Unser Carlsen?

Die Schweiz hat mit Noël Studer einen neuen Schach-Grossmeister.

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Die Abenteuer des Kung-Fu-Kämpfers, die Kontemplation eines Mönchs, des Handwerkers prächtige Büez: Viele Wege führen zur Meisterschaft.

Schachspieler sammeln dafür Punkte. Noël Studer hat diese Woche an einem Turnier in Karlsruhe sogenannte Elo-Punkte gesammelt – je stärker der Gegner ist, desto mehr Elo-Punkte sind zu erbeuten. Studers Konto stieg nach dem Turnier auf über 2500 Punkte an. Seitdem darf er sich «Grossmeister» nennen. Ein solcher Aufstieg in die Elite des Schachs gelang vor ihm nur drei anderen gebürtigen Schweizern. Und Studer gelang er früher als den anderen, der Berner ist erst 20 Jahre alt. Er ist damit die grosse Hoffnung der Schach-Schweiz, die 1983 bedeutungslos geworden war, nachdem der Wahl-Schweizer Viktor Kortschnoi sein letztes grosses Spiel gegen Garry Kasparow verloren hatte.

Doch Studer gibt sich im Gespräch zurückhaltend. Nein, Weltmeister werde er wohl nicht mehr. «Ich bin eher spät dran.» Tatsächlich wurde der aktuelle Weltmeister, Magnus Carlsen, schon mit 13 Jahren Grossmeister; in Studers Alter stand der Norweger an der Spitze der Weltrangliste. «Es ist auch eine Geldfrage», sagt Studer. Der Werbemarkt liebt Wunderkinder, die mit mozarthafter Leichtigkeit gewinnen. Studer: «Das frühe Sponsoring ermöglichte Carlsen als Teenager mit Sekundanten und den besten Coaches zu arbeiten.»

Kasparow-Assistent verpflichtet

Der Sohn einer Apothekerin und eines Staatsanwalts setzt seit der Matura voll aufs Schach, kann aber als Profi nur knapp überleben. Er wohnt noch bei seinen Eltern, bald will er erste Sponsoren präsentieren. Immerhin konnte er bereits Iossif Dorfman als Trainer verpflichten, einen früheren Kasparow-Assistenten. Dorfman will Studer die Bissigkeit eines Kasparow näherbringen. «Früher erschien mir jeder geopferte Bauer als schwerer Verlust», sagt Studer. «Nun versuche ich, angriffiger und vielfältiger zu spielen. So bin ich für meine Gegner weniger leicht berechenbar.» Auch wegen dieser neuen Angriffigkeit spielte Studer in Karlsruhe unentschieden gegen den Amerikaner Gata Kamsky, früher die Nummer vier der Welt. Allerdings: Magnus Carlsen würde er nur besiegen, wenn der Weltmeister einen schlechten Tag einziehen würde, so Studer selber. «Klar träume ich davon, ihn aus eigener Kraft zu schlagen, aber das ist derzeit kein Thema.»

Morgen Abend will er erst einmal den neuen Titel feiern, mit Freunden in der Stadt Bern. «Ich habe aber ganz ehrlich keine Ahnung mehr, welche Clubs gerade angesagt sind», sagt Studer. «Und meine Tanz-Moves sind in letzter Zeit etwas eingerostet.» Es wird eine kurze Pause, bevor sich Grossmeister Studer wieder übers karierte Brett beugt, um weitere Elo-Punkte zu sammeln. Die 2650-Punkte-Grenze ist sein nächstes grosses Ziel. Damit würde er zu den 100 besten Schachspielern der Welt gehören. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.04.2017, 17:10 Uhr

Noël Studer (20) ist der Schweizer Meister im Schach, Fünfter der Junioren-WM 2014 und neuerdings Grossmeister. (Bild: zVg)

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