Alles für den Film, nichts fürs Marketing
Von Christoph Schneider, Locarno. Aktualisiert am 06.08.2009
Das Tessiner Klima hat seine Schuldigkeit getan. Aus einem heissen Tag war milder Abend geworden. Die Rituale einer Festivaleröffnung auf der Piazza Grande in Locarno - dem traditionell immer mindestens einmal sogenannten «schönsten Freiluftkino der Welt» - nahmen ihren ungefährdeten Verlauf. Der amerikanische Eröffnungsfilm, eine zum Wetter passende Sommerkomödie, worin es allerdings gefühlsmässig heftig gewitterte, hiess «(500) Days of Summer», und er war sogar recht gut. Obwohl sich in der Auswahl auch schon andeutete, dass das Filmfestival Locarno wie jedes Jahr nehmen musste, was es bekam.
Es handelte sich beim Film von Marc Webb um eine zeitgemässe Liebesgeschichte in trockenem Ton eines seltsam zuversichtlichen Beziehungspessimismus. Zwei - Tom (Joseph Gordon-Levitt) und die reizende Summer (Zooey Deschanel) - kamen in 500 Tagen zwar nicht so recht zusammen, aber jeder Topf fand doch seinen Deckel, und ohnehin war der Weg das Ziel. Die Erzählung schien bewusst sprunghaft und dramaturgisch etwas geschmäcklerisch im Hin und Her der Emotionen. Im Sichverlieben war die Möglichkeit eines «Sichverhassens» immer gleich offensichtlich, und im Liebesrausch ahnte man sofort den Kater danach. Aber in seinem unsentimentalen, glänzend geschriebenen Witz, der auch den Postkartenkitsch der Popkultur aufs Korn nahm, war es dennoch ein sehr vergnüglicher Film.
Ein Festival der Freiheit
Da konnte Marco Solari, der Festivalpräsident, sich also freuen über einen gelungenen Auftakt. Zuvor, an der offiziellen Eröffnung, hatten er und Frédéric Maire, der scheidende Künstlerische Direktor, den historischen und aktuellen Geist jenes Locarno beschworen, das auf die «rebellische» Präsenz seiner Filme setzt und nicht auf die Anwesenheit von Stars. Vom Festival der Autoren war die Rede. Auch das hat hier Tradition und ist eine Aufforderung zur kulturpolitischen Treue. Sie erging - sozusagen in Dank eingewickelt - an die Adresse der privaten Sponsoren und der öffentlichen Hand: als Mahnung, nicht der Verlockung des glamourösen «Marketings» nachzugeben, das nur so tue, als ginge es ihm um die Filmkunst.
Leidenschaft war zu spüren für «dieses Festival der Freiheit» (Marco Solari). Der Ton blieb aber freundlich. Das könnte an der harmonisierenden Wirkung von Fredi M. Murers Spielfilm «Vitus» gelegen haben. Zum 100-Jahr-Jubiläum der Filmmusik und als «besonderen Aperitif» (Frédéric Maire) hatte das Festival eine Vorführung organisiert, die überging in ein Livekonzert des Orchesters der italienischen Schweiz und des jungen Pianisten Theo Gheorghiu, Hauptdarsteller in Murers Film. Ein stark beklatschter Event. Ein wenig tätige Rebellion übte hingegen das in seiner Existenz gefährdete Orchester: Es sammelte Unterschriften gegen seine drohende Abschaffung. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.08.2009, 09:38 Uhr
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