Kultur

Michael Jackson - fit gefilmt und schön geredet

Von Simone Matthieu. Aktualisiert am 29.10.2009

Der Michael-Jackson-Film «This is it» - von Fans als pietätlose Geldmaschinerie kritisiert, die den Menschen aussen vor lässt -, hat mitreissende Momente. Auch wenn die nur mitbekommt, wer genau hinschaut und hinhört.

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Wer reist um drei Uhr Nachts in die Zürcher Innenstadt um sich einen Konzertfilm anzuschauen? Antwort: Gut 700 Leute, darunter viele Journalisten und Branchenvertreter sowie einige Prominente, denn der Michael-Jackson-Film «This is it» feierte weltweit gleichzeitig Premiere. Es gab also keine Vorveranstaltungen.

Die Comeback-Konzerte, die im Sommer 2009 unter dem Titel «This is it» in London geplant waren, sollten alles bisher dagewesene in den Schatten stellen. Und sie hätten den Endpunkt von Jacksons Karriere markieren sollen. Noch eine Konzertreihe für die Fans (und wohl vor allem auch um seine Schulden loszuwerden) und danach Schluss. This is it - das wars. Ein programmatischer Titel. So die Vorstellung von Michael Jackson, der die Fertigstellung seines letzten Projekts dann aber bekanntlich nicht mehr erlebt hat. Aus den hochtrabenden Plänen wurde nun ein Film, ein fader Abklatsch von dem, was hätte sein können. Ein Film, zusammengeschnitten aus Aufnahmen, die während den Proben zu «This is it» gemacht worden waren.

Jackson durch die Augen der Filmemacher unmenschlich und unnahbar

Kenny Ortega, der Produzent der Bühnen-Shows, mutierte nach Jacksons Tod kurzerhand zum Filmregisseur. Irgendwie muss das Geld, das nicht durch die Konzerte reinfliessen konnte, anderweitig eingenommen werden.

Die Kontroverse im Vorfeld des Filmstarts von «This is it» war gross. Fans monieren, damit würde aus dem toten MJ noch Kohle herausgepresst. Der Film zeige ein völlig falsches Bild von Jackson: So fit und stabil wie der Film suggeriert, sei er zu dieser Zeit längst nicht mehr gewesen. Die aufreibenden Proben zur Konzert-Reihe hätten Jackson dann noch den Rest gegeben. Die Fans geben Ortega also Mitschuld am Ableben ihres Idols. Ortega habe Angst gehabt, dass sich diese Vorwürfe bestätigen, würde man Jackson im Film tatsächlich ansehen wie schlecht sein Gesundheistzustand in diesen letzten Monaten gewesen ist. Ortega habe deshalb alle Szenen, die diesen Schluss zulassen, rausgeschnitten.

Kein einziges Mal sieht man Jackson im Film schwitzen - und das nach Stunden langem Tanzen und Singen im heissen Scheinwerferlicht. Kein böses Wort fällt, alle an der «This is it»-Konzertreihe beteiligten Musiker, Techniker und Tänzer sind voll des gegenseitigen Lobes. Eine grosse, harmonische Familie.

Keine Nachbearbeitung kann die Persönlichkeit eines MJ wegretouchieren

Doch alle Retuschen und rausgeschnittnen Szenen täuschen nicht darüber hinweg: Der Mann dort oben auf der Bühne ist nur ein Schatten seiner selbst. Dürre Beinchen ragen unter übergrossen Blazern hervor. In einigen Einstellungen, die es durch die Zensur hindurch schafften, hört man, wie Jackson kaum sprechen kann, so schwer ist seine Zunge. Das Phänomen kennt man von Menschen, die Schlafmittel einnehmen. Wieviel von dem im Film gezeigten Material wirklich live von Jacko gesungen ist, bleibt im Dunkeln. Die Songs kommen aus der Konserve und sind mit Szenen von verschiedenen Probe-Tagen zu eigentlichen Clips zusammengeschnitten worden. Auffällig: Mehrmals bittet der King of Pop seine Mitmusiker um Nachsicht, dass er nicht aus voller Kehle singen kann - er müsse seine Stimme schonen.

Trotz allem, was man dem Film und seinen Machern zu Recht ankreidet, etwas macht «This is it» doch einzigartig. Zwar wurde versucht, Privates komplett auszuklammern - so sieht man beispielsweise nie ein Familienmitglied Jacksons auf dem Set, obwohl zumindest die Kinder ihrem Vater sicher das eine oder andere Mal bei den Proben zugeschaut haben müssen. Jacksons Persönlichkeit kann jedoch kein Cutter dieser Welt wegschneiden. Und die überstrahlt auch in diesen seinen letzten schwierigen Monaten alles Brimborium, das um ihn gemacht wird.

Wer zwischen den Zeilen liest, kann in diesem Film viel über Michael Jackson lernen. Seine Vision von einer besseren Welt und einem friedlichen Miteinander waren keine leere Phrasendrescherei. Wir erleben den grossen MJ, dem sich die Mitarbeiter in teils groteskem Ausmass anbiedern, als komplett bescheidenen Menschen. Er weiss genau, was er wie haben will, die Kommandos kommen allerdings nie im Befehlston wie bei anderen Stars seines Kalibers. Seine Stimme ist leise. Wenn er etwas will, bittet er darum und vergisst nie den Zusatz «Ich meine das in Liebe». Keiner der Kritisierten fühlt sich deshalb auf die Füsse getreten. Jackson arbeitet mit seinen Leuten, sagt, was er denkt, lenkt aber sofort ein, wenn jemand eine bessere Idee hat. Auch dies eine Qualität, die nur wenige grosse Stars haben und sei es nur aus Angst, ihre Autorität könnte untergraben werden, wenn sie auch andere Inputs zulassen.

Jackson trotz allem menschlich und nah

Jackson geht es nicht darum, der King zu sein, das haben andere aus ihm gemacht. Er ist ein Künstler durch und durch. Auch das wird im Film deutlich. Egal ob Tanz, Gesang, jedes einzelne Instrument: Jackson weiss über jedes Detail Bescheid, weiss, was wo fehlt, wo es nicht ganz stimmt. Und wenn es sich nur um eine einzelne Note handelt, um einen einzigen Tanzschritt. Wie im Traum setzt er seine Show zusammen, weiss was im Moment das Richtige und Passende ist. Hier, auf der Bühne, mit der Musik und dem Tanz ist er im Element. Ganz automatisch beginnt sein Körper zu zucken, sobald die ersten Töne erklingen. Nach einem gelungen Probedurchlauf huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Er schliesst die Augen und sagt fast unhörbar «Bless you». Paradox: Dieser Mann, der alles Materielle auf dieser Welt haben konnte, wirkt in dem Moment vollkommen glücklich, in dem Ton und Tanz übereinstimmen - etwas Unbezahlbares.

Am Ende des Films sagt Jackson zu seiner Crew: «Wir wollen den Leuten mit dieser Show etwas zeigen, das sie noch nie gesehen haben. Und wir haben eine wichtige Mitteilung weiterzugeben: Die Liebe und die Achtung vor unserem Planeten. Ich danke euch allen für eure Unterstützung.» Wie oft wurden seine Weltverbesserungs-Parolen zu unrecht belächelt.

Irgendwie hat sich Jackson am Schluss trotz allem durchgesetzt mit seinem leisen Stimmchen. Dies realisiert allerdings nur, wer genau hinhört. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 29.10.2009, 09:26 Uhr


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