Kultur

«Als Direktor muss man hart und nett sein»

Von Florian Keller. Aktualisiert am 31.07.2009

Frédéric Maire verabschiedet sich nach nur vier Jahren vom Filmfestival in Locarno. Vor seinem Rücktritt spricht er über jammernde Regisseure und seine grössten Fehler als Direktor.

Tritt schon wieder ab: Frédéric Maire.

Tritt schon wieder ab: Frédéric Maire.

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Das Programm

Mittwoch, 5. 8.

(500) Days of Summer Verspielte US-Komödie über einen unglücklich verliebten Glückwunschkartenschreiber. Mit Joseph Gordon-Levitt und Zooey Deschanel. Songs von The Smiths, Carla Bruni und Regina Spektor. 21.30 Uhr.

La guerre des fils de la lumière contre les fils des ténèbres von Amos Gitai (Weltpremiere). Filmversion eines Bühnenstücks nach Berichten des Historikers Flavius Josephus. Mit Jeanne Moreau, ca. 23.30 Uhr.

Donnerstag, 6. 8.

Unter Bauern (Weltpremiere). Drama über eine jüdische Familie, die auf der Flucht vor den Nazis von Bauern versteckt wird. Nach dem Erlebnisbericht «Retter in der Nacht», mit Veronica Ferres und Armin Rohde. 21.30 Uhr.

Pom Poko Japanischer Trickfilm über eine Horde von Marderhunden, die sich gegen ihre Vertreibung aus einem Naturschutzgebiet wehrt. Anime-Klassiker aus dem Studio Ghibli, läuft im Rahmen der Retrospektive «Manga Impact», ca. 23.30 Uhr.

Freitag, 7.  8.

My Sister’s Keeper US-Familiendrama über ein Mädchen, das mit einer Organspende seine todkranke Schwester retten soll. Mit Cameron Diaz und Alec Baldwin, in der Hauptrolle Abigail Breslin («Little Miss Sunshine»). 21.30 Uhr.

Le conseguenze dell–amore von Paolo Sorrentino. Ein Mann lebt freudlos und unauffällig in einem Hotel in Lugano – bis seine Vergangenheit ihn einholt. Anlässlich des Excellence Awards für den italienischen Schauspieler Toni Servillo, ca. 23.30 Uhr.

Samstag, 8. 8.

Giulias Verschwinden (Weltpremiere). Melancholische Komödie übers Älterwerden, gedreht von Christoph Schaub («Jeune homme») nach einem Drehbuch von Erfolgsautor Martin Suter. Mit Bruno Ganz und Corinna Harfouch. 21.30 Uhr.

Sounds and Silence (Weltpremiere), Musikfilm von Norbert Wiedmer und Peter Guyer. Die Filmer begleiten Manfred Eicher, den Gründer des Musiklabels ECM, bei Aufnahmen rund um die Welt und zeigen Musiker wie Arvo Pärt, Jan Garbarek oder Marilyn Mazur bei der Arbeit, ca. 23.30 Uhr.

Sonntag, 9. 8.

Les derniers jours du monde (Weltpremiere). Romantisches Drama vor Endzeit-Kulissen: Bond-Bösewicht Mathieu Amalric sucht nach seiner grossen Liebe, während um ihn herum die Welt kollabiert. 21.30 Uhr.

Montag, 10. 8.

Manga-Night Start mit dem Roboter-Anime «Mobile Suit Gundam I» (1981), danach Weltpremiere von «First Squad: The Moment of Truth» über eine sowjetische Jugendarmee, die mit Superkräften gegen die Nazis kämpft. Anschliessend Gratis-Nocturne mit dem Klassiker «Akira». Ab 21.30 Uhr.

Dienstag, 11. 8.

Petit Indi (Weltpremiere). Spanischer Film über einen Jugendlichen, der seine Mutter aus dem Gefängnis holen will und das nötige Geld bei einem Wettbewerb für Singvögel gewinnen will. Mit Eduardo Noriega und Sergi Lopez. 21.30 Uhr.

Mittwoch, 12. 8.

La valle delle ombre (Weltpremiere). Magie und Aberglauben zum Abschluss des Schweizer Tags: Finsterer Mystery-Thriller über ein abgelegenes Bergdorf, auf dem ein böser Fluch zu lasten scheint. Gedreht in den Tessiner Bergen. 21.30 Uhr.

Donnerstag, 13. 8.

Same Same but Different (Weltpremiere). Im neuen Film von Detlev Buck verliebt sich David Kross («The Reader») auf einem Asientrip in ein kambodschanisches Barmädchen (Bild). Mit Anatole Taubman in einer Nebenrolle als Hotelmanager. 21.30 Uhr

Passion von Jean-Luc Godard. Mit Isabelle Huppert, Hanna Schygulla und Michel Piccoli. Anlässlich des Rezzonico-Preises für die französische Produzentin Martine Marignac, ca. 23.30 Uhr.

Freitag, 14. 8.

To Live and Die in L.A. Thriller von William Friedkin. Ein Cop jagt den Verbrecher, der den Tod seines Partners auf dem Gewissen hat. Anlässlich des Ehrenleoparden für Regisseur Friedkin («The Exorcist»). 21.30 Uhr.

Redline Rasanter japanischer Action-Anime über das angeblich härteste und schnellste Autorennen im Universum. Weltpremiere im Rahmen von «Manga Impact!», ca. 23.30 Uhr.

Samstag. 15. 8.

The Two Horses of Ghengis Khan (Weltpremiere). Im neuen Film der Regisseurin der «Geschichte vom weinenden Kamel» reist eine Sängerin durch die Mongolei, um die verlorenen Strophen eines Volkslieds zu suchen. 21.30 Uhr.

Nach nur vier Jahren geben Sie die künstlerische Leitung in Locarno ab und wechseln als Direktor an die Cinémathèque Suisse in Lausanne. Fürchten Sie, dass Ihre Ära in Locarno lediglich als Übergangsphase in Erinnerung bleiben wird?
Ich glaube nicht. Natürlich: Vier Jahre sind ein bisschen kurz. Und ich habe anfangs gesagt, dass ich diesen Job gerne fünf bis sechs Jahre machen würde. Aber die Ansprüche steigen mit jedem Jahr, und es ist wichtig für das Festival in Locarno, dass es jung bleibt. Vergessen Sie nicht: Marco Müller und David Streiff waren beide noch nicht 40, als sie das Festival übernahmen. Bei meinem Nachfolger Olivier Père wird das auch wieder so sein, er ist 37. Ich bin jetzt 47, ich bin schon alt für Locarno.

Sind Sie erleichtert, nach dem hektischen Leben als Leiter eines internationalen Filmfestivals an der Cinémathèque wieder sesshaft zu werden?
Erleichtert würde ich nicht sagen. Aber ich freue mich auch auf mein neues Abenteuer in Lausanne. Der deutsche Name «Filmarchiv» ist ja leicht irreführend: Eine Cinémathèque darf sich heute nicht auf ihre Rolle als Archiv beschränken. Sie muss sich auch aktiv im Bereich des zeitgenössischen Arthouse-Films bewähren – als eine Art ganzjähriges Filmfestival.

Locarno, so haben Sie immer wieder betont, müsse ein Festival für Entdeckungen sein. Was wären die grossen Talente, die unter Ihrer Leitung hier entdeckt wurden?
Es ist noch zu früh, das zu sagen. Aber Enrique Rivera zum Beispiel, der Gewinner des Goldenen Leoparden vor einem Jahr, hat seinen Siegerfilm «Parque vía» in Locarno bei einem renommierten Weltvertrieb unterbringen können, und er wird jetzt regelrecht umworben für seinen zweiten Film. Oder denken Sie an den Rumänen Adrian Sitaru, der vor zwei Jahren den Goldenen Leoparden für den besten Kurzfilm gewonnen hat. Im Jahr darauf wurde er mit seinem ersten Langfilm «Picnic» bereits nach Venedig eingeladen. Aber wie gesagt: Erst die Zeit wird zeigen, ob diese Regisseure so gross werden wie vor ihnen Abbas Kiarostami oder Chen Kaige, die auch als Unbekannte nach Locarno gekommen waren.

Stichwort Piazza Grande: Stark war Ihr erstes Jahr, als Sie mit so unterschiedlichen Publikumsfilmen wie «Little Miss Sunshine», «Das Leben der anderen» oder «Die Herbstzeitlosen» auftrumpften. Seither hatten Sie keine so glückliche Hand mehr.
Ich mache die Filme ja nicht selbst. Ich muss aus dem auswählen, die ich zu sehen bekomme. Ein grosser kleiner Film wie «Little Miss Sunshine» ist ein Glücksfall. So etwas findet man vielleicht alle paar Jahre. In Sundance, wo «Little Miss Sunshine» damals entdeckt wurde, waren zuletzt kaum mehr herausragende Filme zu sehen – das war auch eine Folge des Autorenstreiks. Sundance war richtig deprimierend in den letzten Jahren. Eine der wenigen Ausnahmen war unser diesjähriger Eröffnungsfilm «(500) Days of Summer». Dazu kommt, dass grosse Hollywood-Filme wie «Public Enemies» heute öfter mitten im Sommer lanciert werden, was bedeutet, dass sie zu früh im Kino laufen, um für Locarno infrage zu kommen.

Nach Irene Bignardi haben Sie die Zahl der gezeigten Filme deutlich reduziert – was dringend nötig war. Dafür haben Sie die Allerwelts-Sektion «Ici et ailleurs» geschaffen, von der bis heute niemand weiss, wofür sie eigentlich stehen soll. Wollen Sie einen letzten Erklärungsversuch wagen?
Diese Sektion umfasst genau das, was ihr Titel sagt: «Hier und anderswo». Das sind Filme, die Debatten provozieren, auch wenn sie in ästhetischer Hinsicht vielleicht eher konventionell und nicht besonders innovativ sind. Dieses Jahr läuft dort ein sehr interessanter belgischer Dokumentarfilm namens «Les arbitres» oder auf Englisch «Kill the Referee». Der Film schildert die Euro 08 aus der Perspektive der Schiedsrichter, von denen wir viele auch zur Premiere in Locarno erwarten. Das Publikum mag nicht immer nur radikale Filme sehen, wie wir sie in den beiden Wettbewerben zeigen.

Wenn Sie auf Ihre Amtszeit zurückblicken: Was war Ihr grösster Fehler?
Ich würde diese Frage lieber erst nach meinem letzten Festival beantworten. Wer weiss, vielleicht habe ich meinen grössten Fehler erst noch vor mir (lacht). Aber klar, die Affäre um Barbara Albert . . .

. . . die sich vor drei Jahren aus der Wettbewerbsjury zurückziehen musste, nachdem publik wurde, dass sie beim späteren Siegerfilm «Das Fräulein» in der Drehbuchphase mitgewirkt hatte . . .
Ja, wir haben damals die Situation falsch eingeschätzt. Es war auch ein Fehler, als ich im gleichen Jahr meinen Zusammenbruch hatte auf der Bühne der Piazza. Ich hätte meine Kräfte besser einteilen und kein Tiramisù in der Sonne essen sollen. Vor allem aber habe ich in den letzten vier Jahren gelernt, wann es sich lohnt, um einen Film zu kämpfen – und wann ich zuwarten kann, weil ich vielleicht noch einen besseren finde. Ein aktuelles Beispiel: Ein Regisseur hat mit seinem Film auf eine Einladung nach Venedig spekuliert. Weil er die Selektion dort nicht geschafft hat, kam er nun reumütig zu mir und bettelte um eine Einladung nach Locarno. Da musste ich ihm sagen: Tut mir leid, du hast aufs falsche Pferd gesetzt.

Wo sehen Sie Ihren grössten Erfolg?
(Denkt lange nach.) Meine Antwort kommt Ihnen vielleicht merkwürdig vor: Der grösste Erfolg muss erst noch folgen. Wenn einer der jungen, unbekannten Regisseure, die wir in den letzten vier Jahren in Locarno entdeckt haben, dereinst in Cannes die Goldene Palme oder in Venedig den Goldenen Löwen gewinnt und sich als Filmemacher vom Kaliber eines Godard, Kiarostami oder Stephen Frears erweist – dann wäre das für mich persönlich das schönste Erfolgserlebnis.

Wenn Sie nun Ihrem Nachfolger Olivier Père einen Ratschlag mit auf den Weg geben könnten: Was braucht es, um sich als künstlerischer Direktor in Locarno zu behaupten?
Man braucht zwei Eigenschaften, die sich gegenseitig widersprechen. Erstens darf man kein Mitleid haben. Man muss dauernd Nein sagen zu Tausenden von Filmemachern und anderen Leuten, die eine Einladung ans Festival wollen. Aber sobald das Festival gestartet ist, muss man sehr offen und nett sein – vor allem auch gegenüber dem Publikum. Das ist ja eines der Geheimnisse von Locarno: Wenige Festivals haben ein so offenes und reich durchmischtes Publikum. Also: Man muss zugleich hart und nett sein. Vielleicht war ich eher zu nett. Vielleicht sollte Olivier Père härter sein als ich – aber nett bleiben dabei. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.07.2009, 06:14 Uhr


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