Kultur

«Für die meisten war die Musik nur ein fernes Brummen»

Von Florian Keller. Aktualisiert am 11.08.2009

In Woodstock gewesen zu sein, heisst noch nicht, die Konzerte gehört zu haben: Drehbuchautor James Schamus über «Taking Woodstock» und seinen Regisseur Ang Lee.

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Drehbuchautor James Schamus: «Man hing irgendwo im Schlamm herum, hatte Sex oder war auf einem Trip». In Woodstock fiel es 1969 leicht, die Konzerte zu verpassen.
Bild: Keystone

   
James Schamus

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Info

«Taking Woodstock» startet am 3. September in den Schweizer Kinos. Vorpremiere in Zürich: Mi, 12. 8., 21.15 Uhr, Xenix-Openair.

Elliot Tibers Erinnerungen an Woodstock, die Schamus’ Drehbuch zugrunde liegen, erscheinen ebenfalls unter dem Titel «Taking Woodstock» im September (Edel-Verlag).

Es gibt eine dramaturgische Lücke in Ihrem Woodstock-Film: Die Konzerte bleiben vollständig ausgespart. Warum?
Es gibt darauf eine prätentiöse und eine prosaische Antwort. Die prosaische lautet: Das entspricht nun mal der Erfahrung von Elliot Tiber, auf der mein Drehbuch beruht. Elliot war der Junge, der Woodstock überhaupt erst möglich gemacht hatte, er war mittendrin – aber von den Konzerten hat er praktisch nichts mitbekommen. Das gilt für den Grossteil der Leute, die dabei waren: Für sie war die Musik nur ein leises Brummen in der Ferne. Man hing irgendwo im Schlamm herum, hatte Sex oder war gerade auf einem Trip. Im Film kommen trotzdem über zwanzig Originalsongs vor. Aber sie liefern bloss den klimatischen Hintergrund für den Film. Die Musik ist das Wetter, wenn Sie so wollen.

Und die prätentiöse Antwort?
Als ich am Drehbuch arbeitete, las ich wie besessen literaturwissenschaftliche Texte über Tolstoj und Dostojewski. Tolstoj hasst Geschichte. Er hält die ganze Geschichtsschreibung für einen Betrug, weil die Historiker seiner Zeit nur die grossen Ereignisse im Auge hatten. Tolstoj hat erkannt, dass sich Geschichte in Wahrheit aus einer Unzahl von Mikroereignissen zusammensetzt. Wir beschränken uns auf die grossen Ereignisse, weil sie uns das trügerische Gefühl geben, wir könnten so den Lauf der Geschichte begreifen und kontrollieren. Das verstärkt sich durch die neuen Medien: Unsere Technologien zur Speicherung kollektiver Erinnerungen sind so weit entwickelt, dass wir glauben, wir könnten jederzeit alles Vergangene vergegenwärtigen.

Wie Woodstock, das sehr gut dokumentiert ist.
Genau. Vor allem in den USA waren deshalb viele Kritiker empört, dass wir ihnen das Konzert vorenthalten. Dabei war genau das die Absicht: Wir wollten der Versuchung widerstehen, diese grandiose Woche auf einen einfachen Nenner zu bringen. Es ging uns darum, die Mikroereignisse hinter dem grossen Ereignis zu zeigen. Wir wollten keine abgerundete, schlüssige Chronik zum Mythos Woodstock liefern.

Ang Lee sagt, «Taking Woodstock» sei ein Film über die Unschuld, die nur wenige Monate später, beim Konzert der Rolling Stones in Altamont, in einer Messerstecherei geopfert wurde. Sehen Sie das auch so?
Für viele ist Woodstock immer noch der unschuldige Höhepunkt der Sixties. Aber machen wir uns nichts vor: Im August 1969 soll alles noch gut und rein gewesen sein, und im Dezember 1969 in Altamont war plötzlich Schluss damit? Die Wahrheit ist eher, dass wir diese Unschuld nachträglich konstruiert haben, weil wir uns gerne daran erinnern. Bei den Recherchen habe ich mir nochmals «Gimme Shelter» angesehen, diesen grossartigen Film über Altamont. Da sah ich Michael Lang, einen der Organisatoren von Woodstock, auf der Bühne. Ein paar Monate nach Woodstock war er Produktionsleiter in Altamont! Daran sieht man, dass Altamont nicht direkt im Widerspruch zu Woodstock steht. Beide sind zwei Seiten derselben Medaille.

Woodstock liegt vierzig Jahre zurück. Ist es heute wichtig, die Erinnerung daran mit einem Film aufzufrischen?
Es war sicher der richtige Zeitpunkt für Ang Lee – nach all den deprimierenden Filmen, die wir zusammen gedreht hatten. Es war eine einzige, verdammte Midlife-Crisis! Anfangs dachte ich: Das dauert zwei Jahre, dann kauft er sich ein schnelles Auto, und es ist überstanden. Aber es hörte nicht auf, und es wurden sechs depressive Filme in Serie. Wir fanden beide, dass ihm ein Stimmungswechsel gut täte.

Seit 1992 und seinem Erstling «Pushing Hands» haben Sie jeden Film von Ang Lee als Produzent begleitet, und zu fast allen haben Sie auch das Drehbuch geschrieben. Erinnern Sie sich noch, wie Sie damals zueinander gefunden haben?
Das werde ich nie vergessen. Ang hatte an der New York University einen tollen Kurzfilm gedreht, der meinen damaligen Geschäftspartner Ted Hope schwer beeindruckte. Der Agent, der ihn betreute, hatte Ang jedoch als Regisseur für irgendeine grosse Kiste mit Julia Roberts vorgesehen. Eines Tages klopfte Ang bei uns im Büro an. Er hatte 330'000 Dollar von der Filmförderung in Taiwan, aber um seinen Erstling «Pushing Hands» drehen zu können, brauchte er 700'000. Wir sagten: Das kriegen wir zusammen. Es gab dann ein Pitch-Meeting, bei dem Ang seinen Film vorstellte. Sie wissen ja, wie das in Hollywood läuft: «Der Bus muss immer mindestens 50 Meilen pro Stunde fahren, sonst fliegt er in die Luft!» Das ist ein typischer Pitch.

Und Ang Lee?
Er war extrem schüchtern, sein Englisch war miserabel, und er war nach einer halben Stunde immer noch nicht fertig: «Und dann geht sie in die Küche. Und sie sieht, dass er die Mikrowelle benutzt hat.» Es war die reinste Tortur, der schlechteste Pitch aller Zeiten!

Was passierte dann?
Ted Hope und ich waren zuerst völlig konsterniert. Aber das Verrückte an der Sache war: Das war zwar kein Pitch. Aber in seinem Kopf hatte er den Film schon abgedreht. Er hatte uns einen fertigen Film präsentiert!

Seither bilden Sie und Ang Lee eines der erfolgreichsten Teams im Autorenfilm der Gegenwart. Was ist das Geheimnis?
In vielen Dingen funktionieren wir wie eine Ehe. Wenn Ang mir seine neuen Jeans zeigt und von mir wissen will, ob er dicker wirkt darin, dann ist das eine existenzielle Frage. Sage ich Ja oder Nein? Das sind die Fragen, die über das Schicksal einer Beziehung entscheiden – und es gibt darauf keine richtige Antwort. Als Produzent muss ich jene Antwort finden, die dazu führt, dass er seine Kreativität voll ausschöpfen kann. Mit den Jahren habe ich gelernt, wann ich energisch eingreifen muss und wann ich ihn besser machen lasse. Manchmal sage ich: Sorry, ich habe hier eine Mauer gebaut, da kannst du jetzt nicht durch. Oder: Keine Sorge, das sieht zwar aus wie eine Mauer, aber du kannst sie ignorieren und einfach hindurchgehen.

Was ist das Geheimnis von Ang Lee? Wir staunen, wie leicht er sich die unterschiedlichsten Genres zu eigen macht . . .
Ang ist ein echter Handwerker, in diesem ehrwürdigen, altmodischen Sinn. Natürlich ist er in seinem Innersten genauso pervers, krank und kaputt wie, sagen wir, Lars von Trier – ein anderer meiner Lieblingsregisseure. Aber als Filmemacher funktioniert er wie ein Handwerker, der frühmorgens aufsteht und zur Arbeit geht. Sie wissen ja, wie detailversessen er ist. Ang sieht sogar, wenn 300 Meter entfernt ein Statist einen falschen Gürtel trägt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.08.2009, 07:44 Uhr


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