Filmpolitik als Dorfposse
Von Florian Keller. Aktualisiert am 10.08.2009
Gegensätzliche Meinungen in der Filmbranche: Marco Solari und Nicolas Bideau.
Für den unbeteiligten Beobachter hat sich die Schweizer Filmszene in Locarno als heillos zerstrittener Haufen präsentiert. Die Fronten in dem peinlichen Sommertheater schienen klar verteilt: Auf der einen Seite zwei Berufsverbände, die beim Bundesamt für Kultur mit einer Aufsichtsbeschwerde gegen die administrative Schlamperei protestieren, die angeblich in der Sektion Film herrsche – unter Nicolas Bideau würden gesetzliche Vorschriften verletzt und hängige Geschäfte verschleppt (TA vom Samstag). Auf der anderen Seite eine ebenfalls breit abgestützte Fraktion, die bei jeder Gelegenheit verkündete, dass man die formelle Beschwerde nicht mittrage. Und ein Zürcher Produzent ging als Irrläufer auf dem Boulevard hausieren mit dem Vorwurf, es herrsche Filz im Bundesamt.
Kopflose Filmbranche
Erst jetzt, wo sich der Rauch verzogen hat, zeichnet sich die Pointe dieser filmpolitischen Dorfposse ab. Wer sich hier nämlich bei den Exponenten umhört, nimmt erstaunt zur Kenntnis, dass sich die Filmbranche in der Sache weitgehend einig ist. Auseinander gehen die Meinungen nur, was das Vorgehen betrifft: Die Absender der Beschwerde wollen den Kampf gegen die Missstände unter Bideau öffentlich austragen, um auch auf politischer Ebene Gehör zu finden; die Gegenseite glaubt immer noch an den Dialog mit dem seit je umstrittenen Filmchef.
Mit ihren Auftritten in Locarno haben die Wortführer beider Seiten vorerst Bideau in die Hände gespielt. Schon im Januar hatte der oberste Filmförderer des Bundes im Interview mit dem «Tages-Anzeiger» mit der Aussage provoziert, die Schweizer Filmverbände seien «in einem kranken Zustand». Wie zum Beweis dafür trat bald darauf der gesamte Vorstand des Schweizerischen Produzentenverbandes SFP zurück, um eine eigene Interessengemeinschaft zu gründen. Auch der brancheninterne Schlagabtausch um die Aufsichtsbeschwerde verstärkt in der öffentlichen Wahrnehmung nur den Eindruck einer kopflosen, zersplitterten Filmbranche, die sich in strategischen Grabenkämpfen aufreibt.
Doch Bideau sollte sich deswegen nicht in falscher Sicherheit wiegen. Das Misstrauen gegen seine Amtsführung ist nicht kleiner geworden, und das Bundesamt für Kultur tut deshalb gut daran, die Vorwürfe sorgfältig zu prüfen. Nur wenn der geordnete Geschäftsgang in der Filmförderung gewährleistet ist, lässt sich die Debatte wieder auf jene inhaltlichen Fragen lenken, die viel dringender wären. Die kulturpolitische Frage muss heissen: Wie soll der Schweizer Film in die Zukunft gehen? (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.08.2009, 10:12 Uhr
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