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Reisen fürs Auge

Neue Serie: Jeden Freitag präsentiert Tagesanzeiger.ch/Newsnetz Fundstücke aus dem Archiv der Fotostiftung Schweiz. Heute: Die Reisefotografien von Joël Tettamanti.

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Joël Tettamanti, geboren 1977 in Kamerun, aufgewachsen in Lesotho und der Schweiz, ist ein moderner Reisefotograf. Wie viele vor ihm reist er an bekannte und unbekannte Orte in allen Weltteilen, jedoch ohne vorgängig tiefschürfende Recherchen anzustellen und ohne je einen Reiseführer zu konsultieren. Es genügt ihm zu wissen, auf welchem Weg man die entlegenen Destinationen erreicht. Allein auf sich gestellt, folgt Tettamanti dann beim Fotografieren keinem vorgefassten Konzept. Er arbeitet intuitiv und lässt sich vom Zufall und unvorhersehbaren Begegnungen zu stillen, einprägsamen Farbbildern inspirieren. Er vermeidet bereits Bekanntes und zur Genüge Gesehenes und ist offen für das Finden von Bildern, die etwas von der Identität der Orte, wie er sie unvoreingenommen erlebt, erfassen.

Joël Tettamanti absolvierte von 1997 bis 2001 ein Studium der visuellen Kommunikation und der Fotografie an der Ecole Cantonale d'Art Lausanne (ECAL). In seinen ersten eigenständigen Arbeiten befasste er sich mit der Landschaft in den Schweizer Bergen («Cols alpins», 2001) und den Agglomerationen des Mittellandes («Stadtland Schweiz», 2002). Danach ermöglichten ihm vor allem Aufträge für Zeitschriften wie «Hochparterre», «Das Magazin» oder «Wallpaper» das Reisen an ferne Orte, an denen er sich jedoch nach langen Flügen oft nur kurze Zeit aufhält. Tettamanti liebt den Jetlag: das Gefühl, zur Unzeit an einem Ort aufzuwachen, an dem man innerlich noch nicht wirklich angekommen ist. So gelangt er auf eine fast traumwandlerische Art immer wieder in unbelebte und ungenutzte Gebiete, die im dämmrigen Licht an der Grenze zwischen Tag und Nacht ihre wahren Reize preisgeben.

Eine Welt, die sich ständig verändert

Überhaupt interessieren Tettamanti Übergänge und Grenzen wie die Alpenpässe, aber auch Landesgrenzen («Ondarribi», Frankreich und Spanien, 2003), weil sie gleichzeitig fliessend und einschliessend sind, weil sie Identität bewahren, aber auch Anstoss zur Überwindung und zur Suche nach Neuem sind. Als eigentlicher Grenzgänger zwischen den Kulturen pendelt er zwischen Grönland und Mexiko, China und Spanien, zwischen Landstrichen, in denen menschliche Präsenz nur zu erahnen ist, und Städten, aus denen die Natur fast gänzlich verbannt wurde. Er richtet seinen Blick auf ganz bestimmte Konstellationen von Objekten, Strukturen oder Bauten, mit denen die Menschen ihre Lebensräume «möblieren»: absurde Baugerüste, provisorische Behausungen, verdichtete Wohnblocks, ausufernde Siedlungen und zeitlose Ruinen – Fremdkörper, am Übergang zwischen Nutzung und Zerfall, wie zufällig abgestellte oder vergessene «Container», von denen weder er noch der Betrachter weiss, welchen Inhalt sie bergen oder welchem Gebrauch sie dienen.

Oft erscheinen sie in einer atmosphärischen Leere, in der sie durch ihre Strukturen und Formen eine oberflächliche Ähnlichkeit und eine innere, rätselhafte Verwandtschaft offenbaren. Sie sind da und warten, wie Tettamanti sagt, bis ihre unscheinbaren Details durch eine sinnliche Qualität des Lichts auf suggestive Art zu sprechen beginnen. Joël Tettamanti gibt keine Erklärungen. Er will die Welt nicht nur anders sehen, sondern eine vielleicht unwirkliche andere – und doch unsere – Welt entdecken. Eine Welt, die sich ständig verändert.

Auch technisch arbeitet Tettamanti hart an der Grenze: Einerseits fotografiert er langsam und äusserst präzise, benutzt wie die Fotografen des 19. Jahrhunderts eine Grossformatkamera mit Stativ und arbeitet oft mit sehr langen Belichtungszeiten sowie konventionellem 4x5-Inch-Farbnegativmaterial. Und andererseits katapultiert er die Bilder nach der Filmentwicklung durch eine hochauflösende Digitalisierung ins 21. Jahrhundert, wo sie als elektronische Datensätze Teil unserer modernen, virtuellen Bildkultur werden. (Martin Gasser)

Erstellt: 28.01.2011, 15:02 Uhr

40 Jahre Fotostiftung Schweiz

Die Fotostiftung Schweiz, 1971 gegründet, setzt sich für die Erhaltung, Erschliessung und Vermittlung von fotografischen Werken ein. Sie betreut ein Archiv und eine Sammlung, organisiert jährlich drei bis vier Ausstellungen in ihren eigenen Räumen in Winterthur, gibt Publikationen zur Schweizer Fotogeschichte heraus und unterstützt das aktuelle Fotoschaffen durch Ankäufe.
www.fotostiftung.ch

Im Jubiläumsjahr präsentiert Tagesanzeiger.ch/Newsnet in Zusammenarbeit mit den Kuratoren der Fotostiftung jede Woche eine Bildstrecke mit Fundstücken aus dem Archiv.

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