Kultur

Der Soundtrack zur amerikanischen Adoleszenz

Von Christoph Fellmann. Aktualisiert am 04.01.2009

Vor 50 Jahren brachte das Label Motown aus Detroit ein paar der schönsten Hits der Popgeschichte heraus. Heute ist es ein unbedeutender Zweig des Plattenkonzerns Universal.

Produzent Harvey Fuqua (im schwarzen Shirt) schaut sich mit den Temptations ein frühes Video eines Auftritts an.

Produzent Harvey Fuqua (im schwarzen Shirt) schaut sich mit den Temptations ein frühes Video eines Auftritts an.
Bild: Motown Records Archives

Diverse:

The Complete No 1`s (10 CDs, Motown/Universal); von zahlreichen Motown-Künstlern erscheinen zum Jubiläum neue Best-of-CDs unter dem Titel «The Definitive Collection».

Es war drei Uhr morgens, als bei Smokey Robinson das Telefon klingelte und eine aufgeregte Stimme ihn fragte, was er gerade mache. «Was glaubst du, was ich um diese Zeit mache?», fragte Robinson.

Aber Berry Gordy antwortete nicht, sondern gab den Befehl aus: Er solle die Crew zusammentrommeln und schnell ins Studio kommen. «Shop Around», die letzte Single von Smokey Robinson und den Miracles, seit gerade zwei Wochen auf dem Markt, drehe sich die ganze Zeit in seinem Kopf. «Wir haben den Song nicht richtig aufgenommen», sagte Gordy. «Wir müssen den Beat ändern, dann wird ein Nummer-1-Hit daraus.»

Es war im September 1960. Um vier Uhr früh traf Smokey Robinson im Studio ein. Die Miracles und die Band waren auch da, nur ein Pianist fehlte. Berry Gordy, der Besitzer des Labels, setzte sich selber ans Klavier. Nach ein paar Tagen war die neue Version von «Shop Around» in den Läden, und nach ein paar Wochen an der Spitze der amerikanischen Rhythm-`n`-Blues-Charts. Es war der erste Nummer-1-Hit von Berry Gordys Label. 191 folgten. Die gibt es jetzt alle, zusammengefasst auf zehn CDs und verpackt in die Nachbildung des Häuschens am West Grand Boulevard in Detroit, das ab 1959 als Hauptsitz von Gordys verschiedenen Labels diente, vor allem natürlich von Motown. Erschienen ist die Box zum 50. Geburtstag von Motown, der am 12. Januar gefeiert wird.

Zuckerschub für Teenager

Der Erfolg von Motown war immens. Auch und gerade nach 1964: Während die US-Musikindustrie unter der «British Invasion» der Beatles, Rolling Stones und anderen ächzte, etablierte Motown nichts weniger als den «Sound of young America», wie sein Werbeslogan lautete. Das Versprechen, den Soundtrack zur amerikanischen Adoleszenz zu schreiben, löste das Label mit den Supremes oder den Miracles, mit Martha & the Vandellas oder Marvin Gaye mühelos ein – mit einer nicht abbrechenden Reihe genüsslichster Soulpopnummern, die für die Teenager wie ein unendlicher Zuckerschub wirkten. Berry Gordys Grossvater war der Sohn einer Sklavin und eines Sklavenhalters gewesen. Am Ende der 1960er-Jahre war Motown die grösste Firma im Land, die einem Afroamerikaner gehörte. Wenn Gordy ein Exponent der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung war, dann nicht durch politischen Aktivismus, sondern durch diesen beispiellosen Erfolg seiner Firma.

Die eingangs zitierte Geschichte von «Shop Around» zeigt, warum Berry Gordy reüssierte. Erstens wusste er genau, was einen Song zum Hit macht. Zweitens betrachtete er die Songs, die ihm seine Autoren lieferten, nicht als Kunstwerke, sondern als Material, das man mit Blick auf die Hitparade beliebig verändern konnte. Und drittens baute er mit Motown das am besten organisierte Indie-Label der Geschichte auf. Nicht nur, dass die Musiker auch mitten in der Nacht antanzten, wenn der Boss rief. Im Prinzip funktionierte Motown wie die Ford-Werke, für die Gordy in jungen Jahren am Fliessband gestanden hatte.

Sänger, Songwriter, Musiker, Arrangeure – jeder hatte seinen Platz und seine genau umrissene Aufgabe. Das Autorentrio Holland-Dozier-Holland etwa war dafür bekannt, pro Tag zwei bis drei Songs zu schreiben. Welche der Songs mit welchem Sänger aufgenommen wurden, wurde an einem monatlichen Meeting entschieden. Es galt die Stimme der Mehrheit, nur Berry Gordy hatte ein Vetorecht. Mit der anschliessenden Aufnahme der Songs war das Motown-Produkt aber noch nicht fertig: Die Sängerinnen und Sänger wurden bei Motown in Tanz und Choreografie gedrillt, und im Comme-il-faut neben der Bühne.

Natürlich produzierte Motown auf diese Weise viel Massenware. Vor allem aber produzierte die «Hitfabrik» zahllose Klassiker – und ein paar der besten Popsongs aller Zeiten. Wurde das Liebesplangen eines Teenagers je anrührender eingefangen als in Smokey Robinsons «The Tracks of My Tears»? Sein rotznasiges Aufbegehren besser als in Stevie Wonders «Uptight»? Seine naive Verliebtheit schöner als in «My Girl» von den Temptations? Motown nahm die Gefühlswallungen seines jungen Publikums ernst und überhöhte sie zu angemessen kurzen, aber auch angemessen kunstvollen Dramen.

Dass es ein Kapitalist wie Berry Gordy war, der einige der magischsten Popmomente der Geschichte kreierte, und das in einer Organisation, in der sich Sänger, Songwriter und Musiker hart konkurrenzierten: Das mag wie ein Widerspruch klingen. Aber nur solange man glaubt, dass ein grosser Song einzig aus der Inspiration und Beseeltheit eines einzelnen Künstleregos herausbrechen könne, allenfalls noch aus der Reibung mehrerer solcher Egos in einer Band. Motown zeigte, dass es auch möglich ist, die Produktion grossartiger Popmusik zu organisieren.

Viele haben davon gelernt: Die Beatles, die Beach Boys und später Abba hörten genau hin und wurden selber zu kleinen Hitfabriken. Andere – wie die britische Produzenten-Troika Stock, Aitken und Waterman in den 1980er-Jahren – schielten weniger auf die Musik als auf die Professionalität, mit der Pop in Detroit produziert worden war, ebenfalls mit grossem kommerziellem Erfolg. Auch die gecasteten Boy- und Girl-Groups der jüngeren Zeit wirken wie Wiedergänger von Berry Gordys Gnaden, bloss heissen ihre Drillmeister heute anders. Die Castingshows im Fernsehen haben Motown allerdings ganz falsch verstanden: Sie glauben, die Produktion von Stars funktioniere ganz ohne Talent und Können.

Psychedelische Funksinfonien

Talent hatten die Leute, die für Motown arbeiteten, und Berry Gordy hatte das Talent, es zu kultivieren. Aber es war nicht das, was ihn antrieb. Gordy hatte in den Fünfzigern Hits für andere Künstler geschrieben; damit Geld verdient hatten deren Plattenlabels. Dass er 1959 ein eigenes Label gründete, war nur logisch. Nicht umsonst hatte er «Money (That`s What I Want)» geschrieben, das prompt zum ersten Hit von Motown (und von den jungen Beatles gecovert) wurde. Künstlerische Experimente duldete er, solange sie den Geldfluss nicht störten. So konnte Marvin Gaye sein düsteres Meisterwerk «What`s Going On» aufnehmen, und Norman Whitfield baute die Motown-Songs zu den psychedelischen Funksinfonien aus, die in den Siebzigern dann die gesamte Black Music bis hin zu Disco beeinflussten.

Man hat Berry Gordy vorgeworfen, er habe die Black Music verwässert, um sie den weissen Teenagern zu verkaufen. Niemand macht diesen Vorwurf den Beatles oder den Beach Boys. Nein, Motown bedeutete nicht den Ausverkauf der Black Music, sondern ihren kommerziellen und ästhetischen Triumph. Die Plattenmacher von Motown haben das perfide Vorurteil widerlegt, dass schwarze Musik roh, derb und tief zu sein habe. Schöner klingt sie so elegant und schwärmerisch wie in den smarten Songs vom West Grand Boulevard in Detroit. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.01.2009, 21:19 Uhr


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