Der Sieg der Patrioten
Von Rico Bandle. Aktualisiert am 17.12.2009 28 Kommentare
Ein wütender Direktor des Zürcher Schauspielhauses fragte diesen Sommer bei seinem Abgang: «Warum müsst ihr euch ständig definieren?» Matthias Hartmann ereiferte sich an einer Gesellschaft, die dauernd mit sich selbst beschäftigt ist und an «heuchlerischen» Auswüchsen des helvetischen Politsystems. So viele empörte Reaktionen Hartmanns Aussage auch auslösten, gänzlich falsch lag er damit nicht: Die Schweiz befasste sich in den letzten Jahren so intensiv mit der eigenen Befindlichkeit, wie seit Max Frisch nicht mehr.
Was sich aber seit Frisch in der Diskussion geändert hat, ist die Stossrichtung. «Ich bin froh, Heimat zu haben, aber kann nicht sagen, es sei die Schweiz», meinte Frisch 1972. Positive Gefühle der Schweiz gegenüber liess er nicht zu – wie die meisten Intellektuellen bis tief in die 1990er Jahre hinein. Heute sehen sich einige Kulturschaffende zwar noch immer als moralische Instanz, so zuletzt bei der Initiative zum Verbot von Kriegsmaterialausfuhren, doch von «Zorn und Scham» spricht niemand mehr. Im Gegenteil: Plötzlich darf man Vorbehalte gegen die EU äussern, man darf die Schweizer Flagge zeigen und sich zur Heimat bekennen – ohne dass man deswegen Verachtung erntet oder in die rechte Ecke gestellt wird.
Heimatliche Gefühle sind plötzlich erlaubt
Wie Künstler positive Emotionen der Heimat gegenüber zulassen können, kommt am schönsten bei Schriftsteller Urs Widmer zum Ausdruck, wenn er schreibt: «Ich kann das Unbehagen vieler Schweizer verstehen, und auch ich würde manche helvetische Eigenheit nicht preisgeben wollen. (...) Ich will weiterhin darüber abstimmen können, ob das Kunstmuseum eine neue Dachrinne erhält oder nicht.» Die Möglichkeit, über eine Dachrinne abzustimmen, ist nicht mehr Grund zu Spott, sondern wird als zentrales Element des schweizerischen Selbstverständnisses anerkannt. Weit weg erscheint da die kühle Absolutheit der Leitsprüche der frühen 1990er Jahre, als es noch hiess, «700 Jahre sind genug!» oder «La Suisse n'existe pas».
Einer der ersten, der einen solchen Pardigmenwechsel propagierte, war Peter von Matt. 2001 publizierte er in seinem Band «Die tintenblauen Eidgenossen» ein Plädoyer für einen unverkrampfteren Umgang mit Mythen: Man solle Mythen nicht mehr als Unwahrheiten und Märchen abtun, sondern sie als identitätsstiftende Legenden mit einer ganz eigenen Wahrheit anerkennen. Sprich: nicht mehr rational nur wissenschaftlich verbriefte Tatsachen zulassen, sondern auch das, was die Menschen im Innern anspricht.
Alle kulturellen und politischen Bereiche betroffen
Angesichts der vielen Erschütterungen, die das Land in den Nuller-Jahren ertragen musste, erscheint von Matts Essay schon fast prophetisch – Mythen und heimatliche Werte bieten Halt in der Krise. Diese Entwicklung allerdings auf die Schweiz zu reduzieren und anhand des Zerfalls nationaler Heiligtümer wie die Swissair oder das Bankgeheimnis zu erklären, greift zu kurz. Denn: Die Rückbesinnung auf heimatliche Werte, selbst in jenen Kreisen, die solche zuvor bekämpften, ist ein gesamteuropäisches Phänomen. Der Ausspruch, man solle den Patriotismus nicht den Rechten überlassen, ist auch nicht eine Schweizer Erfindung, sondern stammt aus Deutschland.
In der Schweiz hat die Tendenz, offen seine Liebe zum Land zu bekennen, fast alle politische und kulturellen Bereiche erreicht. 2001 trat die einstige Links-Aussen-Politikerin und jetzige Sozialdemokratin Anita Fetz bei der UNO-Beitrittsdebatte im Nationalrat mit dem Schweizerkreuz-T-Shirt an den Rednerpult, 2009 feierte der Rapper Bligg grosse Erfolge mit einem Appenzeller Hackbrettspieler im Sennenkutteli auf der Bühne. An dieser offensiven Selbstbezogenheit enerviert sich kaum mehr jemand. Matthias Hartmann hat Zürich längst in Richtung Wien verlassen. Auch das ein typischer Vorgang für die Nuller-Jahre: Die grossen Theater in Zürich, Basel und Luzern haben in den letzten Jahren ihre deutschen Direktoren ersetzt – durch Schweizer. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 17.12.2009, 12:35 Uhr
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28 Kommentare
Wir Schweizer finden uns ja so toll! Leider verdrängen wir, dass wir Weltmeister im Trittbrettfahren und Rosinenpicken sind. Profitieren wollen wir immer, aber uns die Finger dreckig machen auf keinen Fall. Die Neutralität dient uns dabei nur noch als Feigenblatt für unsere Bequemlichkeit. Andere kleine Länder haben inzwischen eingesehen, dass auch sie sich z. Bsp. in Afghanistan engagieren müssen Antworten
Solange alles rund läuft ist der Nationalstolz weit weg. Die Menschen beginnen erst in Krisenzeiten sich an ihr Vaterland zu klammern. Bei Kindern sind die Eltern auch erst wirklich wichtig wenn Probleme vorhanden sind. Natürlich erschwert in der Schweiz der extrem hohe Ausländeranteil ein wirklich breiter schweizer Patriotismus. Schade, den wir leben in einem tollen Land! Antworten
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