So zärtlich brutal
Von Christoph Schneider, Locarno. Aktualisiert am 10.08.2009
Dossier
Links
Manfred Eichers Verschwinden
Da sitzt er und horcht in die Stille. So, als wollte uns schon seine Haltung zeigen, was es heisst, wenn einer ganz Ohr ist. Das «Leuchten des Klangs», wird Manfred Eicher später sagen, sei immer eine seiner Maximen gewesen.
Fünf Jahre lang haben Peter Guyer und Norbert Wiedmer den Gründer des Musiklabels ECM mit der Kamera begleitet – in der Kirche mit Arvo Pärt oder im Studio mit Nik Bärtsch, an vielen Ecken der Welt. «Sounds and Silence» ist ein Roadmovie auf der Spur des besonderen Klangs. Nur der Reiseführer geht mit der Zeit vergessen: Manfred Eicher verschwindet aus dem Film. Das aber ist wohl auch eine Wahrheit über den Produzenten, der seinen Kontrabass einst in die Ecke stellte, um den Klang fortan als Poet im Hintergrund zum Leuchten zu bringen.
Was man den Regisseuren vorhalten darf: Dafür, dass sie ihren Film «Sounds and Silence» getauft haben, trauen sie der Stille zu wenig. Natürlich war das trotzdem der bislang leiseste Film auf der Piazza Grande. Und das innigste Tänzchen haben wir hier auch gesehen: Da lässt sich Arvo Pärt, dieser bärtige Priester, von seinen Chören so sehr mittragen, dass er seinen Produzenten zum Tanz auffordert. Eicher lächelt verlegen, und dann walzern die beiden für ein paar Drehungen durch die Nikolaikirche in Tallinn.
Manchmal (lang nicht immer) hat das Gefühl, alt zu werden, scheints tatsächlich etwas mit dem Alter zu tun. Das Glas über den Durst zum Beispiel beginnt irgendwann seine Harmlosigkeit und Bekömmlichkeit zu verlieren. So ab Mitte vierzig neigt man zu Fehlsicht und Bauch; und haben Sie gewusst, dass dann auch die Fähigkeit schwindet, geschmolzenen Käse zu verdauen? Selbst eine Altersakne ist schon vorgekommen, nicht einmal eine resistentere Haut hat man der Jugend also unbedingt voraus; das muss ein besonders demütigendes Vergreisungsgefühl sein.
Locker und zärtlich brutal
Diese objektive Symptomatik widerlegt die zunehmend verzweifelte Behauptung, man sei so alt, wie man sich fühle. Und nicht oft hat man das im Kino derart elegant, nämlich so locker und zärtlich brutal in Dialogen verstreut, erzählt und anschaulich gemacht bekommen wie in «Giulias Verschwinden», dem neuen Spielfilm des Zürcher Regisseurs Christoph Schaub.
Am Samstag (das Wetter hielt sich) hatte er Premiere auf der Piazza Grande und war eine niet- und nagelfest gefertigte Tragikomödie des Älterwerdens und der Weigerung, älter zu werden, des Jungseins und der Gewissheit, es zu bleiben, und des unbestreitbaren Altseins. Ein höchst nötiger Auftritt, ausserdem. Er trug wieder etwas künstlerische Würde in den Schweizer Film, der in letzter Zeit ja nicht durch sich selber aufgefallen ist, sondern durch das ihn umspielende Gekiefel.
Das Problem mit dem Fonduekäse
Dabei ging es in «Giulias Verschwinden» nur um eine Frau (Corinna Harfouch), die fünfzig wurde und zum Feiern und zur Konversation über den Cholesterinspiegel nicht aufgelegt war. In einem Bus – wahrscheinlich in Zürich, aber das spielt bei diesem Thema wahrhaftig keine Rolle – traf sie auf sich in allen Altern, sozusagen im Gespensterlicht der Vergangenheit und der Zukunft. Und schliesslich, während ihre Freunde warteten und Zeit hatten zu überlegen, wer ihnen im Alter einmal den Hintern abwischt, lernte sie in einem Brillenladen einen Fremden (Bruno Ganz) kennen, der so altersweise war, das Alter zu ignorieren, und noch etwas weiser, zu wissen, dass er halt trotzdem alt war.
Der Film war dem Regisseur Daniel Schmid gewidmet, für den der Autor Martin Suter ursprünglich das Drehbuch geschrieben hatte. Schmid starb vor drei Jahren, ohne alt geworden zu sein; und vielleicht hätte der grosse Stilist die Geschichte in ein noch ironischeres Theaterlicht getaucht. Aber die konkrete, realistische Originalität von Schaubs Film war auch ganz gut imstand, die Piazza für sich einzunehmen.
Auf solidem Boden des durchschnittlichen Fernsehkrimis
Die Sache mit dem geschmolzenen Käse und der Verdauungsfähigkeit kam übrigens noch einmal vor. Das Problem muss Schweizer Regisseure umtreiben. Frédéric Mermoud, in Sion geboren, liess im Wettbewerbsbeitrag «Complices», einer französisch-schweizerischen Koproduktion, einen Kriminalkommissar, auch nicht mehr den jüngsten, darüber räsonieren.
Vorher hatte die Rhone die Leiche eines ermordeten Strichers angeschwemmt, der Kommissar hatte den Fall gelöst und einer jungen Frau eine zweite Chance gegeben. Mermouds Film, etwas länglich zwar und im Umgang mit einer zweiten Leiche nicht ganz logisch, stand auf dem soliden Boden des durchschnittlichen Fernsehkrimis. Er ergänzte das Kriminalistische aber alterspsychologisch durch die Nachdenklichkeit reifer Polizisten, die sich fragten, ob es besser sei, Kinder zu haben, oder nicht erleben zu müssen, was aus ihnen wird. Wahrscheinlich machte das «Complices» zum Wettbewerbsfilm.
Michel Piccoli, aber keine Wärme
Denn Wettbewerbsfilme in Locarno sind oft Filme, die ein wenig ächzen und in den dramatischen Scharnieren knirschen unter dem Gewicht der seelenkundlichen Motive. Der französische Beitrag «L’insurgée» von Laurent Perreau war da gewissermassen idealtypisch. Ein Grossvater (Michel Piccoli) und seine Enkelin (Pauline Etienne) mussten sich auseinandersetzen: mit sich, miteinander und, wiederum, mit dem Alt- und Jungsein oder dem Gefühl, älter zu werden und sich abhanden zu kommen.
Es hatte – in all seiner Gescheitheit und Gepflegtheit – einen geradezu aufdringlichen Tiefgang; und das lag an den Umwegen, die Perreau seine Figuren nehmen liess: über die Erinnerung an Krieg und Schuld, über den Schwimmsport als Lebensmetapher. Es war alles sehr bedeutsam, aber so kantig Pauline Etienne ihr aufständisches Mädchen spielte und so präsent Michel Piccoli ohnehin immer ist – es fehlte dieser Versuchsanordnung etwas von der Wärme, die Zuwendung schafft. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.08.2009, 07:24 Uhr
Kultur
Grandioses Berg-Erleben.
Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.






