Wie Michael Jackson die Musikwelt veränderte
Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 27.06.2009
Wie elektrisiert liess er seine Glieder zucken im Takt der Musik: Michael Jackson als Tänzer. (Bild: Keystone)
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Der Hass und die Verachtung, die ihm immer mehr entgegenschlugen, ist als Ausdruck einer Enttäuschung zu werten. Die meisten schwarzen Musiker haben ganz unten angefangen; aber keiner ist so hoch gestiegen und dann so tief gefallen wie Michael Jackson. Keiner wurde auf so absurde, hysterische Weise verehrt wie er – und verkam dann dermassen zur Lachfigur, zum Freak, zum Monster. Und weil sein Abstieg sich so quälend lange hinzog und er selber mit allem, was er tat und sagte, diesen Abstieg beschleunigte in aller Öffentlichkeit, droht vergessen zu gehen, was ihn so berühmt gemacht hat: Michael Jackson der Sänger, Musiker, Songschreiber, Tänzer und Performer.
Bevor er nämlich mit zehn Meter hohen Denkmälern totalitäre Werbung machte, bevor er für einen Videoclip die halbe Innenstadt von Budapest absperren liess, bevor er durch seine masslose Kaufsucht auffiel und sich an Kinder heranmachte, bevor er seine Haut aufhellte und seine Biografie verdunkelte: Da hatte Michael Jackson die Tanzmusik neu definiert. Und sie mit Auftritten geprägt, welche die Präsentation von Musik für immer verändern sollten.
Der Sänger
Höhepunkt seines Erfolges bleibt das Album «Thriller» von 1982, das sich bis heute über hundert Millionen Mal verkauft hat und dessen Qualität und Erfolg der Sänger nie mehr erreichen sollte. Jackson und sein Koproduzent Quincy Jones hatten dafür 300 Songs ausprobiert, bevor sie sich auf neun verständigten. Vier davon hatte Jackson selber geschrieben oder mitgeschrieben, darunter zwei der aufregendsten des Genres: die federnde, Disco-fähige Ballade «Billie Jean» und «Beat It», diese rasant zuckende Tanznummer, bei der sich die Strassenkämpfe der Ghettogangs zur Choreografie sublimierten.
Mit Stücken wie diesen demonstrierte der scheue Sänger seinen unnachahmlichen Stil, den er auf «Off the Wall», dem Vorgänger von 1979, perfektioniert hatte. Unverkennbar bleibt seine helle, biegsame Stimme, die mühelos zwischen Flüstern und Schreien wechselt und vom Soul-Shout zum Falsett hochgleitet, unterbrochen von den spitzen Gieksern und Atmern, die ihn berühmt gemacht haben. Michael Jackson simulierte, anders gesagt, Beischlafgeräusche im Schnelldurchlauf. Was Prince vollzog, Jacksons erotomaner Kontrahent, deutete Jackson bloss an.
Seine Gesangstechnik hatte er in Begleitung seiner Brüder und für die Plattenfirma Motown entwickelt, der schwarzen Soulfabrik für ein weisses Publikum. Bis zum Ende seiner Karriere klang in seiner Stimme das Wunderkind an, das die schwarze Soultradition schon mit elf Jahren verinnerlicht hatte. Dazu liess sich der Sänger von einer Musik begleiten, die statt der traditionellen Instrumentierung fast ganz auf Elektronik setzte und so die Arrangements der Motown-Schule, sei es Funk oder Streicherballade, für die Achtzigerjahre zurechtmodernisierte.
Der Tänzer
Jacksons Erfolgstrilogie «Off the Wall», «Thriller» und «Bad» bleiben stupende Dokumente einer Tanzmusik, die bis heute eine Fülle von Epigonen inspiriert. Dennoch lässt sich ihr Erfolg damit alleine nicht erklären, jedenfalls nicht in seinen planetarischen Dimensionen. Dazu brauchte es die Videoclips auf MTV. Der Sänger präsentierte sich dabei als einzigartiger Tänzer, der wie elektrisiert die Glieder zucken liess, sich drehte, bog und faltete, um dann seinen gleitenden «Moonwalk» zu vollführen, den die «New York Times» zu Recht als Metapher empfand: Michael Jackson war ein Illusionist, der perfekte Vortäuscher von Gefühlen.
Gerne geht vergessen, dass MTV bis zu diesem Zeitpunkt ausschliesslich weisse Künstler gezeigt hatte, um sein Vorstadtpublikum nicht zu verstören. Erst als Jacksons Plattenfirma mit dem Boykott ihrer Künstler drohte, liess der Sender von seiner rassistischen Programmierung ab; die brillant dramatisierten Videos des neuen Stars taten das Übrige. Michael Jackson, der gebleichte Schwarze, wird oft als Verräter seiner Kultur kritisiert. Doch er hat auch, auf seine Art, schwarzen Musikern den Grosserfolg ermöglicht.
Der Performer
Allerdings hat sein eigener Erfolg das Musikgeschäft auf eine Weise verändert, die auf Kosten vieler anderer ging. Seit Michael Jackson hat sich die Branche darauf kapriziert, sehr viel Geld in sehr wenige Künstler zu investieren, die schon dermassen berühmt sind, dass der Industrie keine Risiken mehr drohen. Gefördert wird das Bekannte, das dafür mit allen Mitteln.
Wozu das führen kann, zeigte Jacksons «Victory»-Tournee von 1984 im Beisein seiner Brüder, eine militärisch geplante, durchchoreografierte, mit Spezialeffekten bestückte, als donnerndes Musical aufgeführte Show zu unerreichbar hohen Preisen. Als Jackson vier Jahre später in die Schweiz kam, überraschte er in Basel dennoch: Der Sänger gab ein aufregendes, stellenweise sogar fantastisches Konzert, das sowohl die Künstlichkeit der Inszenierung wie auch die Stadiondistanzen spielend überwand. Tanz und Musik, Rhythmus und Bewegung waren eins bei ihm, er sang genau so, wie er sich bewegte. Und man realisierte mit einem Mal, dass trotz der Kameras und hinter der Schminke, jenseits der Ankündigungsrhetorik und trotz der beschädigten, beschämenden Biografie ein grosser Künstler vor uns stand.
Vermutlich ist Michael Jackson bis zuletzt das verstörte und misshandelte Kind geblieben, zu dem ihn sein tyrannischer Vater gemacht hatte. Mit all seinen Talenten und all seinen Schwächen. «Viele von Michaels grössten Erfolgen», hat der schwarze Musikkritiker Nelson George einmal geschrieben, «handeln von Paranoia oder Grössenwahn.» Die Erfahrung lehrt, dass das eine unweigerlich zum anderen führt. Und dann wieder zurück. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.06.2009, 09:47 Uhr
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