, der die Rohrflöte Ney mit elektronischen Klängen unterlegt. Einer, der unter dem Namen Arkin Allen auch als Techno-DJ auftritt. Mercan Dede hat vor einigen Jahren auf der Bühne erstmals Frauen den Tanz der Derwische tanzen lassen, und er tritt demonstrativ gemeinsam mit kurdischen Musikern wie der Sängerin Aynur auf. «Ich will Dinge verändern», sagt Mercan Dede. Politisch meint er das. Grosse Fortschritte habe die Türkei gemacht in Richtung Demokratie. «Schwulenklubs in Istanbul! Undenkbar noch vor ein paar Jahren.»

Ausgemerzt aber sind die alten Übel noch nicht, nicht die Unterdrückung von Frauen, nicht die Ausgrenzung eines jeden, der anders ist. «Wir sehen uns einem mächtigen und unglücklicherweise grässlich programmierten System gegenüber», sagt Mercan Dede. Aber Mercan Dede hat das, was manche Gottvertrauen nennen würden: «Ich bin wie ein Hacker, der nun Viren schafft, die das Programm lahmlegen. Alles, was du brauchst, ist ein Funken. Eine Ney, eine Rohrflöte.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.10.2008, 07:55 Uhr

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82 Kommentare

Was denn

31.10.2008, 08:27 Uhr
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Zu erst die hohle Hand machen und dann erstaunt sein, dass die Geldgeber am Programm mitschrauben? Mein Gott seid Ihr naiv! Antworten


hab es immer gewuss

31.10.2008, 08:28 Uhr
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jedes land kann mit der schweiz machen was es will. beleidigen, kohle fordern oder sonstige wünsche anbringen. unsere bundesräte sind unfähig auf solche intervetnionen klar und deutlich zu reagieren. was wäre wenn die ch die türkei so behandeln würde? aber eben hier stehen moscheen an zum bauen, das volk muss schweigen oder hat dazu nichts zu sagen. danke ihr seid alles halbe br. Antworten